Liebend gern auf Platz zwei

Alexandra Uhlig spielt die zweite Flöte bei den Wiener Symphonikern. Die Professorin und Mutter von zwei Kindern hat trotz großer Konzerterfahrung immer noch Lampenfieber. Besonders Auftritte in Japan findet sie gut.

Siebenundzwanzig Querflötisten und Querflötistinnen müssen vor der Jury vorspielen, die schwierigsten Stellen aus der Orchesterliteratur für ihr Instrument, immer hinter einem Vorhang, damit sicher nur die Musik bewertet wird. Die Jury besteht aus Mitgliedern des Orchesters, jede Stimmgruppe entsendet einen Vertreter. Nach und nach wird ein Musiker nach dem anderen aussortiert. Am Ende bleiben drei Kandidaten übrig, unter anderem Alexandra Uhlig, als einzige Frau. Dass sie schließlich das Vorspiel gewinnt und sich damit für ein Probejahr im Orchester der Wiener Symphoniker qualifiziert, ist überraschend: Die Symphoniker sind zu diesem Zeitpunkt ein eher von Männern dominiertes Orchester.

Mit zwölf Jahren begann sie am Konservatorium der Stadt Innsbruck mit Flötenunterricht, hatte ab dem fünften Lebensjahr Klavier und Blockflöte gelernt. Ein Jahr nach ihrem Schulabschluss am Humanistischen Gymnasium legte sie ihre Abschlussprüfung im Konzertfach am Konservatorium Innsbruck ab. "Danach bin ich an die Hochschule für Musik und Darstellende Kunst nach Wien gegangen. Dort studierte ich noch fünf weitere Jahre Flöte als Konzertfach und die Instrumentallehrbefähigung." Ein halbes Jahr vor dem Konzertdiplom kam das Probespiel für die zweite Flöte im Orchester der Wiener Symphoniker. Nach einem Probejahr wurde sie unbefristet angestellt. Sie lebte sich gut in das Orchester ein, was wohl einerseits mit ihrer Freundlichkeit zusammenhängt, allerdings auch mit der homogenen Zusammensetzung des Orchesters. "Auch wenn die musikalische Qualifikation höchste Priorität besitzt, achtet das Orchester auch darauf, dass überwiegend Musiker eingestellt werden, die zumindest teilweise in Wien ausgebildet wurden, damit sie stilistisch und von der Klangvorstellung in das Orchester passen." Einen ihrer Kollegen kannte sie sogar schon, weil er ihr Vorgänger als Flötist in einer Wiltener Stadtmusikkapelle war, in die sie mit vierzehn Jahren eintrat.

Uhlig bekam einen Lehrauftrag am Konservatorium der Stadt Wien. 2012 wurde sie für ihre Lehrtätigkeit und außerberufliche Verdienste ehrenhalber zur Professorin erhoben. Ihren Mann Martin heiratete sie im Jahr 1992, sie hat mit ihm zwei Kinder. Obwohl sie seit 1997 die stellvertretende Soloflötistin des Orchesters ist, entschied sie sich, sich nicht auf die vor wenigen Jahren freigewordene Stelle als Erste Flöte zu bewerben: "Ich bin heute 54 Jahre alt, und weil für ein Orchester Kontinuität am wichtigsten ist, habe ich mich nicht beworben. Wenn ich die Stelle tatsächlich bekommen hätte, hätte man in wenigen Jahren ja wieder jemand Neues finden müssen." Ausgelastet ist sie auf jeden Fall: Abgesehen von ihrer Rolle als zweite Flöte, stellvertretende Soloflöte und Piccolo im Orchester und ihrer Lehrtätigkeit ist Uhlig auch Mitglied mehrerer Ensembles, unter anderem im Barockensemble der Wiener Symphoniker. Mit ihren Ensembles spielt sie Konzerte und nimmt CDs auf.

Den größten Teil ihrer Tätigkeit stellen die Konzertprogramme dar, die meist im Wiener Konzerthaus oder im Wiener Musikverein stattfinden. Für diese Konzerte gibt es fünf Proben innerhalb von drei Tagen, dazu kommen noch mehrere Konzertreisen im Jahr. "Im Januar findet immer eine Österreich-Reise mit vier bis fünf Konzerten in verschiedenen Landeshauptstädten statt. Weitere Reiseziele sind zum Beispiel Deutschland, Spanien, die Schweiz und Italien. Insgesamt sind es zwischen drei und sechs Reisen pro Jahr. Noch dazu kommen im Sommer etwa zwei Monate Verpflichtung als Orchester bei den Bregenzer Festspielen."

