Brehms Tierleben begann mit einer Schleiereule

Johannes Brehm ist gelernter Werkzeugmacher, betreibt nahe Bamberg ein Dorfgasthaus und ist in seiner Freizeit leidenschaftlicher Falkner. Nicht nur bei der Beizjagd ist Fingerspitzengefühl gefragt. Zum Beispiel ist das Anziehen der Haube heikel. Spätestens dann erkenne man, ob das Tier ein Biss- oder ein Grifftöter sei, erklärt der Franke.

Das sieht alles so super leicht aus, man muss aber wirklich geschickt sein und behutsam mit dem Tier umgehen", sagt Johannes Brehm. Der gelernte Werkzeugmacher lebt in Frensdorf-Vorra, nahe Bamberg. Er ist Jäger und Falkner. Zudem betreibt Brehm ein Dorfgasthaus in Vorra. Seine Freizeit ist indes ganz und gar seinen zwei Greifvögeln und seiner Passion gewidmet.

Der 51-Jährige, der während der Arbeit mit seinen Tieren immer mit einem Lederhandschuh ausgerüstet ist und eine auffällige Jagdpfeife aus Horn als Anhänger trägt, kam früh mit der Jagd in Berührung. Schon sein Großvater, sein Vater und mehrere seiner Onkel waren Jäger. Doch dass gerade die Falknerei sein Hobby wurde, ist einem speziellen Ereignis in seiner Jugend zuzuschreiben. Begegnungen mit Greifvögeln ergaben sich immer wieder, da die Familie Landwirtschaft betrieb. Die Rettung einer verletzten Schleiereule, die sich in einem Rohr verfangen hatte, brachte den Jungen endgültig zu seiner Leidenschaft. Seit damals stand für ihn fest, er wolle einmal Falkner werden.

Seine Familie unterstützt sein Hobby, wo es nur geht, auch sein Sohn ist von der Tätigkeit seines Vaters begeistert. Johannes Brehm will den Stab natürlich gerne einmal weiterreichen, überlässt die Entscheidung aber ihm und sagt: "Man kann da eben nix erzwingen."

Voraussetzung für die Ausbildung zum Falkner ist die Jägerprüfung, die man auch das grüne Abitur nennt. Es gehören zur mündlichen Falknerprüfung Fragen zum Jagdrecht, zur Greifvogelkunde, Haltung und Ausübung der Beizjagd. Der Beruf spiele dabei keine Rolle, sagt Brehm. "Falkner wie auch Jäger kommen aus allen Berufsgruppen."

Abgesehen vom Training der eigenen Greifvögel kümmern sich viele Falkner, wie auch Brehm, um die Gesundheit wildlebender Vögel. "Meistens bringen die Leute aus den Dörfern die verletzten Tiere zu uns", berichtet er: "Tierärzte sind in den meisten Fällen mit Greifvögeln überfordert oder besitzen nicht die notwendige Erfahrung." Sind die Tiere schwer erkrankt, müssen sie vom Falkner in mehreren Schritten wieder aufgepäppelt und in die Natur eingegliedert werden. Derzeit kümmert sich Brehm um seinen Harris Hawk, einen amerikanischen Wüstenbussard, und um einen Wanderfalken namens Mahim. Wer an einen arabischen Namen denkt, irrt. Mahim steht einfach nur für Mariä Himmelfahrt, den Tag, an dem Brehm und seine Frau sich kennenlernten. Der Wanderfalke, der im Besitz des Falkners ist, befindet sich zurzeit im Allgäu und wird in der Zucht eingesetzt. Bis Mahim heimkehrt, nimmt Brehm dessen leiblichen Bruder, der einem befreundeten Falkner gehört, gelegentlich leihweise zu Demonstrationszwecken in Schulen mit.

Die Lebenserwartung von in Gefangenschaft gehaltenen Greifvögeln liegt bei 15 bis 20 Jahren, ist aber von Art zu Art unterschiedlich und bei in Freiheit lebenden Tieren deutlich geringer. Wanderfalken sind treue Tiere und führen "Lebensehen". "Wenn es net harmoniert, kann es auch passieren, dass das Weibchen das Männchen stark attackiert und im schlimmsten Fall tödlich verletzt, das ist aber eher die Ausnahme", erzählt der Falkner. Die Weibchen sind um ein Drittel größer als die Männchen.

