"Herr Jesus, beschütze uns auf unserer Reise"

Schwere Reisetaschen werden mehr gezogen als getragen, dazwischen Menschen, die voller Vorfreude auf den Urlaub strahlen und sich von Angehörigen verabschieden, die dabei Tränen in den Augen haben, Geschäftsleute, die genervt davon die Augen verdrehen. Der Flughafenbetrieb läuft wie am Fließband. Paris, Mailand, Istanbul, Moskau, Abu Dhabi. Die Anzeigentafel rattert unaufhörlich. Koffer aufgeben, Passkontrolle, Körperscanner, zum Boarding huschen, ins Flugzeug steigen. Endlich abheben.

Doch etwas abseits gibt es einen Ort der Ruhe. Im Terminal 3 befindet sich die Seelsorge des Stuttgarter Flughafens und der Landesmesse. Tritt man in deren Räume, gelangt man zunächst in eine schlichte Wohnküche mit einem runden Tisch, die zum Verweilen einlädt. Dahinter befinden sich nebeneinander zwei Büroräume, in einem von diesen steht ein gemütliches Sofa. Vor den Büroräumen gibt es eine Kapelle, ein Ort der Stille, um von der Hektik des Flughafens Abstand zu gewinnen und Kraft zu tanken, zu sich zu finden, vielleicht auch Gott zu finden.

Die Kapelle wird fast vollständig von dem kleinen Altar eingenommen. Neben ihm stehen ein großes, schlichtes Metallkreuz und ein Blumengesteck. Durch die Fenster wird die Kapelle in einen leichten bläulichen Schimmer gehüllt. Von Montag bis Freitag ist die Seelsorge geöffnet, täglich findet eine kleine Messe statt. Diese wird gerne besucht, die Gäste freuen sich über die darin gesprochenen Worte und nehmen sie gern auf. Ein Anliegenbuch liegt aus, das es jedem ermöglicht, seine Gedanken niederzuschreiben oder einen Gruß zu hinterlassen. So ist dort zum Beispiel zu lesen: "Herr Jesus, beschütze uns auf unserer Reise. Wir danken für Deine stetige Liebe und hoffen und beten für eine Toleranz der Religionen." Oder: "Es ist schön zu sehen, wie ein Raum von Menschen verschiedener Glaubensrichtungen geteilt und benutzt wird. Auch unsere Welt muss ein Ort sein, in dem wir gemeinsam teilen können." Oder: "Seit Jahrzehnten war ich in keiner Kirche mehr - dieser Raum der Stille - der Andacht - hat mich wirklich erquickt. Ich danke hierfür."

Einer, der diese Worte viele Male liest, ist Dieter Kleinmann. Der 60-jährige Mann mit weißem Haar und Schnurrbart ist der Flughafenpfarrer, der mit seiner freundlichen und besonnenen Art gut zu diesem besonderen und Kraft schenkenden Ort passt. Seit 2012 arbeitet der studierte evangelische Theologe und Wirtschaftswissenschaftler und ehemalige Landtagsabgeordneter der FDP als Seelsorger am Flughafen, zusammen mit der katholischen Kollegin Marjon Sprengel von der Diözese Rottenburg-Stuttgart. Ihnen stehen 30 ehrenamtliche Mitarbeiter zur Seite. Gemeinsam helfen sie immer dort, wo Hilfe benötigt wird. "Ganz wichtig ist es, sich um den Fall zu kümmern, aber noch wichtiger ist es, auf den Menschen persönlich einzugehen", sagt Dieter Kleinmann.

Immer wieder gibt es Fälle, die den Seelsorger besonders beschäftigen. Beispielsweise gab es eine Frau, die auf dem Rückflug aus dem Urlaub im Beisein ihres Mannes verstarb. Dieser versuchte, sie über eine Stunde wiederzubeleben, doch ohne Erfolg. Nach der Landung führte Pfarrer Kleinmann mit dem Ehemann ein längeres Gespräch. Später begleitete er ihn nach Hause. Anschließend blieben die beiden in Kontakt, um miteinander zu sprechen, und trafen sich zu einem gemeinsamen Essen. "Das sind die Dinge, die man nicht vergisst. Solche Fälle zählen zu den schwierigeren und beschäftigen mich nachhaltig", gibt Pfarrer Kleinmann nachdenklich zu. So auch der Fall einer in Bremen wohnenden Frau. Sie litt an einem Gehirntumor, der in Bremen nicht behandelt werden konnte. In Heidelberg wurde sie dann in Begleitung ihres Mannes operiert. Ein halbes Jahr später litt sie erneut unter großen Schmerzen, und als sie zur Nachuntersuchung nach Heidelberg kam, stellte der Arzt fest, dass sie sterbenskrank war, da sie erneut an zwei Hirntumoren litt. Am Flughafen brach sie unter der psychischen und physischen Belastung zusammen. Der medizinische Dienst brachte sie zur Seelsorge. Die Frau erzählte Pfarrer Kleinmann ihre Geschichte. Der hörte zu, bot ihr eine Decke und das Sofa in seinem Büro zum Ausruhen an.

"Manche Menschen brauchen einfach Ruhe und wollen für sich sein, anderen wiederum hilft ein Gespräch bei einer heißen Tasse Tee und ein offenes Ohr", sagt Kleinmann aus seiner langjährigen Erfahrung. Die Hauptsache ist für ihn, helfen zu können, denn: "Es macht mir Freude, Menschen zu begegnen, die Hilfe suchen, und wenn es mir gelingt, ihnen zu helfen, ist das sehr befriedigend. Die Vielfalt finde ich bereichernd; die Herausforderung, relativ unvorbereitet Entscheidungen zu treffen, empfinde ich nicht als belastend."

Doch auch ihn berührt und nimmt es mit, Menschen zu sehen, die mit einer Extremsituation in ihrem Leben fertig werden müssen. Da ist es gut, zwischendurch etwas Abstand zu bekommen. Seine Frau ist ihm dabei eine große Hilfe. "Ich habe das Glück, mit einer Pfarrerin verheiratet zu sein, das heißt, sie steht auch unter Schweigepflicht, und deshalb können wir uns austauschen." Die andere Kraftquelle sind seine Urlaube. "Die genieße ich intensiv und schalte völlig ab. Denn diese Momente der Ruhe sind wichtig, damit ich mich danach wieder mit ganzer Kraft anderen Menschen widmen und ihnen helfen kann."

Informationen zum Beitrag

Titel
"Herr Jesus, beschütze uns auf unserer Reise"
Autor
Julia Maria Schippers
Schule
Theodor-Heuss-Gymnasium , Esslingen
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.08.2015, Nr. 195, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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