Die Auftauchwege der anderen deuten

Es riecht nach Chlor. Im Schwimmbecken des Hallenbads im Schulhaus Bungertwies in Zürich drängen sich sechs Spieler auf dem Boden des Wasserbeckens um einen Ball. Sie tauchen auf und ab, greifen nach dem Ball und versuchen ihn mit aller Kraft und letztem Atem in den gegnerischen Korb zu legen. Zwei lange Hupsignale erklingen - Tor. Elisa Mosler, die Trainerin der einzigen Jugendmannschaft in der Schweiz, spielt seit 14 Jahren Unterwasserrugby. Ihre Liebe zum Wasser zeigt sich auch in ihrer Wohnung im Zürcher Quartier Oerlikon mit drei Aquarien voller bunter Fische. Auf die ungewöhnliche Sportart ist die Redakteurin der Zeitschrift FaunaFocus durch ihren Vater, der im örtlichen Schwimmclub tätig ist, gestoßen. Im Training legt die 28-Jährige das Schwergewicht auf die Kontrolle über das Auf- und Abtauchen, das Mannschaftsspiel und auf Techniken im Apnoetauchen. "Unterwasserrugby ist extrem vielseitig. An verschiedenen Positionen werden verschiedene Fähigkeiten gebraucht", schwärmt Elisa Mosler.

Ein offizielles Wettkampfspiel dauert zweimal 15 Minuten. Sechs Spieler aus beiden Mannschaften sind im drei bis fünf Meter tiefen Sprungbecken, wobei drei Positionen verteilt werden: Stürmer, Torwart und Deckel. Letzterer liegt auf dem Korb und schützt ihn vor gegnerischen Angriffen von oben, der Torwart von vorne. Pro Position hat jede Mannschaft zwei Spieler, die sich beim Spielen unter Wasser auf drei Positionen abwechseln. Bis zu sechs Auswechselspieler sind erlaubt, wobei sich diese neben dem Wasserbecken auf der Wartebank aufhalten. Das Becken selber macht das Spiel am schwierigsten, da nicht nur horizontale, sondern auch vertikale Angriffe ausgeübt werden.

Nach den Aufwärmübungen wird das Lehrschwimmbecken mit variablem Boden von einem auf mehrere Meter tief hinuntergelassen. Das eigentliche Spiel kann nun trainiert werden. Dabei ist es das Ziel, so viele Körbe wie möglich zu machen. Durch das Salzwasser im ovalen Ball sinkt das Ei im Süßwasser, und die Spieler müssen probieren, ihn gegen die Trägheit im Wasser auf den gegnerischen Korb zuzuschieben. Der etwa mülltonnengroße Korb besteht aus Stahl, eine Gummimatte verhindert das Verrutschen auf dem Hallenboden.

Mehrere Hupsignale ertönen: Einer der beiden unter Wasser schwimmenden und mit Sauerstoffflaschen ausgerüsteten Schiedsrichter stoppt einen Angriff, als einer der Spieler seinen Gegner, der nicht im Ballbesitz war, festhält. Die Spieler tauchen auf, um den Unterbruch für eine Verschaufpause zu nutzen. Der Spielleiter an Land gibt einen Freistoß.

Obwohl Raufen unter Wasser genau so erlaubt ist wie im Sport an Land, schätzt Elisa Mosler das Verletzungsrisiko relativ gering ein. Die Fiberglasflossen, die alle Spieler tragen, sind mit einem Gummischutz versehen. Diese verhindern Schnittverletzungen beim Berühren. Neben den Flossen tragen alle Spieler Wasserballkappen zum Schutz der Ohren, Armbänder in der gleichen Farbe wie die Badehose und Schnorchel sowie eine Tauchermaske. Die junge Trainerin steht mit gekreuzten Armen neben dem Becken, beobachtet die kräftigen jungen Frauen und Männer und sorgt mit ihrem unüberhörbaren Lachen für gute Stimmung. Wie wenn es zur Kompensation des stummen Ringens unter Wasser nötig wäre, nutzen die Spieler des Unterwasserrugby Clubs Zürich die Zeit an der Luft für lebhafte Gespräche.

"Die Selbstkontrolle ist wichtig. Du allein entscheidest darüber, wann du auftauchst und wie weit du gehen kannst. Jeder fordert sich selber." Elisa Mosler will, dass die Spieler ihre Grenzen kennen und Zeichen ihrer Mitspieler deuten können. Die kurze Zeit, die man unter Wasser hat, muss man so gut wie möglich nutzen, bis man wieder auftauchen muss, um Luft zu holen. An diesem Punkt kommt der Partner im Wasser zum Zug, der schon kurz nach dem Auftauchen des Spielers unter die Wasseroberfläche abtauchen und dessen Platz einnehmen muss. Die Spieler auf der Auswechselbank müssen die Auftauchwege ihrer Mitspieler genauso deuten können, um sich für den Einsatz bereitzumachen. Sobald der Mitspieler vollständig aus dem Wasserbecken geklettert ist, darf der Auswechselspieler von der Wechselbank in die Einwechselgasse springen. "Die Leute müssen beginnen, ihre Partner zu lesen. Nur so können sie schnell reagieren und gewinnen." Für Zuschauer wird das Spiel meist gefilmt. Für Elisa Mosler ist aber ganz klar: Selber unter Wasser zu sein, das Spiel 3D zu verfolgen, macht es am interessantesten.

Informationen zum Beitrag

Titel
Die Auftauchwege der anderen deuten
Autor
Sophie Vandebroek
Schule
Kantonsschule Zürcher Oberland , Wetzikon
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.10.2015, Nr. 230, S. 30
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

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