"Ein total kreatives Medium"

Sebastian Felser ist Moderator beim SWR und hat den Ehrgeiz, seine Hörer in kurzer Zeit gut zu informieren. Nur wenn Presslufthämmer ins Programm scheren, wird es unangenehm.

Betritt man das Gebäude um 10.30 Uhr, lässt es sich kaum von einem normalen Bürogebäude unterscheiden: weiß gestrichene Räume, Schreibtische mit Computern, spartanische Einrichtung. Dann fällt auf, wie ruhig es ist, die wenigen Gespräche werden mit gedämpfter Stimme geführt. Und wenn man dann an einem Raum mit einer dicken Tür vorbeigeht, neben der in roten Buchstaben "On Air" steht, weiß man, dass man beim Radio ist. Im SWR-Funkhaus in Baden-Baden produzieren unter anderen die Radiosender SWR3, "Das Ding" und SWRinfo Teile ihrer Programme. Für SWRinfo arbeitet Sebastian Felser, 31 Jahre alt, groß gewachsen. Er hat kurze schwarze Haare, trägt Jeans, Pulli und schwarze Sneaker.

Wenn er die Sendung moderiert, steht er in einem kleinen Studioraum an einem großen Schreibtisch, auf dem sich zwei Bildschirme, ein mit einem beweglichen Arm am Tisch befestigtes Mikrofon und ein Mischpult befinden. "Das ist das wichtigste Werkzeug des Moderators. Hier kann ich Beiträge vorhören und in die Sendung aufnehmen, Telefonanrufe einbauen und andere Einspielungen regeln." Mit kleinen Schiebereglern nimmt der Moderator Beiträge, Meldungen und Telefonate auf Sendung. Wann er das machen muss, steht auf die Sekunde genau auf einem Bildschirm. Neben dem Zeitpunkt steht dabei auch ein Text als Vorschlag zur Anmoderation der Beiträge. "Meine Aufgabe ist es, die Moderation so zu präsentieren, dass sie natürlich klingt und der Übergang zwischen Moderation und Beitrag passt und auf dem Punkt ist."

Für die Beiträge und die vorbereiteten Anmoderationsvorschläge sind andere zuständig. Auch diese Aufgaben sind Teil von Sebastian Felsers Arbeit. Dann muss er als Frühredakteur zum Beispiel um drei Uhr morgens aufstehen, hört sich auf der Fahrt von Karlsruhe nach Baden-Baden noch einmal die Nachrichten des gestrigen Tages per Podcast an, ist um vier Uhr im Sender. "Es ist nichts für Langschläfer", sagt er. Ihm fällt es schwer, abends schon um 21 Uhr einzuschlafen. Für seine Frau, eine Lehrerin, sind diese Arbeitszeiten sowohl Vor- als auch Nachteil: "Die wechselnden Schichten sind manchmal nervig, vor allem, wenn gleichzeitig bei ihr in der Schule Prüfungszeit ist. Der Schichtdienst hat auch Vorteile. Wenn ich in den Ferien nach einem Frühdienst am Vormittag nach Hause komme, haben wir noch den ganzen Tag zusammen."

Ist er im Sender angekommen, verschafft er sich einen Überblick über die Geschehnisse in der Nacht und bindet diese dann in den vorläufigen Sendungsplan ein, der am Vortag erstellt wurde. Das Frühprogramm wird ab sechs Uhr gesendet. Bis dahin bereitet er als Frühredakteur Beiträge, Moderationsvorschläge und Gespräche für die ersten drei Sendestunden bis 9 Uhr und für den Vormittag vor. Für den Rest des Tages wird seine Aufgabe aufgeteilt: "Der Producer bereitet Beiträge vor, der Tagesredakteur Interviews, und der Chef vom Dienst entscheidet, was wie in das Programm aufgenommen wird. Außerdem gibt es noch einen Redakteur, der auf sozialen Netzwerken wie Twitter aktiv ist und versucht, das ins Programm einzubinden."

