Beim unblutigen Stierkampf ist nicht klar, wer wen jagt

Hinter der roten Barriere stehen 24 Männer in eng sitzender, weißer Kleidung und warten gespannt darauf, jene endlich überqueren zu dürfen. "Jazz" läuft in die antike Arena von Nîmes ein und dreht die erste Runde über den Platz. Die Startmusik ertönt. Das ist das Zeichen. Die Männer springen über die Barriere hinüber zu dem pechschwarzen Stier auf den sandigen Platz. "Die sind doch verrückt!", ruft ein deutscher Schüler aus einer Reisegruppe, denn jetzt hat der Stier freie Bahn auf die Männer, die keinerlei Schutzkleidung tragen.

Dem Stier wurden zuvor eine Kokarde und eine weiße Quaste mit Fäden an die Hörner gebunden. Die Aufgabe der Männer, der sogenannten Razeteurs, ist es, mit Hilfe eines Kamms die Kokarde und Fäden von den Hörnern des Stiers zu entfernen. Gewonnen hat der Razeteur, der die meisten Fäden erobert hat.

Es ist nicht immer klar, wer wen jagt: die Razeteurs den Stier oder umgekehrt. Sobald einer der Männer dem Stier zu nahe kommt, nimmt dieser die Jagd auf. Der gejagte Razeteur muss dann so schnell wie möglich wieder zurück über die rote Barriere springen. Wenn dabei alles gut läuft, kommt der Razeteur wohlbehalten auf der anderen Seite an, und der Stier bremst rechtzeitig vor der Barriere ab. Doch dies ist nicht immer Fall. Als der Stier das erste Mal gegen die Barriere prallt und der Razeteur nur knapp entweichen kann, ist der Schreckmoment in der Reisegruppe groß. Alle zucken zusammen. "Oh mein Gott, das war voll knapp" und "Gott sei Dank" ertönt es aus der Gruppe. Die einheimischen Zuschauer drehen sich nach der ausländischen Gruppe um. Für sie sind solche Situationen eher langweilig. Erst wenn es zu kritischen Situationen kommt, ist die ganze Arena am Grölen und Jubeln. Wenn der Stier einmal nichts macht und nur regungslos auf dem Platz steht, beginnen alle Zuschauer zu buhen. Dann ist es Aufgabe der Razeteurs, den Stier wieder zu Aktion zu provozieren. Wild gestikulierend laufen sie um ihn herum, schlagen gegen die rote Holzbarriere und brüllen laut - so lange, bis der Stier ihnen hinterherrennt. Dann applaudiert das Publikum wieder. Im Rhône-Delta von Montpellier bis Marseille gibt es fast 900 Rennen in der Saison, die von März bis November geht. Die Kämpfe finden nicht nur in den Arenen der Stadt statt, sondern auch in den Arenen der Dörfer.

Je gefährlicher die Situationen sind, desto lauter applaudieren die Zuschauer. Es ist keine Seltenheit, dass das Tier gegen die Barriere läuft, über diese hinüberspringt oder einfach hindurchrennt, sodass die Bretter zu allen Seiten wegfliegen. Die meisten Zuschauer sitzen geschützt durch eine Steinmauer weit genug entfernt von dem Geschehen. Doch einige stehen direkt hinter der Barriere und müssen sich, wenn der Stier es schafft, die Barriere zu durchqueren, hinter den weißen Holztafeln verstecken, auf die die Razeteurs immer springen, um zu flüchten. Dabei entsteht keine Panik, der Stier wird einfach wieder zurück auf den Platz gelockt, und die Bretter werden wieder in die Barriere geschoben.

Nach 15 Minuten ist ein Kampf beendet, und der nächste Stier wird auf den Platz gelassen. Wieder warten die Männer hinter der Barriere, bis die Startmusik ertönt und sie zu dem Stier auf den Platz dürfen. Insgesamt gibt es an einem Abend sechs verschiedene Stiere. Getötet wird beim Course Camarguaise anders als in spanischen Stierkämpfen kein Tier. In Spanien sterben bei rund 2000 Kämpfen im Jahr ungefähr 30 000 Stiere.

Trotzdem ist es für alle Beteiligten ein Nervenkitzel. Jeder hat einen Favoriten, von dem er hofft, dass dieser gewinnt. Auch in der deutschen Reisegruppe hat sich jeder seinen Favoriten herausgesucht, denn die Namen der Razeteurs stehen auf ihrem T-Shirt und sind somit leicht abzulesen. "Katif ist der beste Mann", heißt es von den meisten Jungs. "Belgourari sieht gut aus. Der gewinnt bestimmt", wetten die Mädchen dagegen.

Während der Kämpfe schauen alle Zuschauer in der Arena gespannt dem Geschehen zu. Einige sitzen dort mit ernsten Gesichtern und sprechen währenddessen kein Wort. Andere sind entspannt zurückgelehnt und beurteilen die Kämpfe direkt mit ihrem Sitznachbarn oder beobachten sie mit zufriedenem Gesichtsausdruck. In der Arena ist es laut, ein Ansager ruft durch das Mikrofon, wer von den Männern eine Kokarde oder einen Faden erlangt hat. Zwischen den Zuschauerbänken schlängeln sich immer wieder Süßigkeitenverkäufer mit ihren Bauchläden hindurch, um Nüsse, Popcorn oder Chips zu verkaufen.

Zur Siegerehrung leert sich die Arena jedoch schnell. Nicht jeder bleibt sitzen, bis der beste Razeteur und der beste Stier geehrt werden. Sieger dieses Abends ist tatsächlich Belgourari, er bekommt auf dem Platz einen Blumenstrauß überreicht und wird von den restlichen Zuschauern bejubelt. Auch der Besitzer des besten Stiers erhält einen Blumenstrauß.

Informationen zum Beitrag

Titel
Beim unblutigen Stierkampf ist nicht klar, wer wen jagt
Autor
Lisa Spang
Schule
Max-Planck-Gymnasium , Trier
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.10.2015, Nr. 242, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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