Ein Trierer Mönch liebt seine Arbeit als Amtsrichter

Anfangs war ich der Papagei unter den Richterkollegen und -kolleginnen, mittlerweile bin ich seit 22 Jahren in derselben Abteilung und nur einer unter vielen Kollegen", erklärt Eucharius Wingenfeld, der Mönch im Kloster Sankt Matthias in Trier und zugleich als Richter in Zivilsachen am Amtsgericht der Stadt tätig ist. So unterschiedlich wie seine beiden Lebensbereiche sind, so unterschiedlich ist dann auch jeweils sein äußeres Erscheinungsbild. Während der 57-jährige schlanke, grauhaarige Mann mit Brille im Kloster einen schwarzen Habit und schwarze Birkenstock-Latschen trägt, erscheint er im Gericht im Anzug mit weißem Hemd und schwarzen Schuhen. In den Sitzungen trägt er eine schwarze, mit Samt besetzte Robe.

Die ruhige Stimmung aus dem Kloster ist in dem vergleichsweise modernen Gerichtsgebäude verflogen. Während im Kloster von keiner Hektik etwas zu spüren ist, hasten hier einige Menschen vollgepackt mit Akten durch die Flure, wobei sie sich angeregt mit Kollegen unterhalten. Jeden Freitagmorgen, bevor der Sitzungstag im Gericht beginnt, bereitet sich Eucharius Wingenfeld in seinem lichtdurchfluteten, modern eingerichteten Büro vor. Auf einem Schrank stapeln sich Akten, auf dem aufgeräumten Schreibtisch stehen Telefon, Computer und Drucker. Neben Notizblöcken, Kugelschreibern und einem Taschenrechner befindet sich eine Postkarte mit einem Kreuz darauf. Ein weiteres Bild eines Kreuzes hängt an der Wand, ebenso wie Bilder von Berggipfeln, die er selbst erklommen und fotografiert hat.

Im Flur laufen viele Menschen an der Bürotür vorbei, meistens freundlich grüßend, einige jedoch hektisch. "Meine Tür steht immer offen, zu mir kann jeder herein kommen", erklärt Eucharius. "Dann kann man eintreten, die Tür schließen und mit mir reden. Ich helfe den Menschen gerne, wenn ich kann."

Während der Sitzung kann er jedoch nicht jedem helfen. "Manchmal reicht es da nur noch für ein gutes Wort, und dann muss auch ich mein Urteil verkünden. Aber ich liebe meinen Beruf als Amtsrichter", sagt er strahlend. "Ich sehe meine Aufgabe in gewisser Weise darin, Versöhnungsarbeit zu leisten, die Menschen aufeinander zuzuführen und gemeinsam eine Lösung zu finden. Dabei muss man den Menschen, unabhängig von dem, was sie getan haben, mit Respekt und Achtung entgegentreten, denn sie sind trotzdem Menschen." Bei dieser Aussage bezieht er sich auf die Benediktsregel: "Der Abt hasse die Laster, er liebe die Brüder." Eucharius erklärt, dass ihm das Dasein als Mönch bei seiner Arbeit als Richter hilft. "Für mich ist das Christentum eine Religion, die fordert, dass bei meinem Umgang mit Menschen ihre Religionszugehörigkeit keine Rolle spielt."

