Duft nach Kindheit und Wiese

Für mich ist er der Gott der Düfte. Als Kind spielte ich oft an einem kleinen See bei uns im Dorf. Im Sommer, wenn auf den Wiesen ringsherum die Blumen blühten, roch es immer toll. Ich wollte dieses Gefühl gerne wieder erleben, und als ich vor sieben Jahren beim Kaffeetrinken mit einer Freundin in Erinnerungen schwelgte, erzählte sie mir von seinem Laden", sagt eine Rentnerin, die an diesem Nachmittag die kleine Parfümerie in Dresden-Cotta verlässt. "Er", das ist Uwe Herrich.

Der gelernte Drogist, der seine Ausbildung im väterlichen Betrieb absolvierte und dort von Zahn- bis Schuhcreme alles selbst anrührte, ist von Parfums, die von namhaften Firmen in großen Mengen hergestellt werden, wenig begeistert. "Viele Düfte ähneln sich, es gibt kaum noch markante und einzigartige Kreationen", sagt Herrich, der sich 1988 selbständig machte. Diese Empfindung brachte ihn dazu, Parfümeur zu werden. "Es gibt keine einheitliche Ausbildung, jedoch beansprucht es eine lange Zeit, bis man als Parfümeur seine Brötchen verdienen kann. Man muss in etwa 15 Jahre seinen Geruchssinn trainieren, bis man in der Lage ist, die verschiedenen Gerüche zu unterscheiden und bestmöglich zu kombinieren", erklärt der 52-Jährige. "Des Weiteren sind eine chemische Ausbildung sowie Kreativität unerlässlich."

Neben Parfums, Cremes und Duschgels in verschiedenen Duftrichtungen bietet er in seinem Laden auf der Warthaer Straße eine besondere Dienstleistung an: Er kreiert als Einziger in Sachsen Parfums individuell nach Kundenwunsch. "Ich möchte mit Parfums ein Wohlbefinden auslösen, deshalb frage ich meine Kunden nach ihren Vorlieben und Abneigungen, ob sie sich schon einen Namen für ihr Parfum überlegt haben, aber auch nach Erlebnissen und Erinnerungen." Dieses Verfahren nennt er eine "polysensorische Reise". Auf deren Grundlage entwirft er anschließend ein passendes Parfum. Das nimmt je nach Aufwand und Inhaltsstoffen rund acht Wochen in Anspruch.

Die Rentnerin hatte eines Tages aus Neugier vorbeigeschaut. "Herausgekommen bin ich mit dem frohen Gefühl, in einigen Wochen erneut meine Kindheit erleben zu können." Seitdem lässt sie sich jedes Jahr eine neue Flasche ihres Parfums zusammenbrauen. "Ich benutze das Parfum weniger als Duft für mich. Stattdessen sprühe ich es auf die Kissen und Vorhänge im Wohnzimmer. Wenn man zur Tür hereinkommt riecht es einfach wunderbar. Und sofort bin ich wieder jung."

Herrich stellt die Zutaten, die sich in Fläschchen und Dosen in zahlreichen Regalen stapeln, größtenteils selbst her. Durch Destillation oder das Einlegen in Alkohol oder Schweinefett lasse sich fast jeder Stoff als Zutat verwenden. So könne er sowohl den Duft von gemähtem Gras als auch den eines frischgedruckten Buches gewinnen. Werbung hat er noch nie gemacht, trotzdem läuft es gut. "Meine Kunden kommen aus der ganzen Welt. Vom Jugendweiheparfum bis zur älteren Dame, die ihr Lieblingsparfum, das seit langem nicht mehr hergestellt wird, weiterbenutzen will, ist alles dabei."

Herrich kreiert auch Raumparfums für Hotels, Museen oder Geschäfte. Sogar Bücher wurden mit seinen Düften parfümiert. "Es gibt natürlich auch einige Düfte, die dafür sorgen, dass der Geldbeutel ein bisschen lockerer sitzt und die Kunden mehr Geld ausgeben", sagt der Parfümeur schmunzelnd. Laut des Deutschen Verbandes der Riechstoff-Hersteller gibt es deutschlandweit nur noch fünf Parfümeure, die Düfte individuell an Kundenwünsche anpassen. "Man sagt, es gebe auf der Welt weniger Parfümeure als Astronauten", sagt Herrich. Das Geheimnis seiner Kreationen: "Ich würde von mir behaupten, dass ich sehr musisch veranlagt bin, denn die Herstellung jedes Parfums ist wie das Komponieren eines guten Musikstücks."

Informationen zum Beitrag

Titel
Duft nach Kindheit und Wiese
Autor
Annika Giesecke
Schule
Romain-Rolland-Gymnasium , Dresden
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.10.2015, Nr. 248, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

Zeitungszustellung während des Projekts

Probleme bei der projektbezogenen Zeitungslieferung?
Wenden Sie sich unter Angabe Ihrer Auftragsnummer per E-Mail oder per Fax an:vertrieb@faz.de
069-7591-2180