Dubliner Hüter des Friedens

Paul Gray und Annemarie Higgins sind als Polizisten im Norden Dublins unterwegs und oft mit Menschen unter Drogeneinfluss konfrontiert. Die reagieren oft beleidigend.

Sie entschuldigen sich sofort! Los!" Der Polizist treibt einen etwa 20 Jahre alten Obdachlosen in dem Zeitungsladen vor sich her. Der Mann trägt eine graue, ausgebeulte, schmutzige Jogginghose. Seine Haare sind fettig. Die Augen blicken leer, und seine Nase läuft. Kleinlaut geht er an den Tresen und murmelt undeutlich: "Es tut mir leid, dass ich den Schokoladenriegel geklaut habe. Hier sind zwei Euro. Es kommt nicht mehr vor. Versprochen." Der junge Mann verlässt das Geschäft. Paul Gray lächelt erleichtert. In Dublin ist er Garda Siochana. Das ist Gälisch und heißt "Hüter des Friedens". Gray ist Mitte 20, hat kurze mittelblonde Haare und blaue Augen. Mit seinen 190 Zentimetern sieht er ziemlich einschüchternd aus.

Paul Gray arbeitet in Pearse Street, einer der Hauptstraßen im nördlichen Stadtzentrum von Dublin. Sein Einsatzgebiet ist kein bequemer Ort: Pearse Street zählt zu den schlechteren Vierteln. Hier lungern Drogen- und Alkoholabhängige herum: In der Nähe gibt es ein Methadonzentrum. Konfliktsituationen und lange Arbeitszeiten gehören zum Alltag. Dennoch bereut Gray seine Berufswahl nicht. Er wollte schon immer Polizist oder Anwalt werden. Keiner seiner Verwandten ist bei der Polizei. Es war sein eigener Wunsch. Die meisten Fälle, mit denen er in Pearse Street zu tun hat, haben mit Drogenkonsum, vor allem von Heroin, zu tun. "Es ist nicht immer leicht, mit Betrunkenen oder Drogenabhängigen umzugehen. Diese Menschen sind unter Drogeneinfluss nicht sie selbst und oft sehr beleidigend." Um die Abhängigen besser zu verstehen, hat Paul vor ein paar Monaten begonnen, Psychotherapie zu studieren. Stress bewältigt er mit Meditation. Freude an seinem Beruf bereitet ihm, wenn er Menschen helfen kann: "Dem Drogenabhängigen zu helfen, seine Sucht zu überwinden, dem Alzheimerkranken, seinen Weg nach Hause zu zeigen, den Verzweifelten von dummen Dingen abzuhalten, die kleinen Dinge halt, das macht mich glücklich." Manchmal greifen die Besoffenen die Polizisten an. Dann sind die Polizisten gezwungen, Pfefferspray oder Schlagstöcke einzusetzen.

Die zweijährige Ausbildung zum Polizisten in Irland ist anstrengend. Das Ausbildungszentrum für die irische Gardai ist in Templemore, County Tipperary. Es gibt praktische und theoretische Prüfungen. In der theoretischen Prüfung muss man beispielsweise erfundene Fälle in einem Gerichtssaal abhandeln. Auf körperliche Fitness legt man großen Wert. "Wir müssen schließlich in der Lage sein, den Tätern hinterherzurennen", erklärt Paul Gray. Nach 30 Jahren Dienstzeit kann man als Polizist in Rente gehen. Das geht schon ab Anfang 50. Was war die schlimmste Tat, die er bisher sah? Paul überlegt kurz: "Eine der schlimmsten Straftaten war, als ein Drogenabhängiger einen anderen mit dreckigen Spritzen und Glasflaschen angegriffen hat. Er wollte Geld, um sich Heroin zu beschaffen." Beschaffungskriminalität lasse Menschen schreckliche Dinge tun.

