Überall glitzert und funkelt es

Schätze in 18 Vitrinen und 200 Kisten: Klaus Hasemann sammelt Mineralien und besucht Kristallminen und Bergbauanlagen wie andere Museen. Seine Suche geht weiter und weiter.

Überall glitzert und funkelt es im nahe Zweibrücken liegenden Wohnhaus von Klaus Hasemann. Jeder verfügbare Platz, egal ob Regale, Schränke oder Vitrinen: Alles ist bis oben hin mit seltenen Mineralien, glitzernden Kristallen und bunten Achaten belegt. Mehr als 2000 Exemplare dieser faszinierenden und ästhetisch schönen Steinproben befinden sich in seinem Besitz. Zusätzlich zu seiner Sammelleidenschaft bearbeitet der ehemalige Industriekaufmann seine Schätze in seinem Heizungskeller. Die dumpfen Schleifgeräusche wecken bisweilen unangenehme Erinnerungen an Zahnarztbesuche. Ebenso wie dieser arbeitet auch der weißhaarige Rentner an teilweise porösem Material.

Ihren Anfang nahm diese Freizeitbeschäftigung vor mehr als 40 Jahren, als Hasemann bei einem Geschäftsessen mit dem Laborleiter einer Papierfabrik in Kontakt kam. Als dieser von seinem Hobby, dem Sammeln von Mineralien, erzählte, war Hasemann spontan begeistert. Er informierte sich über das Mineraliensammeln, besuchte Mineralogie-Kurse an Volkshochschulen und Ferienseminare an der Berguniversität Clausthal-Zellerfeld im Harz. Nachdem er das nötige Grundwissen erworben hatte, war er nicht mehr zu stoppen. Er besorgte die nötige Ausrüstung, wie Schutzhelm, Hammer, Vorschlaghammer und Meißel. Jedes freie Wochenende nutzte er seitdem für das Hobby, oft wurden aus den Sammlertrips Familienausflüge. Seine Frau und seine beiden Töchter unterstützten ihn tatkräftig. Sie wurden als Helfer auch dringend gebraucht, um die teils zentnerschweren Säcke mit Mineralien zum Auto zu schleppen. Zu Hause angekommen, wurde der Fund sofort untersucht. Dabei wurde vor allem viel aussortiert. Die seltensten und schönsten Steine wurden sorgfältig gereinigt und mit einem Etikett versehen, auf dem Name, Jahr und Fundort des Minerals stehen. Anschließend fanden sie ihren Platz in einer der 18 Vitrinen, in denen der eher introvertierte Mineraliensammler seine Schätze aus allen Teilen der Welt aufbewahrt. Weniger seltene Exemplare bewahrt der 70-Jährige in rund 200 Tomatenkisten auf. Das Highlight seiner Sammlung ist die Kopffläche eines Calcits, den ihm seine Frau in Indien gekauft hat. Hasemann reiste viel in exotische Länder. Überall machte er Minen und Bergbauanlagen mit seiner Sammelleidenschaft unsicher. Allerdings ging es nicht immer mit rechten Dingen zu. "Man bewegt sich da immer am Rande der Legalität", sagt er mit verschmitztem Grinsen. Als er in Indien auf Mineraliensuche war, wäre er beinahe erwischt worden. "Wir sind extra früh zu einer Mine gefahren, in der Hoffnung, der Aufseher würde noch seinen Rausch ausschlafen." Man unterhielt sich kurz mit den Arbeitern, dann ging es los. Die Sammler fanden hauptsächlich Skolezitkristalle. "Als wir dann zum Auto zurückgingen, sahen wir, wie ein Mann in unsere Richtung zeigte und etwas rief. Mir war sofort klar, dass der Arbeiter den Aufseher ruft, also sind wir zu unserem Auto gerannt." Doch es ging nicht immer so glimpflich aus. Als er in Deutschland auf Mineraliensuche war und eine Mine auf einem Privatgrundstück erkunden wollte, wurde er vom Besitzer mit einer Waffe bedroht. Auch wenn solche Vorfälle selten sind, ist das Hobby nicht ganz ungefährlich. "Da war ich echt kurz davor, die Polizei zu holen und den anzuzeigen", sagt Hasemann mit Wut in der Stimme.

Mineraliensammler untereinander pflegen zumeist einen freundlichen Umgang. "An guten Tagen, wenn ich mehr finde, als meine Frau und ich tragen können, lege ich den Rest meistens in die Nähe des Eingangs, damit ein anderer Sammler oder abenteuerlustige Kinder sich darüber freuen können." Auch er fand schon mehrere solcher kameradschaftlichen Geschenke. Das Sammeln sei jedoch immer schwieriger geworden. Aufgrund zahlreicher Unfälle wurden die Sicherheitsbestimmungen drastisch verschärft. Es sei kaum noch möglich, eine Bergbauanlage auf eigene Faust zu erkunden. Viele selbsternannte Sammler informierten sich unzureichend oder seien schlichtweg fahrlässig im Umgang mit dem schweren Werkzeug. Hasemann bedauert dies. "Ich habe schon viele Leute erlebt, die ihr Glück versuchen wollten, ohne sich ausreichend zu informieren. Durch mangelnde Kenntnisse und Unachtsamkeit kommt es dann schnell zu vermeidbaren Unfällen." Er selbst geht heute nicht mehr auf Mineraliensuche. Auf seinen zahlreichen Reisen besucht er aber Kristallminen und Bergbauanlagen und kauft sich meistens Mineralien als kleines Andenken.

Heute fragt er sich etwas wehmütig, was einmal aus seinem Lebenswerk werden wird. Er hofft, dass es vielleicht eines Tages von seinen Kindern oder seinen Enkeln weitergeführt wird, aber bis es so weit ist, wird er seine Sammlung beständig erweitern. Seine Frau sagt immer, solange er noch lebt, soll er sich daran freuen. Sollte sein Vermächtnis in ferner Zukunft an ein naturwissenschaftliches Museum gehen, locken seine Schätze sicher die nächste Generation Mineraliensammler an.

Informationen zum Beitrag

Titel
Überall glitzert und funkelt es
Autor
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 31.08.2015, Nr. 201, S. 26
Schule
Elsa-Brändström-Gymnasium , München
Quelle
Elsa-Brändström-Gymnasium
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

Zeitungszustellung während des Projekts

Probleme bei der projektbezogenen Zeitungslieferung?
Wenden Sie sich unter Angabe Ihrer Auftragsnummer per E-Mail oder per Fax an:vertrieb@faz.de
069-7591-2180