Maximilians Feuerprobe

Wenn ein Fest oder eine Veranstaltung stattfindet, gibt es Utensilien, die auf keinen Fall fehlen sollten: Taschentücher, Regenschirm, Waffenrock und Schwert. Letzteres trifft zumindest für den 17-jährigen Maximilian zu. Der Schüler ist seit einigen Monaten Mitglied bei der Ingolstädter Stadtwache. Seine Feuerprobe hat er bereits hinter sich: In diesem Jahr wurde in Ingolstadt das 499 Jahre alte Reinheitsgebot des Bieres gefeiert, das auf dem Landesständetag 1516 in der Stadt als erstes und ältestes Lebensmittelgesetz überhaupt beschlossen wurde.

"Natürlich war ich begeistert, meinen ersten Einsatz gleich bei einem so großen Event absolvieren zu dürfen. Schließlich existierte die Stadtwache zur Zeit des Beschlusses schon 203 Jahre", schwärmt Maximilian. Bereits 1313 hatte sie sich in der Schlacht bei Gammelsdorf einen Namen gemacht. Denn falls die Oberbayern den Kampf gegen das habsburgische Heer verloren hätten, wäre Ludwig kaum zum deutschen König gewählt worden. Das war anscheinend auch dem Herrscher klar, denn den Ingolstädtern wurde zum Dank ihrer Dienste ein blauer Panther, genauer ein Pantier, als Wappentier verliehen. Dieses Ereignis war für die Stadtwache von so großer Bedeutung, dass es im Stadtwachenlied von Dietrich vom Lehenbuckl festgehalten wurde: "Für Herzog und das Bayernland, kämpfen wir stets Hand in Hand . . ." Wenn ihre Dienste nicht in kriegerischen Auseinandersetzungen gebraucht wurden, hatte die Stadtwache ein ähnliches Aufgabenfeld wie die heutige Polizei. "Die historische Stadtwache, auch Bürgerfähnlein genannt, war sozusagen ein bewaffneter Bürgerstand. Sie stellte den Nachtwächter, sollte die Stadt gegen Überfälle und Angriffe schützen und allgemein zur Aufrechterhaltung von Zucht und Ordnung beitragen", sagt Maximilian.

Damals wie heute wird die Stadtwache von einem Stadthauptmann kommandiert. "Um alles so authentisch wie möglich darzustellen, gibt es eine klare Hierarchie. Wobei ich hier anmerken sollte, dass tatsächlich eigentlich die Frau des Hauptmanns die Hosen anhat", lacht der Oberstufenschüler. "Ob das im 14. Jahrhundert auch schon so war, sei mal dahingestellt."

Im 21. Jahrhundert erfüllt die Stadtwache nur noch eine repräsentative Funktion und hilft bei Ordneraufgaben aus. Die Bezeichnungen orientieren sich an den historischen Vorbildern: Der "Schatzmeister" kümmert sich um die Finanzen, und der "Herr der dunklen Mächte" ist für Online-Auftritte verantwortlich. "Während der Dienstzeit tragen manche von uns auch andere Namen", sagt Maximilian. "So ist es nicht ungewöhnlich, mit Gerolf dem Wolfsbändiger oder Josef von Haunstadt zusammen am Feuer zu sitzen."

Anlässlich des Herzogsfests 2008 wurde die Stadtwache wieder ins Leben gerufen. Es wurden Freiwillige gesucht, entweder die "holde Weiblichkeit für die Darstellung von Marketenderinnen" oder eben geeignete männliche Vertreter. Auch für "Zoagroaste", Zugezogene, ist die Teilnahme kein Problem. Voraussetzung ist nur eine Mindestgröße von 1,70 Metern und ein Alter von mehr als 18 Jahren. "Bei mir wurde da glücklicherweise eine Ausnahme gemacht. Bis ich 18 bin, darf ich deswegen bei manchen Aktionen nicht mitmachen. Wir führen zum Beispiel historischen Schwertkampf auf. Dabei kann ich nur mit Waffen arbeiten, die man schon ab 16 Jahren führen darf", erklärt der Schüler.

Die Ausrüstung, die nach mittelalterlichem Vorbild gestaltet wurde, wird teilweise von der Stadt Ingolstadt gestellt. Gürtel, Waffen und Essbesteck für das Lagerleben müssen sich die Teilnehmer selbst besorgen. Jeder Stadtwächter besitzt zwei komplette Ausrüstungen: Einmal für das "Fest zum Reinen Bier" und zum anderen für das Herzogsfest, das erstmals um das 14. Jahrhundert datiert wird. "Da wir manchmal drei oder mehr Tage gemeinsam in einem Zelt leben, sind wir wie eine große Familie. Neueinsteigern wird da mit hilfreichen Tipps zur Bekleidung oder den benötigten Materialien unter die Arme gegriffen." Zeitweise wird diese Familie auch von anderen Gruppen, wie zum Beispiel der "Oppelner Rittergesellschaft" aus Polen, erweitert. Zusätzlich gibt es noch Kontakte nach Riedenburg, Neuburg und Bled in Slowenien.

"Das nächste Jahr wird ein ganz besonderes Jahr. Wir werden das 500-jährige Bestehen des Reinheitsgebots feiern." Ein Trailerfilm ist abgedreht. Bis zu diesem Jubiläum sind die Ingolstädter auf jeden Fall in besten Händen, denn: "Bürger, schlaft ruhig bis zum Morgen, da wir für Euren Schutz tun sorgen. Wir wachen über Stadt und Land, Gott schütze unser Bayernland."

Informationen zum Beitrag

Titel
Maximilians Feuerprobe
Autor
Maria Danz
Schule
Katharinen-Gymnasium , Ingolstadt
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.10.2015, Nr. 236, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

Zeitungszustellung während des Projekts

Probleme bei der projektbezogenen Zeitungslieferung?
Wenden Sie sich unter Angabe Ihrer Auftragsnummer per E-Mail oder per Fax an:vertrieb@faz.de
069-7591-2180