Er spielt Klavier und kickt - trotz allem

Eintracht Braunschweig gegen BSG Hildesheim. Das Publikum steht still am Spielfeldrand, der Ball klingelt, die Spieler tragen Kopfschutz, und man hört öfters das Wort ,,voy". Blinde Menschen spielen Fußball. Einer ist Max Grote. Der schmale, mittelgroße 18-Jährige aus Haselünne, einer Kleinstadt im Emsland, ist seit seiner Geburt blind. Doch seine Eltern wollten nicht akzeptieren, dass er am normalen Leben nicht teilhaben kann. "Max hat sich zu seinem fünften Geburtstag Rollschuhe gewünscht, wie viele seiner Freunde. Und er hat sie bekommen, obwohl uns die Erfüllung seines Geburtstagwunsches nicht leichtgefallen ist. Er hat geübt wie jedes andere Kind. Gut, vielleicht mit ein paar Schrammen mehr", sagt Christoph Grote, Zahntechniker und sein Vater.

Karneval verkleidete sich Max als Steve Wonder. Die meisten Bekannten reagierten darauf erschrocken, worauf die Mutter lässig entgegnete: ,,Blind ist er ja schon, und Klavier spielen kann er auch ganz gut." Bereits mit drei Jahren nahm er Klavierunterricht, wobei man jedoch merkte, dass die klassische Richtung für den Jungen nichts war. Max mochte Techno und wollte Lieder aus den Charts nachspielen. "Die klassischen Lieder fing er gar nicht erst an zu üben", sagt sein Vater. So fand der Klavierunterricht ein Ende, was nicht bedeutet, dass der Teenager sich von der Musik entfernte. Zu Weihnachten bekam er sein erstes Keyboard, zum vierten Geburtstag Bongos. Er brachte sich die Lieder und Melodien selbst bei, indem er sie hörte und immer wieder nachspielte. Auf die Frage, wie er denn ohne zu sehen, die richtigen Tasten treffen könne, antwortete er trocken: ,,Die Tasten musst du ja nicht sehen, um sie zu spielen." Durch eine spontane Aktion kam es dazu, dass der 18-jährige sogar in der Adventszeit für eine Shoppingmall gebucht wurde, um die Leute durch seine Musik in weihnachtliche Stimmung zu versetzen. Er war in den Sommerferien mit seiner Familie nach Meppen im Emsland gefahren, um dort lediglich zu frühstücken. In der Fußgängerzone stand ein Klavier mit der Aufschrift "Spiel mich". "Ich glaube, es war hauptsächlich für Kinder gedacht, um ein bisschen zu klimpern. Aber dann meinte meine Tante, ich sollte doch mal ein bisschen spielen, und ich habe mir gedacht, warum nicht, ist ja eigentlich ganz cool", sagt er. Die Passanten waren begeistert von dem Jungen, der auf ihre Liederwünsche einging, wovon die gespendeten 160 Euro zeugen. ,,Ich habe gedacht, ich setze mich da eine Viertelstunde hin, spiele ein paar Lieder, und das reicht, aber als ich irgendwann aufgehört habe zu spielen, waren drei Stunden vergangen." Auf diese spontane Aktion hin folgte dann die Einladung einer Eventagentur der Meppener Einkaufspassage, in der Adventszeit an den Samstagen für jeweils ein paar Stunden dort zu spielen. An den Wochenenden legt er öfters mal als DJ auf Partys oder auch mal in einer Discothek auf, besucht Festivals oder arbeitet an dem einen oder anderen Remix. In manchen Situationen wird deutlich, dass es für Max nicht immer ganz so einfach ist, blind zu sein, auch wenn er gut damit umgehen kann. So wechselte er nach dem achten Schuljahr auf das Blindeninternat in Marburg, da die Möglichkeiten an seinem normalen Gymnasium eingeschränkt waren. Nach dem Abitur absolviert er nun ein freiwilliges soziales Jahr in Lüttich. Er arbeitet dort mit hilfsbedürftigen Jugendlichen.

