Beste Freunde in der Mannschaft

Yousef und Maxime trainieren in der begehrten U-17-Jugendmannschaft des FC Bayern München.

Das Fastfood-Restaurant an der Tegernseer Landstraße ist an einem Montagabend gut besucht. Den beiden 17-Jährigen, die es sich in einer Nischen gemütlich gemacht haben, schenkt niemand viel Beachtung. Wie andere Teenager tragen sie Sneaker, Sweatshirts und Jeans und haben ihre Handys vor sich auf den Tisch gelegt. Was die Gäste nicht ahnen, ist, dass diese beiden in ein paar Jahren vielleicht gefeierte Stars sein werden. Denn Yousef Emghames und Maxime Awoudja spielen Fußball in der U-17-Jugendmannschaft des FC Bayern München. Sie leben den Traum unzähliger Jugendlicher.

Nicht umsonst warten bei jeder öffentlichen Trainingseinheit zahllose Fans hinter den Zäunen, um ihren Idolen ganz nah zu kommen. Für Yousef und Maxime ist es ganz normal, den Profis über den Weg zu laufen. Für Yousef ist es kaum zu vermeiden, denn er wohnt im Bayerninternat direkt am Trainingsgelände in der Säbenerstraße. "Trotzdem habe ich es schon mal geschafft, zu spät zu kommen, obwohl die Kabine nur 15 Sekunden entfernt ist", lacht er.

Im Internat leben 13 junge Talente zwischen 14 und 18 Jahren, die, auch wenn sie eigentlich weit weg wohnen, so die Möglichkeit haben, sich beim amtierenden deutschen Meister ausbilden zu lassen. Die Plätze sind begehrt, und nur die Besten schaffen es dorthin. Das weiß auch der gebürtige Berliner, trotzdem wirkt er nicht abgehoben, wenn er von sich erzählt: "Mein Vater spielt Fußball, mein Bruder spielt Fußball, meine ganze Familie spielt Fußball. Ich hab mit sechs bei einem kleinen Verein gespielt und dann direkt ein Angebot von Hertha bekommen und bin dahin gewechselt. Dort habe ich sieben Jahre lang gespielt und danach bin ich zu Bayern." Nüchtern schildert er eine Geschichte, die andere staunen lässt. Sein erstes Angebot aus München erhielt er bereits mit zwölf, die Reise trat er aber erst zwei Jahre später an. Dass er sich Zeit für seine Entscheidung ließ und auch andere Vereine in Betracht zog, ist verständlich. Auf der einen Seite stehen Familie, Freunde und die Heimat, auf der anderen Seite sein großer Traum. Obwohl erst 14 Jahre alt, ließ er sich bei seinem Entschluss trotzdem von niemandem beeinflussen.

So begann seine Zeit im Internat des FC Bayern München. Auf den ersten Blick ein beneidenswertes Leben. "Also Regel Nummer 1: Ohne Eltern!" lacht er, wird aber sofort wieder ernst: "Am Anfang war es schwer für mich, weil meine Eltern ja so weit weg sind. Aber ich hab mich jetzt schon daran gewöhnt. Es ist einfach anders. Man hat weniger Freizeit als davor." In seine Heimat Berlin kann er jetzt nur noch viermal im Jahr reisen. Doch abgesehen davon und natürlich bis auf das manchmal sogar zweimal tägliche Fußballtraining unterscheidet sich sein Tagesablauf nicht besonders von dem anderer Jugendlicher.

Ganz normal gehen die Jungs zur Schule und auch zur Nachhilfe, denn einen ordentlichen Schulabschluss soll jeder erreichen. Nur in Ausnahmefällen kommt es vor, dass der Sport der Schule vorgezogen wird. Aber auch andere Werte will der Verein den jungen Talenten vermitteln. "Disziplin wird sehr gern gesehen bei uns. Man sollte nicht ausrasten und so ein Kandidat für die Rote Karte sein." Auf Höflichkeit und Respekt wird geachtet. Alkohol ist im Internat sowieso verboten. Immerhin sollen die Spieler den FC Bayern in der Öffentlichkeit repräsentieren. Viele Regeln und eine strenge Hausordnung sind daher nicht verwunderlich. "Wenn man zu spät zum Frühstück kommt, zahlt man fünf oder auch zehn Euro, und man darf keine Jogginghose anhaben, sondern sollte schon was Ordentliches tragen", sagt Yousef.

