Frische Ideen, aber keine platte Werbung

Bunte Strickdecken dämpfen den Schall im Sendestudio. An den Computern wird einem Praktikanten geduldig die Arbeit mit dem Schnittprogramm erklärt. Zwischen Fotocollagen, den Schildern mit der Aufschrift "99,7" und blauen Luftballons an den Türrahmen fallen die beiden schweren, alten Radios am Ende des Flures auf. Denn Rundfunk Meißner ist nicht nur moderner, sondern auch bunter geworden.

"Früher ist der Verein nicht nach außen gegangen", sagt Stefanie Müller, die Geschäftsführerin des nichtkommerziellen Lokalradios. Sie berichtet von Projekten mit Schulen im Sendegebiet. Während einige Schüler nur für einen Tag Erfahrungen im Studio sammeln, bieten andere Schulen mittlerweile sogar das Wahlpflichtfach Radio an. "Es ist eine gute Motivation für die Schüler, wenn sie das Ziel haben, eine eigene Radiosendung zu produzieren", sagt die 30-Jährige mit den kurzen Haaren und dem blauen Sender-Shirt. Auch die Arbeit mit Teilnehmern der Ferienspiele gehören hier fest zum Programm. So lernen die Kinder den Weg von der ersten Idee bis hin zur fertigen Sendung kennen. Auch die RadioKids on Tour wurden von Stefanie Müller und der Familienbildungsstätte Eschwege ins Leben gerufen. Die Teilnehmer konnten bei der Polizeidirektion einen Blick hinter die Kulissen werfen. Ausgestattet mit Aufnahmegeräten und Neugier, werden die Kinder, die mindestens acht Jahre alt sein sollten, auch über den Tierpark und ein Eiscafé berichten. Stefanie Müller schwärmt: "Kinder haben immer Ideen. Sie sind so kreativ."

Doch auch die Freiheit der Praktikanten, ehrenamtlichen Mitarbeiter und Festangestellten ist groß, wenn es um die Wahl der Themen geht. Da der Rundfunk Meißner als einziger der sieben nichtkommerziellen Lokalradios in Hessen einen gesamten Kreis abdeckt, bietet er jedem Bürger die Möglichkeit, eigene Beiträge zu entwickeln und sich einzubringen. Allerdings sind die Vorgaben in Bezug auf Werbung strenger. Für Unternehmen und Firmen darf nicht geworben werden. Dafür ist das Spektrum der Ideen und Möglichkeiten breit. So kommt es vor, dass eine der Praktikantinnen gerade ihre Sendung "All about Asia", in der sie die Hörer mit ihrer Faszination für den Kontinent ansteckt und ihr selbsterlerntes Wissen vermittelt, im Studio aufnimmt, während zwei Studenten nach neuen Themen für ihre Lifestyle-Sendung suchen und eine ehrenamtliche Mitarbeiterin den Besuch bei ihrer Familie in den Vereinigten Staaten mit Interviews und Recherchen verbindet.

Aufgrund der hohen Flexibilität kann eine Diskussion während einer Live-Übertragung vertieft und zeitlich verlängert werden. "Im Programmplan sind immer leere Felder vorgesehen, die mit diesen Beiträgen oder wichtigen Meldungen gefüllt werden können", erklärt Martin Müller, der Vorsitzender des Vereins ist und mit Stefanie Müller verheiratet ist.

Ein Großteil der Arbeit im Sender wird ehrenamtlich verrichtet; nur die Geschäftsführerin, der Administrator, ein Teilnehmer des Bundesfreiwilligendienstes und die Reinigungskraft sind fest angestellt. Die moderne Technik macht es möglich, dass auch Moderatoren, die nicht in Eschwege wohnen, auf Sendung gehen können. So entstehen beispielsweise die Nachrichten am Wochenende in Kassel. Martin Müller erinnert sich: "Moderatoren in Berlin und Wien haben damals den Kontakt zu uns gesucht, weil sie gern zusätzlich an einem anderen Ort senden wollten, und gestalten das Programm heute mit." Besonders spannend wird es jedoch, wenn in Eschwege das Open Flair Festival stattfindet. In dieser Zeit verwandelt sich Rundfunk Meißner seit drei Jahren in das sogenannte Flair-Radio und versorgt seine Hörer zwölf bis 14 Stunden lang live mit den neuesten Informationen rund um das beliebte Festival. Text wird dabei kaum abgelesen. Stattdessen nutzen die Moderatoren besonders bei komplizierten Themen Stichpunkte und unterstützen sich in einigen Sendungen gegenseitig. "Bei einer natürlichen Betonung hört man viel lieber zu. Dafür kann man kleine Pausen in Kauf nehmen", erklärt Stefanie Müller, die ihre Liebe zum Radio bereits während des Masterstudiums für das Fach Literatur bemerkte.

Nachdem sie italienische und französische Literaturwissenschaft studiert hatte und sich einen Beruf im kulturellen Bereich vorstellen konnte, begeisterte sie das Campusradio in Mannheim mit seinen vielen Möglichkeiten. Die Journalisten bekamen damals bei einer Raumfahrtausstellung im Landesmuseum für Technik und Arbeit eine persönliche Führung und durften beispielsweise einen Fitness-Parcours für Astronauten ausprobieren. Die auf diese Weise entstandene Faszination für den Beruf führte die gebürtige Pforzheimerin zu mehreren Praktika bei Zeitungen, nach denen sie sich für den Beruf der Lokalredakteurin entschied.

Durch eine Stelle in Eschwege kam sie schließlich im Oktober 2011 an ihren jetzigen Wohnort. Später übernahm sie die Aufgabe als Geschäftsführerin beim Lokalradio. Sie hat sich viel vorgenommen. Das bisherige Programm, zu dem eine komplett englischsprachige Sendung und eine mit polnischen Teilen gehören, soll zukünftig alle Einwohner mit einbeziehen. Neben Projekten mit Asylbewerbern ist ein eigenes Studio für die Werraland-Werkstätten vorgesehen. Eine der ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen, die mit dem Downsyndrom geboren wurde, ist dort tätig. Die Mitarbeiter mit Handicap sollen nicht nur in ihrem eigenen Studio agieren können, sondern zudem regelmäßig Rundfunk Meißner besuchen. "Es ist ein sehr kreatives Arbeiten hier. Man kann alles versuchen", schwärmt Stefanie Müller, deren bisherige Vorschläge großen Zuspruch gefunden haben.

Zwei Kindern, die an den Ferienspielen teilnahmen, gefiel es so gut, dass sie ihre Geburtstage dort feiern wollten. Bei der Sendung, die sie produzieren durften, riefen sie unter anderem spontan bei ihrer Klassenlehrerin an, die sich für ein Interview bereit erklärte und wenig später im Radio zu hören war. "Ich werde oft gefragt, ob Radio denn noch in ist", sagt Stefanie Müller und stellt die Gegenfrage: "Jeder hat seine eigene Digitalkamera oder einen eigenen Camcorder, aber wer hat schon ein Radiostudio zu Hause?"

Informationen zum Beitrag

Titel
Frische Ideen, aber keine platte Werbung
Autor
Eden Sophie Rimbach
Schule
Oberstufengymnasium , Eschwege
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.09.2015, Nr. 219, S. 30
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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