Elegant auf dem Lenker landen

Und hopp!" Anja Seipp, Trainerin beim Kunstradverein RSC Langenselbold steht am Sicherungsseil der Turnhalle und unterstützt ihren Schüler Nico beim Maute-Sprung, einer der anspruchsvollsten Übungen in der Disziplin Kunstradfahren. Im gleichen Moment hüpft der sportliche Junge vom Sattel seines Fahrrades nach vorne und landet elegant auf dem Lenker . . . Geschafft Seipp, eine athletische, dunkelhaarige Frau, jahrelang selbst aktive Fahrerin und zehn Jahre Mitglied der deutschen Nationalmannschaft, trainiert zurzeit zwei Mal in der Woche ehrenamtlich ihre Junioren-Trainingsgruppe und ist mit der höchsterreichbaren Lizenz eine der wenigen A-Trainerinnen. Zudem ist sie seit 2008 Leiterin des Hessen-Kaders der Junioren und begleitet die talentiertesten Radturner aus dem ganzen Bundesland. Daneben studierte sie an der Goethe-Universität Frankfurt Sport und Englisch und macht zurzeit ihr Referendariat am privaten Franziskaner-gymnasium in Großkrotzenburg.

1996 weckte die Sendung "Der Tigerentenclub" das Interesse der damals Sechsjährigen. Allerdings nicht am Kunst-, sondern am Einradfahren. Sie war fasziniert von den Kindern, die in der Sendung ihr Können zeigten. Sie überredete ihre Mutter und kam zum RSC Langenselbold, um sich auf ein Einrad zu setzen. Doch Anja war zu klein für das Sportgerät. Als Alternative schlug der Trainer ihr ein Kunstrad vor. Kunsträder sind speziell angefertigte Fahrräder. Durch direkte Übersetzung ist mit ihnen das Vorwärts- wie das Rückwärtsfahren möglich, allerdings jeweils nur in einem Gang. Aufgrund der gebogenen Lenkergriffe hat man bei einem Lenkerstand optimalen Halt. Solch ein Spezialrad kostet etwa 2500 Euro. Schnell stellten sich Anjas erste Erfolge ein. "Anfangs geht alles superschnell, später dauert es immer länger, schwierige Übungen zu erlernen. Da ist dann Durchhaltevermögen gefragt", erzählt die 25-Jährige auf der Tribüne nach dem Training. Im Alter von zehn kam der erste Durchhänger. "Zu diesem Zeitpunkt dauerte mir das einfach alles zu lange, ich wurde ungeduldig." Überwunden habe sie diese Phase durch die motivierende Art ihres Trainers. Schließlich hatte sie schon als Achtjährige ein großes Ziel: die EM! Und der Traum ging in Erfüllung. 2007 wurde sie Vize-Europameisterin und krönte dann 2008 im Alter von 18 Jahren ihre Juniorinnenkarriere mit dem ersehnten ersten Platz bei der EM, ihrem größten Erfolg.

In einem Turnier zeigt jeder Fahrer nacheinander verschiedene Übungen. Jedem Manöver ist eine Punktzahl zugeordnet. Je schwieriger dieses ist, desto höher ist die Punktzahl. Bei Fehlern wie Wacklern oder Berührung des Bodens gibt es Abzug. Die Übungen, wie der Sattel-Lenker-Stand, bei dem man seitwärts mit einem Fuß auf dem Lenker und mit dem anderen auf dem Sattel steht, kann man selbst zusammenstellen, fünf Minuten hat man Zeit, um die Jury zu überzeugen.

Anja hatte zum Start die zweithöchste Punktzahl, startete also als Vorletzte. Sie fuhr jedoch besser und sauberer als ihre Konkurrentinnen, am Schluss hatte sie mehr Punkte erzielt als die letzte Fahrerin. Mehr kann man in der Juniorenklasse nicht erreichen, eine WM gibt es dort noch nicht. Nach dem 18. Geburtstag gibt es dann den Sprung in die Erwachsenenklasse. Zu Spitzenzeiten, auf dem Höhepunkt ihrer Karriere, hat die Sportlerin fünf Tage in der Woche je drei Stunden trainiert. "Das Kunstradfahren beansprucht den Körper vom Scheitel bis zur Fußspitze." Kraftübungen standen genauso wie Ausdauertraining, zum Beispiel Laufen, auf dem Trainingsplan. Interessierten rät sie, sich einfach mal beim nächsten Verein vorzustellen. "Es gibt mehr Organisationen, als man denkt, meistens eher außerhalb der großen Städte."

Das große Ziel der Kunstradfahrer, die dem Bund Deutscher Radfahrer angehören, ist die Zulassung zu den Olympischen Spielen. "Diese Sportart sollte einfach noch bekannter werden, momentan gibt es knapp über 20 aktive Nationen", sagt Seipp. Nachdem sie von 1996 bis 2001 nur Einzel gefahren war, entdeckte sie ihre Liebe zum Doppelfahren, bei dem im Team zu zweit mit zwei Rädern oder mit einem Fahrrad geturnt wird. 2014 waren sie und ihr Partner sogar Ersatzfahrerpaar für die WM in Tschechien. Doch fehlte am Schluss einfach die Harmonie im Team, die Zielvorstellungen gingen zu weit auseinander. "Und so hab ich aufgehört, als es am schönsten war." Heute trainiert sie unregelmäßig und unterstützt mit ihrer Trainertätigkeit, die sie zusammen mit ihrem Mann Markus ausführt, junge Talente. Er übernimmt meist das Krafttraining und macht die C-Trainer-Lizenz. "Ich möchte einfach erst mal sehen, wie so ein Leben ohne Kunstradfahren aussieht", sagt die Referendarin. Ein Comeback kann sie sich aber durchaus vorstellen.

Informationen zum Beitrag

Titel
Elegant auf dem Lenker landen
Autor
Annika Steffen
Schule
Elsa-Brändström-Gymnasium , München
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.10.2015, Nr. 230, S. 30
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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