Über Mauern fliegen

Parkour-Sportler sehen die Welt als großen Spielplatz und nehmen Hindernisse als sportliche Herausforderung. Gerne zeigen sie ihre coolen Tricks. Zum Beispiel Fabian aus München.

Ich bin am Anfang bestimmt über ein halbes Jahr immer eine Wand hochgelaufen und konnte mich nie in einem hochziehen, sondern habe mich auf dem Ellbogen abgestützt", sagt Fabian, ein lässiger Typ mit Bart und kurzen Haaren. Nach einiger Zeit hatte er dann die Technik raus und konnte die Kraft aufbringen, um seine Moves auszuführen. Der Münchner Abiturient Fabian Dahlmann ist 19 Jahre alt und begeisterter Traceur. Für sein Parkour genanntes Hobby trägt er gerne Base Cap, T-Shirt und weite, flatternde Hosen. So lässig angezogen, begegnet man diesen Hinderniskünstlern inzwischen oft in Werbeclips und auf der Leinwand.

"Parkour ist ein Sport, bei dem man sich bestmöglich in die Natur einbringen, die Umwelt mit einbeziehen und frei sein kann. Man sieht alles als einen großen Spielplatz an, jede Stange, jede Mauer und jeden Stein. Das sind zwar alles Hindernisse, an denen man aber seine Tricks ausprobieren und seine Grenzen kennenlernen kann", sagt Fabian. "Bei mir hat das alles vor fünf Jahren angefangen. Damals hat mich ein Freund mitgenommen. Zunächst haben wir einfache Sachen trainiert wie über Steine springen und auf Mauern klettern." Um diese Kunststücke sauber ausüben zu können, bedarf es bestimmter Techniken. Dabei spricht man von Vaults. Das sind Methoden, wie man elegant über eine Stange oder Mauer kommt. Bei einem Cat Vault zum Beispiel greift man zuerst mit den Armen auf das Hindernis und zieht erst danach die Füße unter dem Oberkörper durch. "Wenn man diesen Trick flüssig und schnell an einer Mauer ausübt, sieht es aus, als würde man darüberfliegen."

Entscheidend ist dabei die Art und Weise, wie man eine Mauer bezwingt oder wie man sich daran festhält. Ob man bloß mit einem Fuß aufkommt, also einen Fußsprung macht, ob einen Arm- oder Präzisionssprung, also mit beiden Füßen landet: an solchen Details erkennt man den Experten. Beim Freerunning wird das Ganze noch anspruchsvoller: Kreative und akrobatische Elemente werden mit eingebracht - mit einem Salto kann man schließlich eine ganze Sprungfolge spektakulär abrunden.

Sein Erfolg hat Fabian so angetrieben, dass er trotz einer verletzungsbedingten Pause nach einem Bänderriss, den er sich beim Snowboarden zugezogen hatte, immer noch fleißig trainiert, um sich einmal mit den ganz Großen messen zu können. Ein bestimmtes Idol habe er nicht. "Es gibt so viele gute Traceure, da ist es schwer, einen auszuwählen." Ein Profi und Vorbild ist der aus Deutschland stammende Jason Paul. Um entdeckt oder gesponsert zu werden, sollte man vor allem im Internet auf sich aufmerksam machen, indem man wie Fabian Videos von seinem Können hochlädt. Er hat sogar auch schon eine Anfrage von einem kleinen Unternehmen aus Amerika bekommen. Kann man von Parkour leben? "Zum jetzigen Zeitpunkt wahrscheinlich noch nicht." Es gibt zwar eine bekannte Gruppe aus England, "3Run", die an vielen Kampagnen beteiligt ist, die Auftritte und eine eigene Kollektion hat, allerdings gibt es nicht viele, die es schaffen, davon zu leben. Weltweit gibt es für diesen Sport inzwischen in fast jeder Stadt Hotspots. Ein beliebter Treffpunkt in München ist das Olympiapark-Gelände, dort vor allem die "Rote Stadt". Des Weiteren sind am Gasteig und auch an der Münchner Freiheit oft Traceure anzutreffen.

"Bei Parkour kommen immer neue Leute dazu, altersübergreifend, und unsere Gruppe hat sich in den letzten Jahren ziemlich vergrößert. Man merkt auch daran, dass der Sport immer bekannter wird", meint Fabian. "Die Traceure sind wie eine große Familie. Sie sind offen und zeigen dir gerne coole, neue Tricks." Das zeigt sich bei internationalen Treffen, sogenannten Jams. Ein Parkourevent ist die jährliche Famjam in München, wo Profis aus der ganzen Welt Workshops geben. Nicht nur der Sport steht hier im Vordergrund. Es werden Ausflüge an die Isar zum Grillen oder an den Eisbach zum Schwimmen unternommen. "Meist ist das dann eine 400 Mann starke Truppe, die zusammen trainiert und einfach nur Spaß hat."

Auf die Frage, ob jeder mit diesem Sport anfangen kann, antwortet Fabian: "Ja natürlich. Allerdings würde ich nicht zu spät anfangen, wenn man blöd fällt, kann schon mehr passieren." Sonst bedarf es lediglich der Balance und der Kraft. "Auch das Gewicht ist nicht so wichtig." Er selbst hat viel abgenommen, was gar nicht sein Ziel war. Aber wenn man jeden Tag draußen ist und trainiert, passiert das wie von selbst. "Das war ein positiver Nebeneffekt. Deswegen sage ich, dass das jeder machen kann, der Lust hat, seine Grenzen zu testen und sich in seiner Umwelt frei bewegen will." Für Parkour brauche man keinen Verein, feste Trainingszeiten gibt es nicht. Anders als in Filmen, wo Traceure über Hausdächer springen und es gerade so über den Abgrund schaffen, wird diese Kunst meist auf öffentlichem Gelände praktiziert wie im Olympiapark. Man kann also fast überall und zu jeder Tageszeit trainieren. "Wichtig ist nur, dass man motiviert ist." Ein größeres Verletzungsrisiko etwa im Vergleich zu Fußball gibt es Fabians Ansicht nach nicht. Man startet mit einem kurzen Aufwärmtraining, dabei werden schon einmal Stufen, Bänke und sogar Treppengeländer mit eingebaut. Der Gleichgewichtssinn und die Landetechnik werden perfektioniert. "Erste Erfolge merkt man schon nach der ersten Woche, angefangen bei ganz kleinen Sachen. Der Moment, wenn man die Balance auf einem Geländer plötzlich halten kann, ist einfach unglaublich."

Informationen zum Beitrag

Titel
Über Mauern fliegen
Autor
Franziska Steingruber
Schule
Asam-Gymnasium , München
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.10.2015, Nr. 230, S. 30
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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