Mit 18 Jahren verlassen die Spieler das Internat und ziehen in eine vom Verein gestellte Wohnung ein. Um die Jugendlichen auch darauf optimal vorzubereiten, lässt der Verein sie vieles allein regeln. "Also es ist so, dass wir uns am Mittwoch, Freitag, Samstag und Sonntag am Abend selbst verpflegen müssen." Dann kochen die Jungs oft etwas in ihrer kleinen Küche. Daneben haben sie noch ihren Gemeinschaftsraum. Und jeder hat ein eigenes Zimmer. Beim Einzug sind die Möbel wie Bett, Schrank oder Fernseher schon da, was die Spieler mitbringen, sind die persönlichen Gegenstände, Fotos von der Familie oder Poster von Vorbildern, die sie an ihr großes Ziel erinnern und motivieren. Denn obwohl er sich mit seinen Mannschaftskollegen gut versteht, ist es trotzdem ein stetiger Konkurrenzkampf. "Auf meiner Position gibt es halt einen oder zwei, die auch da spielen könnten, man muss sich durchsetzen, damit man von Anfang an spielt. Man muss schon Gas geben." Da gibt ihm auch Maxime recht, der nicht nur in seinem Team, sondern auch einer seiner besten Freunde ist. Die beiden kennen sich seit acht Jahren. "Ich hab eigentlich nichts mit Leuten außerhalb des Fußballs zu tun, ich hab meine besten Freunde in der Mannschaft", sagt Yousef. Man bleibt also unter sich, die gleichen Interessen, die gleichen Träume und Probleme.

Yousef erklärt noch einen anderen Grund für seine eher vorsichtige Wahl des Freundeskreises: "Es gibt solche Jungs, die am Anfang so tun: ,Ja es ist egal, dass du bei Bayern spielst, ich bin nicht nur deswegen mit dir befreundet', aber dann kommt: ,Krieg ich eine Karte für dieses oder jenes Spiel?' oder so, da merkst du sofort, dass sie dich nur ausnutzen wollen." Deshalb ist sein Status als Bayernspieler auch etwas, mit dem der 17-Jährige nie angeben würde: Trotzdem werden immer mehr Menschen auf den Jungen aus Berlin aufmerksam. "Na ja, was heißt: Ich hab Fans?", meint er fast schon verlegen. "Natürlich hat er!", fällt Maxime ihm sofort ins Wort. "Aber ich glaub, jeder gute Spieler hat Fans. Wer beim FC Bayern spielt, ist eigentlich sowieso schon beliebt, also rein aus Prinzip, denk ich", versucht Yousef auszuweichen. Doch eine Fanseite bei Facebook und die vielen Abonnenten seines Instagram-Accounts sprechen für sich.

"Es gibt welche, die wollen plötzlich Anwalt werden oder so", lacht er. Für ihn ist das keine Option, und obwohl eigentlich jeder der Jungs allein für sein großes Ziel kämpfen muss, steht eine Sache außer Frage: "Natürlich will man immer gut sein, aber ohne meine Mitspieler schaff ich ja gar nichts. Ich kann ja nicht allein gegen elf Mann spielen." Auch Teamgeist zu entwickeln, lernen die jungen Talente bereits früh. Dass Menschen sie trotzdem als arrogant bezeichnen, ist etwas, das sie wegstecken müssen. "Das sind diese Neider, die auch gerne spielen würden, es aber nicht schaffen", meint Yousef. Dass es in nächster Zeit noch mehr von ihnen geben könnte, davon lässt er sich nicht beirren. Mittlerweile ist es spät geworden. "Ich muss um zehn zurück sein, dann ist Nachtruhe", erklärt er. Regel ist Regel, und ein zukünftiger Fußballstar sollte immer ausgeschlafen sein, wenn er auf dem Trainingsplatz alles geben will.

Informationen zum Beitrag

Titel
Beste Freunde in der Mannschaft
Autor
Nele Klatt
Schule
Asam-Gymnasium , München
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.09.2015, Nr. 207, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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