Auf einen Blindenstock verzichtet er und vertraut stattdessen auf die Hilfe anderer Menschen, auf die er, vor allem durch seine Offenheit, problemlos zugeht. So fährt er regelmäßig mit dem Zug, um Freunde aus seiner Schulzeit zu besuchen, die in weiter entfernten Städten wohnen, da es in ganz Deutschland nur wenige Blindenschulen gibt. Zu dieser Offen- und Selbstsicherheit haben vor allem seine Eltern und seine Schwester beigetragen. Sie versuchten, einen Weg zu finden, bei dem sie Max unterstützten, aber nicht verhätschelten. Mit 14 Jahren kam er durch eine Werbeveranstaltung des DFB zum Blindenfußball, den es erst seit 2006 in Deutschland gibt. "Es war schon eine große Überwindung für uns, unseren Sohn auf den Fußballplatz zu lassen, wenn man weiß, dass die Spieler nichts sehen und kreuz und quer durcheinanderlaufen", sagt seine Mutter Andrea Grote, eine Krankenschwester. Diese Veranstaltung fand im November 2008 in Hannover statt. Der Nationaltrainer der deutschen Blindenfußballmannschaft wollte Mitglieder für weitere Mannschaften akquirieren, da es in Niedersachsen noch keine einzige Blindenfußballmannschaft gab. "Mehrere Leute, die Interesse hatten, meldeten sich, genau wie ich. Es war auch ein Spieler dabei, der vorher bei der Blindenfußballmannschaft von St. Pauli spielte, weil es in der Nähe keine andere gab." So fand sich dann die Blindenfußballmannschaft des Vereins Eintracht Braunschweig zusammen, die 2009 mit dem Training startete und sich ein Jahr später in der Bundesliga anmeldete. Max war mit seinen 16 Jahren einer der jüngsten Spieler. Es gibt keine Altersbegrenzung, die Spanne reicht von 14-jährigen bis zu 60-jährigen Spielern. Die Mannschaft trainierte zu Beginn nur einmal im Monat, da die Spieler in ganz Niedersachsen wohnen. Im Jahr 2012 wurden die Niedersachsen sogar deutscher Meister.

Immer wenn die Spieler angreifen, müssen sie ,,voy" sagen. Das ist Spanisch und heißt "ich komme". Sagt man das nicht, dann ist das ein Foul. "Aber nur wenn man den Ball übernehmen will, sonst würde man ja nichts mehr hören", erklärt Max schmunzelnd. Außerdem gibt es sogenannte Guides, je Team jeweils drei, die nicht blind sind und den Spielern Hinweise geben. Einer von ihnen ist der Torwart, meistens ein ausgebildeter Handballtorwart. Ein weiterer Guide steht hinter dem gegnerischen Tor und der letzte am Seitenrand auf Höhe der Mittellinie, wobei das Spielfeld mit seinen 20 mal 40 Metern deutlich kleiner ist als das normale Fußballfeld. Gespielt wird mit Kopfschutz und Eye Pads, doppellagige Pflaster, die sich die Spieler auf die Augen kleben, damit ein Restsehen oder eine Sehbehinderung keine Vorteile gegenüber den vollständig erblindeten Spielern bieten. Das wichtigste Merkmal des Blindenfußballs ist aber der klingelnde Ball. So können die Sportler einordnen, auf welcher Höhe sich der Ball befindet. Kommt es oft zu Zusammenstößen? Max sagt: "Klar, das passiert schon mal, meine schlimmste Verletzung war eine aufgeplatzte Lippe, nicht weil ich mit jemanden zusammengestoßen bin, sondern weil ich am Anfang so eine komische Schusstechnik hatte, dass ich mir mein Knie selbst an meinen Mund gehauen habe."

Informationen zum Beitrag

Titel
Er spielt Klavier und kickt - trotz allem
Autor
Anna Janning
Schule
Werner-von-Siemens-Gymnasium , Gronau
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.09.2015, Nr. 213, S. 30
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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