800 Glocken und ein historisches Hebammenzimmer

Ein roter Jeep hält in Libingen. Das Schweizer Dorf mit 300 Einwohnern kam im 16. Jahrhundert in den Besitz der Abtei St. Gallen. Zwei Jahrhunderte später erfolgte hier der Bau eines Frauenklosters, das aber nach 21 Jahren aus finanziellen Gründen wiederaufgehoben wurde. Nur eine Gehminute vom ehemaligen Frauenkloster entfernt steigt die Hebamme Luzia Brand aus einem Jeep und öffnet die Tür zur umgebauten Scheune, in der sich das Trychle- und Glockenmuseum ihres Manns Josef Brand, ehemaliger Spenglermeister und Landwirt, befindet. Im Jahr 2009 erwarb das Ehepaar die Rösslischür. Das gab dem 70-jährigen Glockensammler den Platz für seine 800 Glocken, Treicheln und Schellen und seiner Frau Luzia ein Zimmer für ihre Leidenschaft. Treichelnklubs, Schulen, Feuerwehren, Landfrauen und andere Vereine besuchen die Ausstellung, wobei in einer Führung zuerst die Glocken und anschließend das Hebammenzimmer gezeigt werden.

Hier befindet sich ein Hebammenzimmer, in dem alte wie auch moderne Hebammenutensilien ausgestellt sind. Die 72-Jährige hat neben ihren eigenen Gegenständen solche ihrer Mutter und Tochter gesammelt und zeigt "den Wandel der Zeit". Sie öffnet den ledernen Hebammenkoffer ihrer Mutter und gibt den Blick frei auf weiße Tücher, Nabelschnurscheren, Pinzetten, ein braunes, hölzernes Hörrohr, Binden und Kompressen. Es folgen das Stethoskop und ein großes Gerät, das Dopton. Das wird heute noch gebraucht, um die Herztöne eines Ungeborenen anzuhören. Im lichtdurchfluteten Raum gibt es auch ein altes, hohes Bett, eine Wiege und eine Baby-Badewanne.

Die rothaarige Frau zeigt auf die an den Wänden hängenden Urkunden, Bilder von Heiligen, Fotos und eine eingerahmte Rechnung des alten Hebammenkoffers. Von einem Taufkleidchen bis hin zur roten gestrickten Gebärmutter hat die begeisterte Hebamme vieles behalten und ausgestellt. Als Tochter einer Hebamme ging sie schon als Kind mit ihrer Mutter zusammen zur Arbeit. "Wenn sie die Frau versorgt hat, habe ich aus dem Fenster geschaut", erinnert sie sich. Mit 18 Jahren macht sie eine zweijährige Hebammenlehre in der Frauenklinik St. Gallen. Dort ging es vom Gebärsaal zur Station der Wöchnerinnen, dann zur allgemeinen Abteilung, ins Kinderzimmer und schließlich in den Saal der schwangeren Frauen, bevor es wieder von vorne begann. Nach ihrer Ausbildung blieb Luzia Brand zwei Jahre in der Frauenklinik und arbeitete danach in zwölf Schweizer Spitälern als Ferienvertretung. Anschließend wirkte sie fünf Jahre im Spital Wattwil und ab dann in Teilzeit. Zudem war sie als Landhebamme im hügeligen Toggenburg unterwegs und betreute Frauen, die ihr Kind zu Hause gebaren. Unvergesslich bleibt ihr eine Geburt an Weihnachten. An einem 25. Dezember wurde sie zu einer Hausgeburt gerufen. Es gab viele Besucher, irgendwann legten sie sich schlafen, nur die hochschwangere Frau, ihr Mann und die Hebamme blieben auf. Um Mitternacht kam das Kind zur Welt. Der Mann bereitete für alle etwas zu essen vor. Später schickte die Hebamme die erschöpften Eltern schlafen und setzte sich mit dem Neugeborenen auf die Ofenbank. Für die zufriedene Hebamme war es unbeschreiblich. Nur sie und das Kindlein, alleine, im Schein der Kerzen am Christbaum. Stille Nacht, heilige Nacht, alles schläft, nur die Hebamme wacht! "Das ist schön gewesen."

Unterwegs war sie mit dem Auto, musste früher aber oft noch eine Strecke zu Fuß zurücklegen, da die Höfe einsam liegen. Wenn sie zu einer Geburt gerufen wurde, ließ sie sich den Weg genau erklären, denn sich zu verfahren, hatte sie keine Zeit. 20 Jahre lang war sie im Toggenburg als Hebamme unterwegs. Auch wenn sie es schon 6000-mal erlebt habe, sei eine Geburt immer wieder neu, einzigartig. Auch heute ist die fröhliche Frau noch aktiv. Sie führt zwar keine Hausgeburten mehr durch, hilft aber bei Notfallhausgeburten, geht zu Wochenbetten und besucht Weiterbildungen. "Ich merke gar nicht, dass ich 72 bin."

Einmal, so erzählt sie in ihrem Toggenburger Dialekt, holte sie eine Bauernfrau mit dem Rettungswagen ins Spital. Der Weg führte durch einen Wald, als die Frau gebären musste. Sofort ließ die Hebamme den Chauffeur den Wagen anhalten. Sie war solche Situationen gewohnt, ihn aber brachte es durcheinander. Er hielt zwar an, vergaß jedoch, das Blaulicht auszuschalten. Plötzlich waren Stimmen von außen zu hören. Es folgte ein Klopfen an der Wagentür: "Können wir helfen?" Draußen standen Soldaten. Sie hatten das Blaulicht gesehen und gedacht, es gäbe eine Panne. Daraufhin streckte Luzia Brand das neugeborene Kind hinaus. Für sie war es ein wunderschönes Erlebnis, wie die Männer außer sich vor Freude waren und zueinander sagten: "Wie Weihnachten!"

Informationen zum Beitrag

Titel
800 Glocken und ein historisches Hebammenzimmer
Autor
Mirjam Rüegg
Schule
Kantonsschule Zürcher Oberland , Wetzikon
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 31.08.2015, Nr. 201, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

Zeitungszustellung während des Projekts

Probleme bei der projektbezogenen Zeitungslieferung?
Wenden Sie sich unter Angabe Ihrer Auftragsnummer per E-Mail oder per Fax an:vertrieb@faz.de
069-7591-2180