Lernen, die Weichen richtig zu stellen

Was ist denn bloß ein Lehrstellwerk? Ein leeres Stellwerk?" Das habe einmal ein Beamter der Deutschen Bahn ihn gefragt, sagt der Vorstand des Lehrstellwerks in Kornwestheim, Hans-Peter Hurth. Damals vor drei Jahren plante die Deutsche Bahn, das alte Lehrstellwerk, das seit der Aufgabe des Werks durch die DB bis dahin nur für Führungen genutzt wurde, wieder für Ausbildungsschulungen zu verwenden. Seit 2013 werden hier wieder junge Leute für den Stellwerksbetrieb der Deutschen Bahn ausgebildet. Sie lernen, wie man ein Stellwerk bedient, die Weichen richtig stellt und vor allem wie man mit den anderen Stellwerken kommuniziert, wenn ein Zug kommt. Die Kommunikation ist besonders wichtig, denn beispielsweise bei eingleisigen Bahnstrecken sollten nicht zwei Züge gleichzeitig fahren.

Um solche Situationen nicht nur theoretisch zu lernen, gibt es im Lehrstellwerk ausrangierte Signale, Weichen und Verbindungsstellen, mit denen reale Situationen geübt werden. Die Weichen, die zur Einbauzeit noch neu und modern waren, sind immer noch funktionstüchtig und dienen zur Veranschaulichung der Signale, mit denen sie verbunden sind. Wenn im Stellwerk also entsprechend Signale und Weichen verstellt werden, kann man sie direkt hinter dem Gebäude betrachten und beurteilen, ob sie richtig und in der richtigen Reihenfolge verstellt wurden. Fehlstellungen und Probleme dieser Weichen können ebenfalls simuliert werden, sodass der Notfall trainiert wird. Doch der Platz, an dem die Weichen auf einer schön gestutzten Grünfläche verlegt sind, sah nicht immer so gepflegt aus wie heute: Das Lehrstellwerk existiert in dieser Form seit 1934, wobei die eigentliche Ausbildungsschule für die Theorie schon einige Jahre vorher gebaut wurde. Damals gab es mehrere sogenannte Reichsbahndirektionen, also einzelne Verwaltungsbereiche im Deutschen Reich. "Jede damalige Direktion hat einen Lehrerstab gehabt und hat dann die eigenen Beamten ausgebildet", erklärt Heinrich Güßler, ein ehemaliger Ausbilder. "In Kornwestheim stand und steht heute noch die Schule der Reichsbahndirektion Stuttgart. Kornwestheim war damals geeignet, da Stuttgart aufgrund seiner Kessellage keinen Platz hatte." In der Schule wurde die Theorie gelehrt. Das theoretisch Gelehrte wurde nach der Ausbildung im Beruf erstmals angewendet. "Das hat bald zu Problemen geführt, weil den Beamten bei technischen Problemen ihr theoretisches Wissen nicht weitergeholfen hat." Aus diesem Grund wurde das Lehrstellwerk in dieser Form gebaut.

Nach der Aufrüstung 1962, sodass neben den reinen mechanischen und elektromechanischen auch vollelektrische Hebelwerke zur Simulation von Fahrstraßen, Weichen und Signalen existierten, gab die Deutsche Bahn das Lehrstellwerk in den neunziger Jahren wegen fehlenden Nutzens schließlich auf. 1994 wurde erst der Abriss geplant, dann sollte es zu Containern für die Arbeiter des Rangierbahnhofs umgebaut werden. Die zeitliche Verzögerung, die durch den hohen Preis des möglichen Umbaus verursacht wurde, kam der Stadt Kornwestheim zugute, die diesen Umbau verhindern wollte. 1995 beantragte sie bei der Denkmalschutzbehörde den Denkmalschutz für das Lehrstellwerk, und kurz darauf hatte die Deutsche Bahn aufgrund dessen keine Handlungsmöglichkeit mehr.

