Neuer Saft fürs alte Radio

Kaffee, Kuchen, Kofferradios. Das und viel mehr gehört zu einem typischen Repair-Café. Beim ersten seiner Art in Schweinfurt im Pfarrsaal von St. Anton wurden rund 100 Reparaturen in Angriff genommen, davon 60 erfolgreich. Bei den weniger zielführenden Fällen fehlten entweder Ersatzteile, oder das Gerät war sowieso nicht mehr reparabel, weil zum Beispiel die Radioröhre nicht mehr zu bekommen war. Nach diesem Erfolg war klar, dass es im Oktober ein zweites Treffen gibt. 20 Helfer nehmen an dem Projekt in der unterfränkischen Stadt teil. Zwölf davon aktiv bei den Reparaturarbeiten. Unter ihnen eine Schneiderin, ein Zweiradexperte und sogar ein Uhrmachermeister und Goldschmied.

"Außer Turmuhren repariert der alles", lacht Repair-Café-Mitarbeiter Georg Pfennig. Pfennig hat sich auf die Sparten Mechanik, Elektrik und Elektronik spezialisiert und repariert emsig mit. Die restlichen acht kümmern sich um die Weitervermittlung, sorgen für ausreichend Kaffee und Kuchen und machen sich nützlich, wo sie nur können. So wie Emmi Sengfelder. "Ich habe immer schon gelitten, wenn die Natur gelitten hat", sagt sie. "Wenn etwa Plastikteile im Meer schwimmen, giftige Stoffe aus der EU in Afrika entsorgt werden. Das kann durch mögliche Reparaturen reduziert oder vermieden werden. Dafür steht das Repair-Café. Je länger ein Gegenstand benutzt wird, desto besser ist seine Ökobilanz." Eine enge Beziehung zur Umwelt hatte die Mittelschullehrerin aus Gochsheim schon immer. Die 55-Jährige engagiert sich in einer kirchlichen Umweltgruppe ihres Ortes und steht als Initiatorin hinter der Idee.

Nach einem Besuch in einem Hamburger Repair-Café in den Ferien eröffnete sie zusammen mit ihren Mitstreitern einen eigenen Ableger. Einer dieser Mitstreiter ist Georg Pfennig aus Oberwerrn, den sie durch ihre Umweltarbeit kennengelernt hat. Der Maschinenbautechniker hat Jahrzehnte in der Schweinfurter Großindustrie gearbeitet und ist seit einem Jahr in Rente. "Der Tag hat 24 Stunden und die Nacht." Mit dieser Einstellung geht Georg Pfennig ehrenamtlich seinem Hobby nach: Reparaturen an elektrischen Geräten aller Art. Sein Hobby je zum Beruf zu machen kam für ihn nicht in Frage. "Denn sonst fehlt die Zeit zum Abschalten." Dass Tüfteln seine Bestimmung ist, merkte er, als er von seinen Eltern zur Kommunion ein Kofferradio geschenkt bekam. Spätestens bei seinem Firmgeschenk, einem Kosmos-Elektronik-Baukasten, war klar, dass er sich damit weiter beschäftigen würde. So geht Pfennig heute darin auf, beschädigte historische Geräte wieder auf Vordermann zu bringen - wie jüngst ein Kofferradio von Schaub Lorenz aus dem Jahre 1964, ausgestattet mit zwei Antennen und vier Wellenbereichen.

"Die Idee kommt ursprünglich aus Holland", erklärt Emmi Sengfelder, "in Hamburg habe ich das erste Mal ein solches Projekt gesehen. Ich fand es gut und dachte mir, das könnte doch auch hier bei uns gut funktionieren in Schweinfurt, der Stadt der Techniker, Ingenieure, Erfinder." Von 10 Uhr bis 14 Uhr kann jeder das Café besuchen, der etwas zu reparieren hat, der gern mithelfen möchte und Spaß daran hat, zu lernen und Wissen weiterzugeben. Aufträge werden bis 13 Uhr angenommen. Gezahlt werden müssen nur die Materialkosten. Für das jeweilige Team gibt es eine Checkliste über mögliche Ersatzteile, die je nach Erfahrung ergänzt wird, so liegen Stecker, Kabel, Sicherungen, Batterien bereit. Das Team besorgt die Teile im Vorfeld und bringt sie mit. Ins Café werden kranke Teddys, Brotschneidemaschinen, Toaster und Plattenspieler, Uhren und Textilien aller Art mitgebracht. Emmi Sengfelder erinnert sich an eine ausgefallene Alabasterleuchte, Georg Pfennig an einen Philips-Plattenspieler aus den Sechzigern mit Keramiksystem, der nicht mehr lief.

"Wir wollen keine Konkurrenz zum Handwerk sein. Smartphones und Fernseher reparieren wir zum Beispiel nicht", sagt Pfennig. "Das kostet einfach zu viel Zeit, und meistens sind es dann doch Fehler, die innerhalb der kurzen Café-Zeit nicht lokalisiert und behoben werden können." Was steckt hinter dem Erfolg dieser Idee? Sengfelder sagt: "Der Zeitgeist hat sich verändert. Man strebt wieder mehr nach Beziehung und nicht mehr so stark nach Perfektionismus. Gerade an alten Erinnerungsstücken hängen Emotionen und Gefühle. So etwas möchte man doch nicht wegwerfen und repariert es lieber."

Informationen zum Beitrag

Titel
Neuer Saft fürs alte Radio
Autor
Kristin Schleyer
Schule
Bayernkolleg , Schweinfurt
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.09.2015, Nr. 225, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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