Bevor sich Richter Wingenfeld auf den Weg zum Sitzungssaal macht, bindet er sich seine weiße Krawatte um und nimmt die Robe aus dem Schrank. "Das ist das letzte Ritual vor der Sitzung", sagt Eucharius stolz. "Das ist wie bei den Spielern das Anziehen der Schuhe vor dem Fußballspiel." Auf dem Weg zum Saal kommt er an vielen Menschen vorbei. Die einen gehen nervös den Flur auf und ab, andere stehen dort und starren auf den Boden, während sich wieder andere aufgeregt unterhalten oder auch nur flüstern. Die wenigsten Wartenden blicken fröhlich. Eucharius Wingenfeld sieht man an, dass er konzentriert ist. "Ich bin vor einer Sitzung zwar nicht mehr aufgeregt, aber man fühlt sich trotzdem wie ein Rennpferd vor dem Start." Während der Sitzung hört er den Beteiligten zu und lässt sie ausreden. Wenn sich jedoch die Gemüter erhitzen, kann der sonst so ruhige Richter auch mit erhobener Stimme und deutlichen Worten für Ordnung sorgen. So auch in der Sitzung, in der es um Mietrecht geht. Als die Mieterin dem Vermieter vorwirft, unerlaubt und ohne ihre Anwesenheit in ihrer Wohnung gewesen zu sein, herrscht eine explosive Stimmung im Saal. Richter Wingenfeld bemerkt dies sofort und bringt wieder Ordnung in das Gespräch, so dass die Sitzung ruhig weitergeführt werden kann.

Nach seiner Arbeit im Gericht schafft es Eucharius Wingenfeld nur selten zum Mittagsgebet im Kloster. "Mittags geht die Arbeit vor. Morgens und abends kann ich meine Gebetszeiten einhalten. Außerdem habe ich die Zeit für ein stilles Gebet einmal am Tag", erklärt er, während er im Schein einer Kerze in einem Gemeinschaftsraum des Klosters sitzt. Doch auch im Kloster wartet noch Arbeit auf den Mönch: Hier ist er in der Verwaltung der Abtei für die Finanzen und das Personalbüro zuständig und fungiert als Ansprechpartner für das Schammatdorf in Trier. In dieser neben dem Kloster gelegenen Wohnanlage leben behinderte und nichtbehinderte Menschen in engagierter Nachbarschaft zusammen.

Lächelnd sagt er, der Herr sorge dafür, dass es nur an einer Stelle brennt und er subjektiv behaupten kann, genügend Zeit für sich zu haben. So versucht Eucharius, den Sonntagnachmittag frei von Arbeit zu halten. "Ich habe Zeit, Musik zu hören, zu lesen und zu schreiben. Ich kann meine Freundschaften pflegen und in meiner Freizeit Sport treiben. Auch habe ich die Zeit dazu, alle zwei Jahre Exerzitien zu halten." Mit strahlenden Augen berichtet er von seinen zehntägigen Wandertouren im Sommer.

Konfliktsituationen zwischen seinem Leben als Mönch und der Arbeit als Richter gibt es nur selten. Meist nur dann, wenn sich beide Bereiche miteinander vermischen, zum Beispiel, wenn Personen aus einem Bereich plötzlich im anderen auftauchen: "Während einer Sitzung hat mir ein Mann mit Mietschulden erzählt, dass er täglich den Rosenkranz betet. Mir war klar, dass er mir damit schmeicheln wollte, weil er wusste, dass ich Mönch bin. Es gab auch schon Situationen, in denen man versucht hat, mich vor Gericht mit dem Mönchtum anzugreifen. Ich gehe damit offen um und kann diese Bereiche gut voneinander trennen", betont Eucharius.

Warum er noch während seines Jurastudiums Mönch geworden ist? "Gott machte mir ein Angebot für eine Lebensform. Und ich hatte das Gefühl, dass es etwas für mich sein könnte. Auch wenn ich mich nach einem halben Jahr, während ich an mir runterschaute und meinen Habit sah, immer noch gefragt habe, was ich da eigentlich mache. Doch das ist lange her. Seit September 1981 bin ich Mönch der Abtei St. Matthias in Trier. Heute weiß ich, dass meine Entscheidung richtig war."

Informationen zum Beitrag

Titel
Ein Trierer Mönch liebt seine Arbeit als Amtsrichter
Autor
Lisa Spang
Schule
Max-Planck-Gymnasium , Trier
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.10.2015, Nr. 236, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

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