Der Platzbedarf von SWRinfo ist klein, neben dem Studio werden nur noch Büroräume für Planung und Vorbereitung und kleine Tonstudios zum Aufnehmen von Beiträgen und Gesprächen benötigt - eine Musikredaktion hingegen nicht. Das Info-Radio spielt keine Musik: Im Programm stehen viertelstündlich Nachrichten, dazwischen gibt es Hintergrundinformationen über aktuelle Geschehnisse in Form von Berichten, Gesprächen und Beiträgen, außerdem stündlich Sport-und Wirtschaftsnachrichten, die aus separaten Studios zugeschaltet werden. Ein eigenes Programm produziert SWRinfo von 6 bis 19 Uhr - ab 23 Uhr schaltet sich SWRinfo mit anderen Info-Programmen zur ARD-Infonacht zusammen. SWRinfo ist ein neueres Programm, das digitale Verbreitungswege nutzt und im Prinzip weltweit empfangen werden kann.Von einer speziellen Ziel- oder Altersgruppe, die der Sender ansprechen soll, will Felser nicht sprechen. Er freue sich über jeden einzelnen Hörer. Den Anspruch formuliert er so: "Die Hörer sollen in kurzer Zeit voll informiert werden über das, was in der Welt und in der Region passiert. Dazu gehört ein Nachrichtenblock sowie ebender Hintergrund, bei dem der Hörer sowohl etwas von ernsten als auch leichteren Themen hören soll."

Wie wird man Radiomoderator? Bei Felser war es ein langer Weg. Schon früh hatte er sich für das Radio begeistert. "Ich fand es schon immer interessant und ansprechend, viele technische Möglichkeiten zu haben, aber nicht immer den Zwang, ein Bild dabeihaben zu müssen. Das macht Dinge oftmals etwas kompliziert. Trotzdem ist es ein Medium, mit dem man total kreativ sein kann." Er informierte sich in der Schulzeit über eine Laufbahn beim Radio: "Und ich fand heraus, dass zwar ein Studium durchaus wichtig ist, es aber keine besonders große Rolle spielt, was man studiert." Er entschied sich in seiner Heimatstadt Köln Islamwissenschaft, Jüdische Studien und Musikwissenschaften zu studieren. Bei einem Hochschulradio sammelte er erste Erfahrungen. Seine ruhige, sachliche Sprechstimme hat er in Workshops, bei Feedbacks und vor allem durch viel Praxis geschult.

Es folgten Praktika bei öffentlich-rechtlichen Sendern, er arbeitete unter anderem für den WDR, SWR und DLF. Nach den Studium waren nur wenige Stellen offen, so arbeitete er für das Festspielhaus in Baden-Baden als Pressereferent. "Ich habe mich umgehört, und irgendwann war ich dann der passende Mann für die passende Stelle bei SWRinfo." Einen Traum hat er: Irgendwann einmal eine Stelle zu übernehmen, die noch mehr mit seinem Studium zu tun hat, zum Beispiel als Korrespondent in Israel.

Neben den Tugenden eines Frühaufstehers ist die Fähigkeit zur Improvisation gefragt. "Einmal hatten wir kurz vor den Wirtschaftsnachrichten bei den Kollegen aus der Wirtschaftsredaktion in Stuttgart noch kurz nachfragen wollen, ob alles in Ordnung sei. Alles, was zu hören war, waren laute Presslufthämmer und die Stimme des äußerst irritierten Nachrichtensprechers, der erklärte, dass es unmöglich sei, die Nachrichten zu übertragen. Bei der Organisation musste es ein Missverständnis gegeben haben und eine Wanderbaustelle direkt vor dem Studio übersehen worden sein. Wir sahen also, wie die Zeit bis zu den geplanten Nachrichten heruntertickte und standen für ein paar Minuten vor einem Loch von fünf Minuten ohne Programm. Der Sprecher konnte zwar in ein ruhigeres Studio umziehen, aber die Minute, die er dafür brauchte, mussten wir überbrücken. Wer schon einmal beim Radio gearbeitet hat, weiß, wie lang eine Minute sein kann, wenn man keinen Text hat und irgendwie improvisieren muss. Da dehnt man die Abmoderation des vorherigen Beitrags noch ins Unermessliche und dann erzählt man, dass man sich über das gesamte Programm auf der Internetseite des Senders informieren kann, auf dem Twitter-Account und dass es auch eine eigene App für unseren Sender gibt - bis man dann endlich das erlösende Signal bekommt, dass der Nachrichtensprecher endlich einen Raum gefunden hat und wir wieder Programm haben."

Informationen zum Beitrag

Titel
"Ein total kreatives Medium"
Autor
Nicolas Walka
Schule
Goethe-Gymnasium , Ludwigsburg
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.09.2015, Nr. 219, S. 30
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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