Nach dem Essen lassen sie Dampf ab

Student Alessandro Andreoli engagiert sich im Dampfbahn-Verein Zürcher Oberland. In seiner Freizeit arbeitet er an den Lokomotiven und begleitet als Zugführer die Gäste auf historischer Fahrt.

Schrille Töne sind im Hintergrund zu hören. Doch die kräftige Stimme des gebürtigen Winterthurers übertönt die Signale. Inmitten von bis zu vier Meter hohen Dampflokomotiven steht der aus dem Tessin stammende Student Alessandro Andreoli und erteilt seinen Kollegen Anweisungen. Auf dem Bahnhofsgelände von Bauma, einem Dorf mit knapp 4300 Einwohnern im Tösstal im Zürcher Oberland, befindet sich der Standort des Dampfbahn-Vereins Zürcher Oberland (DVZO).

Der erste Bahnhof der Stadt Basel lag für mehr als hundert Jahre im Dornröschenschlaf. Die Bahnhofshalle wurde 1903 abgebaut und eingelagert und geriet dann in Vergessenheit. Nun will der DVZO dieses Baudenkmal von nationaler Bedeutung in Bauma wieder zum Leben erwecken. Die historische Bahnhofshalle entstand in der Zeit zwischen dem 19. und 20. Jahrhundert. Dieses einzigartige Projekt ist nur eines der vielen Projekte des Vereins, der 1969 gegründet wurde und 800 Mitglieder zählt, von denen 200 aktiv sind. Er finanziert sich ausschließlich über die Ticketverkäufe und Sponsorenbeiträge. Die knapp fünfeinhalb Kilometer lange Strecke von Hinwil bis Bauma ist weit über die Region hinaus bekannt. "Vor allem in den begehrten Sommermonaten ist dies gravierend", sagt der 23-jährige Zugführer. Alle wollen einen Fensterplatz ergattern, den Wind im Gesicht spüren, die grüne und blumenbedeckte Landschaft genießen. Mit kohlenverschmierten Händen und in seiner neonorange Leuchtweste erklärt er mit einem breiten Grinsen, dass er zu den jüngsten Zugführern gehöre. Dies sei aber nicht sein Hauptamt im Verein.

Alessandro Andreoli, gelernter Triebfahrzeug-Automatiker, war schon als Kind begeistert von der Oberländer Dampfbahn, "wobei ich mich", sagt er, "ursprünglich mehr für die Elektrobahnen interessiert habe". Trotz der im Namen erscheinenden Dampfbahnen sind die Elektrolokomotiven hier genauso wichtig. Im Alter von siebzehn Jahren, bevor er seine Ausbildung antrat, meldete Andreoli sich im Verein als freiwilliger Schaffner an.

Nach seiner erfolgreichen Ausbildung trat er sein Elektrotechnik-Studium an der Fachhochschule in Winterthur an. Währenddessen war er Leiter eines zweieinhalb Jahre dauernden Projekts, der Großrevision der Elektrobahn B4/4. Alessandro Andreoli und eine Gruppe von Mitarbeitern nahmen den elektrischen Teil des Maschinenraumes auseinander, reinigten und kontrollierten ihn, brachten den acht Tonnen schweren Transformator nach Regensdorf bei Zürich, da sie den unmöglich allein herausheben und auseinandernehmen konnten, und setzten alles wieder zusammen. "Dies war bis jetzt mein größtes Projekt. Der Tag der Einweihung im letzten September war für mich unglaublich speziell. Er ist mit dem Durchstich beim Tunnelbau vergleichbar."

Die Dampflokomotiven standen im DVZO früher mehr im Vordergrund. Sie wurden gereinigt, neu gestrichen, richtig untergestellt. Die Elektrobahnen liefen zwar gut, dennoch hat sich nie jemand richtig dafür interessiert. Dies fiel auch Alessandro Andreoli auf, und dies führte zu seinem Amt als Elektrobahn-Leiter, denn er war einer der wenigen, die sich für die etwas anderen Bahnen interessieren. Mit Freude übernahm er dieses Amt. Hier vermerkt der junge Mann allerdings, dass natürlich nicht alle nur auf dem zugeteilten Gebiet Frondienst leisten, sondern man sich untereinander hilft. "Ich gehe im Sommer zum Beispiel gerne mitfahren, da ich den sozialen Kontakt zu den Fahrgästen sehr mag. Dies ist auch ein Grund, warum ich mich als Zugführer ausbilden ließ. Ich genieß es, die Passagiere auf der Bahn willkommen zu heißen."

Einige Mitglieder des Vereins treffen sich jeden Dienstag inoffiziell im Restaurant Bahnhöfli in Bauma. Sie essen gemeinsam Abendbrot - egal, ob eine Suppe oder ein Schnitzel, der Restaurantführer weiß schon, was die Einzelnen sich wünschen. Sie tauschen sich dann über aktuelle Ereignisse aus und planen neue Projekte. "Das Treffen ist ungezwungen, die Leute kommen und gehen, wann sie wollen." Der alleinstehende Alessandro Andreoli versucht, jeden Dienstag hinzugehen. "Ich genieße es, nach dem Essen mit meinen Kollegen an den Dampfbahnen rumzuschrauben oder Organisatorisches zu klären. Das Ambiente ist unvergleichbar. Wir sind nicht nur Bekannte, sondern Freunde." Da erstaunt es nicht, dass er mit ihnen auch immer wieder an die Küste Frankreichs in die Ferien fährt. "Der Verein ist wie eine zweite Familie."

Was er nach seinem Studium an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften machen möchte, weiß er noch nicht. Es gäbe so viele interessante Felder, auf denen er sich vorstellen könnte zu arbeiten, aber er wolle auf jeden Fall im Bereich der Elektrotechnik bleiben. "Die Atmosphäre des Vereins gefällt mir am besten. Man merkt weder etwas vom Generationenunterschied noch vom privaten Interesse. Egal, ob alt oder jung, hier wird eifrig gearbeitet, jeder hilft jedem, es wird gelacht, es werden Probleme gelöst, und es werden vor allem schöne Erinnerungen gesammelt." So werden jährlich nicht nur mehr als tausend Fahrgäste erfreut, sondern es wird auch eine historisch bedeutende lokale Tradition am Leben erhalten.

Informationen zum Beitrag

Titel
Nach dem Essen lassen sie Dampf ab
Autor
Enya Hohermuth
Schule
Kantonsschule Zürcher Oberland , Wetzikon
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.09.2015, Nr. 225, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

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