"Wir Falkner sind, wie auch Briefmarkensammler oder Jäger, alle miteinander vernetzt", berichtet Brehm schmunzelnd, denn auch überregional helfen die 200 aktiven Falkner Bayerns den Wildtieren mit speziellen Projekten - zurzeit zum Beispiel in Form eines Schutzprogramms für heimische Wanderfalken. Aufgrund von Pestiziden war in den sechziger Jahren die Population der Tiere in Deutschland auf weniger als 40 Paare gesunken. Durch die Hilfe des Deutschen Falknerordens (DFO), einer von drei großen Falknergruppierungen, wurden schon mehr als 1000 Jungvögel ausgewildert, um den Bestand wieder zu erhöhen.

Auswilderung findet bis heute statt, zum Beispiel in einem länderübergreifenden Artenschutzprojekt des DFO mit Polen. "Geht es dem Wanderfalken gut, dann geht es auch der Natur gut", sagt der gelernte Werkzeugmacher.

Die Weltorganisation der Falknerei, die International Association for Falconry (IAF), trifft sich 2018 in Bamberg. "Da kommt mir jetzt schon eine Gänsehaut, das wird eine ganz große Geschichte mit mehr als 500 Falknern", sagt Brehm begeistert. Neben bekannten deutschen Züchtern sind auch Liebhaber aus den arabischen Ländern vertreten, die in ihrer Heimat für ihre Tiere ganze Reservate errichten ließen.

Auf solchen Veranstaltungen unterhalten sich die Falkner über den Schutz der Greifvögel, aber es wird auch praktische Falknerei, die sogenannte Beizjagd betrieben. Für die Beizjagd, eignen sich vor allem Wanderfalken wie Mahim oder sein Bruder. Sie wird fast täglich praktiziert, um den Vogel in Form zu halten. Dabei ist der Hund ein fester Bestandteil. "Ein altes Jagdsprichwort sagt: Jagd ohne Hund ist Schund", fügt Brehm scherzhaft hinzu. Bei der Beizjagd fungiert der Hund als Vorstehhund. Die Aufgabe des Tieres ist es, dem Greifvogel in der Luft dabei zu helfen, am Boden befindliche Beute zu finden. Er signalisiert dies, indem er in einigem Abstand vor dem zu erjagenden Tier steht, ohne es aufzuscheuchen. Mit bis zu 300 Stundenkilometern und aus mehr als 100 Metern Höhe stürzt sich der Vogel auf seine Beute und tötet sie, artenabhängig entweder mit den Krallen oder mit seinem Schnabel.

Dementsprechend unterscheidet man zwischen Griff- und Bisstötern. Falken töten ihre Beute mit ihrem Schnabel, markant ist der sogenannte Falkenzahn, ein kleiner, spitzer Teil ihres Schnabels. Um das Tier wieder zurückzuholen, bedient sich der Falkner einer mit Federn bestückten Beuteattrappe, des "Federspiels", um anschließend den Greifvogel gekonnt mit dem speziellen Falknerknoten zu sichern. Verletzt hat sich Johannes Brehm bisher bei solchen Jagden nicht - "außer ein paar kleinen Kratzern".

Wichtig sei es, behutsam mit dem Tier umzugehen. Schon beim Aufsetzen der Haube müsse man darauf achten, dass man dem Tier keine Feder einklemmt. "Die Tiere sind schnell verärgert, und wenn das Wohlbefinden nicht passt, dann kann man sich ja vorstellen, was los ist." Die größte Gefahr besteht beim Zuziehen der Haube, bei der der Falkner seine Zähne zu Hilfe nehmen muss, weil auf dem Lederhandschuh der Falke steht und er nur eine Hand zur Verfügung hat. "Es ist schon vorgekommen, dass der Falkner dann auf die Zunge aufpassen musste, in die das Tier picken wollte. Man erkennt immer schnell, ob es ein Grifftöter oder ein Bisstöter ist."

Informationen zum Beitrag

Titel
Brehms Tierleben begann mit einer Schleiereule
Autor
Felix Hauck
Schule
Bayernkolleg , Schweinfurt
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.10.2015, Nr. 242, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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