Seit 1959 bildet Ireland auch weibliche Gardai aus. Annemarie Higgins ist eine davon. Ihre hellblonden Haare trägt sie kinnlang. Die schlanke, 1,70 Meter große Frau trägt ihre Arbeitsuniform: Ein hellblaues Hemd, auf dem Garda steht, eine dunkelblaue Regenjacke und eine schwarze Hose. Ihre polierten schwarzen Schuhe glänzen. Um ihre Taille hat sie eine Funksprechgerät und eine schwarze Waffe, die wie eine Staffette für einen Hürdenlauf aussieht. Sie ist Anfang 40 und wirkt aufmerksam und wachsam. Ihren stahlblauen, dezent geschminkten Augen scheint nichts zu entgehen. Higgins begann ihre Karriere 1993. Als sie 25 Jahre alt war, wurde sie offiziell zur Polizistin ernannt. Auch sie absolvierte ihre Ausbildung in Templemore. Zu der Zeit gab es 25 Prozent weibliche Gardai. Wie war das damals für sie? So richtig nachgedacht hat sie darüber damals nicht: "Ich wollte Garda Siochana werden, weil mein Vater diesen Beruf ausgeübt hat." Wie reagierten ihre Freunde? Annemarie lächelt etwas verlegen: "Nun, es war nicht der totale Schock für meine Freunde. Manche, nicht so enge Freunde aber begannen mich vielleicht etwas vorsichtiger zu behandeln. Bei manchen war das schon sehr auffällig", gibt sie belustigt zu.

Polizisten, männlich wie weiblich, müssen während ihrer Ausbildung körperlich fit sein, Langstrecken rennen, Liegestützen und Bauchmuskelübungen machen. Annemarie war schon immer sportlich. Heute hält sie sich mit Joggen und mit Kampfsportarten fit. In den vergangenen zwei Jahren musste sie drei jugendliche Selbstmorde miterleben. Das tut ihr, der Mutter von drei Kindern, besonders weh. Auch Kindesmisshandlungen gehen ihr nah. Oft wird sie beschimpft. Manchmal findet sie es schwer, unter solchen Umständen zu arbeiten. Ihr Gesicht zeigt eine kleine Falte über der Stirn: "Ich weiß, ich muss lernen, die schweren Fälle zu vergessen." Das ist nicht immer einfach. Man kann die Probleme nicht einfach im Büro lassen. Ein Nachteil an ihrem Beruf.

Das ist beiden Gardai, Paul und Annemarie, wichtig: Menschen zu helfen, ihre Würde wiederzuerlangen. Annemarie bekommt anrührende Briefe von Menschen, denen sie geholfen hat und die ihren Namen in guter Erinnerung behalten. Das sind schöne Momente. Werden die beiden anders behandelt, wenn sie in Uniform sind? Paul lächelt. "Natürlich behandeln mich Fremde anders, wenn ich meine Uniform trage. Gewiss spielt meine Größe auch eine Rolle." Das glaubt man ihm gerne, denn für einen Iren ist Paul ungewöhnlich groß.

Annemarie bestätigt: "Klar. Die meisten Leute verhalten sich anders, wenn ich in Uniform bin. Sie wirken dann ängstlich oder wachsam." Bei ihr sticht besonders der Kontrast zwischen ihrer zierlichen Gestalt und der Uniform ins Auge. Gleich ob in Uniform oder in ziviler Kleidung: Die Obdachlosen erkennen Paul immer. Wenn er in seiner Freizeit durch die Straßen läuft, grüßen sie ihn freundlich. Auch jener Mann, den er beim Klauen erwischt hat. "Warum soll man einen Prozess gegen ihn anstrengen, wenn man die Sache auch so klären kann? Es kostet den Staat wesentlich weniger, und alle sind glücklich", erklärt er.

Informationen zum Beitrag

Titel
Dubliner Hüter des Friedens
Autor
Nina Heisterkamp, Ellen Kane
Schule
St. Kilian's Deutsche Schule , Dublin
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.10.2015, Nr. 236, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

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