Bei Neuerscheinung Anruf

Glöckchen klingeln, die bunte Glastür schwingt auf. Es ist zehn Uhr morgens. Für Michelle Paustian aus Gronau beginnt die Arbeit. Die große 19-Jährige mit den wilden, braunen Locken ist Teil einer aussterbenden Spezies. Als sie sich vor drei Jahren dafür entschied, Buchhändlerin zu werden, hätte sie nicht gedacht, dass die Existenz dieses Berufes so schnell in Gefahr geraten könnte. Die Entwicklung des E-Readers und des Online-Handels haben den lokalen Buchhandel zwar schon immer negativ beeinflusst, in den vergangenen Jahren jedoch massiv. Davon merkt man Michelle jedoch nichts an, wenn sie wie ein Wirbelwind mit Rock und in bunten Stiefeln durch den Laden fegt. Leidenschaftlich dekoriert sie die Schaufenster und Verkaufstische mit Büchern und Blumen. "Wir wollen gute Laune verbreiten. Die Kunden sollen sich wohl fühlen."

Die Sofas zwischen den Bücherregalen sind von Kunden besetzt, die wild darüber diskutieren, welche Bücher man gelesen haben sollte, in der Kinderecke fliegen Legosteine durch die Luft. "Natürlich kann es manchmal anstrengend sein, aber ich genieße jeden Augenblick, der Laden ist voller Leben", sagt Michelle. Die Kunden schätzen die gemütliche Atmosphäre und die persönliche Art, mit der jeder hier behandelt wird. Man nennt sich beim Vornamen, in einem kleinen Buchladen in einer kleinen Stadt lernt man sich schnell kennen. "Ich finde, das macht uns besonders. Man berät hier nicht nur Kunden, sondern Freunde, da gibt es immer etwas zu erzählen, und man tauscht sich über Gelesenes aus", erklärt Michelle. Ihre Lieblingsabteilung ist die Manga-Ecke, die ganz klassisch im Japan-Stil eingerichtet ist und besonders das junge Publikum anzieht. Mehrmals im Jahr werden hier Cosplay-Events veranstaltet, bei denen sich die Besucher als ihre liebsten Manga- und Anime-Helden verkleiden und dafür ein kleines Geschenk bekommen. Oft finden auch Zeichenwettbewerbe statt. "So viele kreative Menschen auf einem Haufen sind unglaublich aufregend, da arbeite ich auch gerne am Sonntag", sagt sie.

Jeder der vier Mitarbeiter hat seinen Bereich, für den er sich besonders interessiert, muss den Kunden jedoch bei jeder Frage weiterhelfen können. "Das ist ein Unterschied zu den großen Ketten. Wir haben keine Abteilungen, bei denen die Verkäufer nur für einen Bereich zuständig sind. Wir können Kunden viel flexibler beraten." Der Existenzdruck ist jedoch deutlich spürbar. Im Vergleich zum Online-Handel und den großen Ketten ist der kleine Buchhandel in Gefahr. "Es ist ein aussterbender Beruf, und ob es eine Zukunft gibt, ist nicht sicher." Michelle findet es furchtbar, Kunden zu verlieren. "Natürlich tut es weh, aber meistens sind es Kunden, die zu ungeduldig sind, um auf Bücherlieferungen zu warten." Die Mitarbeiter versuchen natürlich, dagegen anzukämpfen, vor allem mit Kundenservice, den es im Internet nicht gibt. "Wir kennen unsere Kunden persönlich und können ihnen auf diese Weise viel besser ihre Wünsche erfüllen." Die Buchhändler schreiben den Kunden E-Mails und rufen sie an bei Neuerscheinungen, Bestellungen oder um sich nach ihren Wohlergehen zu erkundigen. "Den Laden zu betreten ist wie nach Hause zu kommen, man weiß, dass man hier immer erwünscht ist. Das finde ich wichtig." In der einen Ecke haben die Kinder das Lego-Chaos in eine Burg verwandelt, in der anderen Ecke wird ein Kunde mit Hund belagert, jeder möchte den Jack Russell streicheln. Michelle strahlt: "Das macht jeden Tag aufregend, man weiß nie, was als Nächstes passiert. Ich tue, was ich liebe, und das jeden Tag, ich kann mir nichts Schöneres vorstellen."

Informationen zum Beitrag

Titel
Bei Neuerscheinung Anruf
Autor
Joelle Hascher
Schule
Werner-von-Siemens-Gymnasium , Gronau
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.09.2015, Nr. 219, S. 30
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

Zeitungszustellung während des Projekts

Probleme bei der projektbezogenen Zeitungslieferung?
Wenden Sie sich unter Angabe Ihrer Auftragsnummer per E-Mail oder per Fax an:vertrieb@faz.de
069-7591-2180