Der will eben nicht nur spielen

Es ist ein besonderer Morgen im Kindergarten Volketswil. 21 Kinder im Alter von fünf und sechs Jahren und die Erzieherin sitzen erwartungsvoll im Kreis. Die Kinder sollen an diesem Vormittag lernen, wie man sich gegenüber Hunden korrekt verhält. Seit 2006 betreibt der Zürcher Hundeverband zur Prävention von Hundebissen mit großem Erfolg das Programm "Prevent a Bite". Es wurde in den achtziger Jahren vom englischen Hundetrainer John Uncle entwickelt. Im Kanton Zürich gibt es vier Gruppen, die jeweils in einer Region tätig sind, bestehend aus verschiedenen Hundeteams, also Führer und Hund.

Insgesamt habe sich die Zahl der Hundeteams seit der Einführung des Programms gut verdoppelt, erklärt Rita Eppler, Leiterin der "Gruppe Uster" und Delegierte des Zürcher Hundeverbands für die Hundebissprävention. Sie leitet den Kurs an diesem Morgen. Für Einsätze in den Kindergärten erhalten die Hundeführer eine Entschädigung, nicht jedoch für die Administration, die Hundetrainerin Rita Eppler ebenfalls führt. Die Administration und die Ausbildung der Hunde und Führer erfolgen ehrenamtlich. Gemeinsam mit der frechen Handpuppe Lilli und dem Stoffhund Struppi begrüßt die Kursleiterin die Kinder.

Das Programm, das die Leiterin und Mutter zweier Teenager durchführt, ist auf Vorschulkinder abgestimmt, da diese am meisten gefährdet sind. "Wir bringen den Kindern Regeln bei, was man bei einem Hund nicht tun sollte", sagt die Teilzeit-Reitlehrerin. "Hunde beißen nämlich nicht einfach ohne Vorwarnung zu, sondern nur wenn sie keinen anderen Ausweg sehen." Kritisch sei zum Beispiel, wenn sie von einem Kind festgehalten werden, etwa am Schwanz, und das Kind nicht mehr loslässt. "Hunde zeigen ihr Unbehagen in den allermeisten Fällen durch Körpersignale an. Aber Kinder erkennen solche meist nicht. Diese Signale kleinen Kindern beizubringen ist nicht sinnvoll, aber sie können problemlos Verhaltensregeln erlernen, damit sie gar nicht erst in kritische Situationen mit Hunden geraten", erklärt Rita Eppler.

Gleich nach der Begrüßung erscheinen auch die Vierbeiner Kira, Indy, Leo und Sissi mit ihren Betreuern im Schulzimmer. Die speziell ausgebildeten Hunde und ihre Führer begrüßen die Kinder. Die Hunde werden im Kreis geführt, mutige Kinder dürfen sich beschnuppern lassen. Das sind die allermeisten. Wer das nicht möchte, kann sich hinter seinen Stuhl stellen. Nach dem Rundgang legen sich die Hunde brav etwas abseits hin, und die Handpuppen Lilli und Struppi übernehmen weiter. Mit ihnen werden den Kindern spielerisch Verhaltensregeln bei Begegnungen mit Hunden vermittelt. Die freche Lilli macht anfangs alles falsch, rennt auf den armen Struppi zu, umarmt ihn, kreischt wild und fuchtelt mit ihrem Spielzeug vor Struppis Nase herum. Niemand ist daraufhin erstaunt, dass der gutmütige Struppi knurrt und schließlich Lilli nachrennt. Alle Kinder sind sich - offensichtlich amüsiert über die einfältige Puppe - einig, dass man so nicht mit Hunden umgeht. In weiteren Theaterszenen, in die die Kinder miteinbezogen werden, lernen sie, dass man am besten stillsteht, Hände runterhält und wegschaut, wenn ein fremder Hund herankommt, damit sich dieser nicht herausgefordert fühlt. Sie lernen, schlafende oder fressende Hunde in Ruhe zu lassen und um Erlaubnis zu fragen, bevor sie einen unbekannten Hund anfassen.

Im zweiten Teil wird dann mit den vier echten Hunden geübt. Die Kinder dürfen das Gelernte in gestellten Alltagsszenen anwenden. Das klappt größtenteils gut. Die Kinder werden zunehmend sicher. Zum Schluss kommt das Streicheln. "Das ist jeweils der Höhepunkt bei unseren Besuchen im Kindergarten. Die Kinder dürfen die Hunde streicheln, aber nur so, wie sie es zuvor gelernt haben." Der Morgen war ein Erfolg. Die Kinder hatten nicht nur Spaß, sondern sind jetzt vorbereitet für den Umgang mit Hunden.

Informationen zum Beitrag

Titel
Der will eben nicht nur spielen
Autor
Timon Stolz
Schule
Kantonsschule Zürcher Oberland , Wetzikon
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.10.2015, Nr. 242, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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