Giftige Frösche in der Stube

Ein wohliger Tropenduft strömt durch das dezent beleuchtete Haus von Ernst Ramseier in der Schweiz. Die Geräuschkulisse ist einzigartig. Der Esstisch ist umgeben von diversen Terrarien, und man fühlt sich so, als säße man mitten in einem Regenwald. Voller Begeisterung zeigt der Hausherr seine Kästen, und man merkt so richtig, dass er für seine Frösche lebt. Ramseier ist von guter Statur und hat dünne, graue Haare. Eine Brille verdeckt seine buschigen Augenbrauen. Täglich verbringt er mindestens zwei Stunden mit seinen Fröschen. "Die Zucht über mehrere Generationen und ihr Aussehen faszinieren mich", sagte der 87-Jährige.

Optisch sind die Frösche in der Tat eine Augenweide. Es gibt viele verschiedene Farbkombinationen mit oder ohne Muster. Da ist zum Beispiel der Dendrobates tinctorius: ein Frosch mit blauen Beinen, blau gesprenkeltem Bauch und einem gelb-schwarz gefleckten Rücken. Oder einer, der ganz einfach am ganzen Körper feuerrot ist, der Oophago pumilio.

Schon als kleines Kind kam Ernst Ramseier mit allerlei Tieren in den Hosentaschen nach Hause und raubte seiner Mutter den letzten Nerv. Mit zunehmendem Alter legte er sich Aquarien zu und begann, Fische zu züchten, was ihm einen netten Nebenverdienst einbrachte. Hauptberuflich führte er ein Geschäft, in dem er Werkzeuge für den Werkzeugbau verkaufte. Von Froschzucht hatte damals noch niemand gesprochen, da es keine Händler gab, die die Tiere anboten. Vor rund 50 Jahren kamen die ersten exotischen Frösche aus Mittelamerika in die Schweiz, und so sah Ernst Ramseier eines Tages bei einem Tierhändler im Zürcher Oberland erstmals die kleinen Tiere und war sofort fasziniert. An eine Froschzucht war aber noch bei weitem nicht zu denken, denn man hatte so gut wie keine Informationen über die Giftfrösche.

Später nahm Ramseier Kontakt auf zu Fachleuten in Deutschland, die sich schon länger mit diesem Thema auseinandersetzten, und erlangte wichtige Informationen zur Haltung, wie zum Beispiel über Beleuchtungsdauer, Temperatur und die Größe der Terrarien. Nach zehn Jahren gelang es ihm als einem der Ersten, einen Giftfrosch zu züchten, und nochmals fünf Jahre später begann er intensiv mit der Aufzucht. Die vier wichtigsten Faktoren zur Zucht von Giftfröschen seien ein abwechslungsreiches Nahrungsspektrum, die Temperatur, das Licht und die Feuchtigkeit. Um die optimalen Haltungsbedingungen zu gewährleisten, reiste er mehrmals ins Mekka der Frösche, nach Costa Rica. "Reisen ist das Spannendste, denn da erlangt man sehr viele Erkenntnisse über die Haltung." Er beobachtete zum Beispiel das Verhalten der Frösche in der Natur und passte seine Terrarien den Bedürfnissen der Tiere an. Je nach Froschart werden sie mit exotischen Pflanzen in allen Farben, einzelnen Baumteilen, Felsen, Wasserbecken oder kleinen Hütten, in denen sich die Frösche zurückziehen können, ausgestattet. Adelphobates galactonotus braucht zum Beispiel eine große Bodenfläche und einige Versteckmöglichkeiten, Ranitomeya ventrimaculatus ein hohes Terrarium mit mehreren Etagen, damit er genügend Bewegungsmöglichkeiten hat.

Die Farbfrösche sind sehr giftig, davor warnen die knalligen Farben. Das Gift eines einzigen Phyllobates terribilis zum Beispiel reicht aus, um zehn Menschen zu töten. Das Gift wirkt allerdings nur, wenn es in die Blutbahnen kommt. Für den Züchter ist das halb so wild: Die Pflegefrösche bauen ihr Gift nämlich mit der Zeit ab, da sie sich anders als in der Natur ernähren. Sie erhalten vier bis sechs verschiedene Arten von Nahrung wie zum Bespiel Fruchtfliegen oder Heimchen. "Ich züchte alles selber", sagt Ramseier stolz, und wenn er etwas braucht, was er nicht hat, tauscht er es mit seinen Kollegen. Dasselbe gilt für die Frösche. Jährlich gibt es Froschbörsen. Eine der wichtigsten ist in Rüsselsheim bei Frankfurt am Main. Sie findet jedes Jahr im April statt. Börsen eignen sich besonders gut, um neue Bekanntschaften zu schließen und Frösche zu kaufen oder zu verkaufen. Je nach Rarität und Angebot kosten die Frösche zwischen 40 und 120 Euro. Da Ernst Ramseier ein erfolgreicher Züchter ist, hat er gute Verbindungen zu dem Zoo in Zürich. Die Zucht sei so gut, dass es, wie er sagt, "praktisch null Verluste" gibt und er heute unabhängig von den Wildfängen züchtet.

Da so ein Hobby enorm viel Zeit beansprucht, fragt man sich, wie das Umfeld auf die Froschzucht reagiert. "Das ist kein Problem", sagt er. "Meine Frau steht voll hinter meinem Hobby und findet, ein Tropenausschnitt in der Wohnung ist eine große Bereicherung."

Informationen zum Beitrag

Titel
Giftige Frösche in der Stube
Autor
Fabian Osterwalder
Schule
Kantonsschule Zürcher Oberland , Wetzikon
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 31.08.2015, Nr. 201, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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