Aber es geht auch zu exotischeren Reisezielen. "Ich reise am liebsten nach Japan, das mich als Land sehr begeistert. Die Kultur, das Essen, die Menschen hinterlassen viele unterschiedliche Eindrücke, die man außer den musikalischen Eindrücken nach Hause mitnehmen kann." Für Besichtigungen bleibt meist wenig Zeit. Dass sie mit der großen Gruppe ihrer Kollegen unterwegs ist, stört sie nicht. "Grundsätzlich ist das Orchester wie eine große Zweitfamilie, weil das gemeinsame Ziel, ein gutes Konzert zu spielen, auch menschlich sehr verbindet." Ihre Erstfamilie, vor allem ihre Kinder, mit ihrem Beruf zu verbinden war dagegen nicht immer einfach. "Natürlich hatten einige ihre Zweifel, ob ich Mutterschaft und Musik unter einen Hut bringen konnte, aber zum Glück habe ich eine sehr liebe Schwiegermutter, die während aller meiner Tourneen auf die Kinder aufgepasst hat, solange ich sie gebraucht habe. Ansonsten habe ich mit Leih-Omas gearbeitet, die der katholische Familienverband vermittelte und die stundenweise auf meine Kinder aufpassten."

Auf ihre Kinder abgefärbt hat ihr musikalischer Geschmack aber nicht unbedingt: Ihr Sohn Moritz spielt Bass in einer Metal-Band und hört überwiegend Metal. Er bringt seine Mutter mit neuen Musikrichtungen in Kontakt: Privat hört sie nämlich neben der obligatorischen Flötenmusik aus unterschiedlichen Epochen auch Barbra Streisand, Amy Winehouse und den Jazz-Bassisten Avishay Cohen. Auf einen Lieblingskomponisten will sie sich nicht festlegen: "Man kann aber natürlich sagen, dass die großen Komponisten wie Mozart, Bach, Schubert oder Bruckner zu Recht von vielen geschätzt und verehrt werden, weil sie beim Zuhören als auch beim Musizieren viele Emotionen und positive Energie auslösen."

Anders als die musikalische Ausrichtung ist die Farbe der Konzertkleidung bei Mutter und Sohn gleich: Die großgewachsene Österreicherin hat bei Auftritten immer Schwarz an, bei abendlichen Konzerten ein langes Kleid oder eine Hose mit langem Oberteil, vormittags ein kurzes Kleid oder einen Hosenanzug. In Opern trägt auch manchmal das ganze Orchester schwarze Hose und schwarzes Hemd. Ihr dunkelblondes Haar trägt sie kurz und hält es mit einem Haarreif aus dem Gesicht.

Ihre kostbaren Instrumente musste sie in jungen Jahren von den Kindern fernhalten. "Der Preis der Flöten hängt stark vom Material ab, es gibt Instrumente aus Holz, Silber, Gold oder Platin. Meine Instrumente sind aus Silber, einer der Flötenköpfe, also der obere Teil der Flöte, ist aus Gold. Sie kosten etwa 25 000 Euro je Flöte. Zusätzlich habe ich noch drei Piccoli, die auch noch mal 5000 Euro kosten." Sie hat ihre Flöten selbst finanziert, allerdings würde das Orchester den Musikern ihre Ausrüstung, die sich je nach Instrument preislich zwischen Kleinwagen und Luxusauto bewegt, auch stellen.

Auf ihren Flöten übt sie täglich etwa drei Stunden, zusätzlich zu Proben mit Orchester und Ensembles. Noch immer hat sie manchmal Lampenfieber: "Wenn ich im Orchester spiele, habe ich höchstens vor schwierigen Stellen ab und zu Herzklopfen, aber vor Solokonzerten habe ich natürlich auch mal Lampenfieber. Lustigerweise wird es sogar mehr, je älter ich werde."

An große Fehler im Orchester kann sie sich nicht erinnern. "Selten gibt es kleinere Fehler, es sind schließlich Live-Auftritte, aber man kann sie eigentlich immer problemlos kaschieren." Positive Erlebnisse überwiegen. "Ich erinnere mich besonders gerne an den Dirigenten Georges Prêtre, weil mit ihm jedes Konzert ein Erlebnis war. Er schafft es perfekt, hundert Leute auf ein Ziel zu fokussieren, sodass intensive Interpretationen entstehen können."

Informationen zum Beitrag

Titel
Liebend gern auf Platz zwei
Autor
Nicolas Walka
Schule
Goethe-Gymnasium , Ludwigsburg
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.09.2015, Nr. 213, S. 30
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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