2005 begann die Wiederinstandsetzung des Geländes, initiiert durch einen Förderverein. "Das Schwierigste war, das wieder so hinzubringen, wie es am Anfang war, denn wir haben immer im Kreis gearbeitet: Sobald wir gedacht haben, das Ende erreicht zu haben, war das Unkraut am Anfang schon wieder gewachsen", berichtet Hans-Peter Hurth. "Der zuständige Vorstand hat zu uns gesagt, er habe damals nie gedacht, dass man das überhaupt noch mal hinbringt." Doch mit vielen Freiwilligen und der Unterstützung der Stadt war es schließlich geschafft. "Und heute haben wir einen Status quo, den wir erhalten müssen. Wir müssen jetzt nicht mehr aufbauen", sagt der 56-Jährige stolz. Die Stadt Kornwestheim plant, das Gelände nach Westen zu erweitern. Der Förderverein des Lehrstellwerks will den Vorschlag durchsetzen, dass man zwei neue, moderne Weichen auf diesem Gelände anbringt. "Schließlich wird das Lehrstellwerk wieder für die Ausbildung genutzt, und dabei ist es wichtig, dass die angehenden Fahrdienstleiter und Weichenwärter auch den Umgang mit neuen Weichen lernen, denn das sind diejenigen, mit denen sie später im Alltag zu tun haben werden", sagt Heinrich Güßler. Früher war die Aufgabe, die modernen Weichen in die Ausbildung zu integrieren, etwas leichter. Man ging 200 Meter durch die Hintertür hinaus und war schnell am Rangierbahnhof Kornwestheim, wo man die entsprechenden Weichen im Betrieb sehen konnte. "Es war gang und gäbe, dass wir mit den Auszubildenden mit Schutzkleidung da rübergegangen sind und angeschaut haben, was man in der Schule oder hier im Lehrstellwerk nicht zeigen konnte", erinnert sich der 77-jährige Güßler. "Das bedarf besonderer Sicherheitsmaßnahmen, wenn wir das heute machen wollen. Wir müssen Wochen vorher einen Sicherungsplan machen."

Die Stadt, der das Lehrstellwerk gehört, finanziert die Erhaltungsmaßnahmen. "Wir als Förderverein arbeiten also quasi ehrenamtlich für die Stadt Kornwestheim", sagt Hans-Peter Hurth. Zum einen ist es das einzige vergleichbare Stellwerk in ganz Deutschland und somit in Eisenbahnerkreisen bekannt. Dies ist hilfreich bei der Hobby-Fahrdienstleiter-Ausbildung, die 2014 eingeführt wurde. Waren es beim ersten Mal nur sechs Teilnehmer, sind diesmal schon dreizehn Anmeldungen aus ganz Deutschland eingegangen für die Ausbildung, bei der man in drei bis vier Tagen lernt, einen Zug alleine im Lehrstellwerk fahren zu lassen. Das sei Werbung, denn über 200 Eisenbahnvereine aus ganz Deutschland würden die Stadt auf Grund des Lehrstellwerks kennen, sagt der Herr mit den grauweißen Haaren. Auch zu den Führungen abends oder am Wochenende kämen Leute von überall. "Die Gäste mit der weitesten Anreise waren bisher Ingenieure aus Saudi-Arabien, die dort eine deutsche Eisenbahn warten und betreiben. Und die wollten lernen, wie man so ein Schaltpult bedient. Aber auch andere Eisenbahntechniker und Ingenieure der Firma Thales, die die Eisenbahntechnik herstellen, wollen ihre Geräte einmal in Aktion sehen und kommen deshalb etwa viermal im Jahr zu uns ins Lehrstellwerk.

Ebenso besuchen Vereine, Seniorengruppen, die Klasse einer Blindenschule oder der Modelleisenbahnclub aus Rottweil das Lehrstellwerk", berichtet Güßler. Der Förderverein kann für solche Anlässe auf 10 bis 15 Helfer zurückgreifen. Die Zahl derer geht jedoch zurück, da die Arbeit vom Zeitaufwand her einem Arbeitsalltag gleicht und daher vorwiegend Rentner helfen, die aber teilweise aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr helfen können. Und noch sei nicht genügend Nachwuchs da.

Informationen zum Beitrag

Titel
Lernen, die Weichen richtig zu stellen
Autor
Sarah Wettemann
Schule
Goethe-Gymnasium , Ludwigsburg
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.09.2015, Nr. 225, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

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