Glühen fürs Glas

365 Tage im Jahr ist der Wannenofen in Betrieb und hält seine 1500 Grad. Im Kanton Nidwalden am Vierwaldstättersee liegt eine Glasbläserei, die alte Handwerkskunst pflegt.

Über der Glasi Hergiswil im Kanton Nidwalden kreisen die Vögel, getragen vom Auftrieb der warmen Luft, die dem Glasofen entweicht. Im Hintergrund erheben sich in einer wunderschönen Szenerie majestätisch die Innerschweizer Berge Rigi und Bürgenstock. Davor erstreckt sich strahlend blau der Vierwaldstättersee.

365 Tage im Jahr ist der Wannenofen rund um die Uhr voll in Betrieb. Knapp zehn Tage dauert es, das "Herz der Glasi" auf eine konstante Temperatur von 1500 Grad aufzuheizen. Täglich werden ihm etwa zwei Tonnen Glas entnommen. Die Lebensdauer, die sogenannte Ofenreise, beträgt gerade mal fünf bis sieben Jahre. "Wir behüten ihn daher wie ein kleines Kind", sagt Firmenchef Robert Niederer. Vereinzelte Lachfältchen bilden sich unter den dunkelbraunen Augen. "Ist der Ofen ausgebrannt, so macht sich dies durch ein sanftes Glühen der Außenwände bemerkbar." Hier verlässt sich Niederer ganz auf die wachsamen Blicke der Glasmacher. Denn obwohl die Steine, die den Innenraum des Ofens auskleiden, hitzebeständig sind, schmelzen sie mit der Zeit, weshalb die Wände immer dünner werden. "Löst sich einer der Steine, dann amen", sagt Niederer, "denn rund 16 Tonnen Glasmasse drücken von innen gegen die Wände." Bisher kam es allerdings noch nie zu einem ernsthaften Unfall. Niederer trägt ein schneeweißes Hemd der Marke Lacoste und eine schwarze Hose. Für seine 61 Jahre wirkt der Schweizer mit dem graumelierten Haar noch eher jugendlich.

Auf der Plattform gehen währenddessen die Glasmacher ihren Arbeiten nach. Ein durchgehendes Dröhnen und Klicken erfüllt die hohe, lichtdurchflutete Halle. An den Wänden sind Schöpfkellen und Schläuche unterschiedlichster Größe befestigt, über den Leitungen hängen verschmutzte Stofflappen und ein Paar Handschuhe. Die zwei bis fünf Mitglieder der verschiedenen Teams harmonieren in ihrer Arbeit perfekt. Je nach Artikel werden je Schicht und Team täglich 200 bis 400 Stück hergestellt. Mit Ausnahme einiger Italiener kommen die rund vierzig Glasmacher ausschließlich aus Portugal. In den achtziger Jahren wurden in der Glasi noch Lehrlinge ausgebildet, größtenteils Schweizer. Das Unterfangen musste allerdings bereits wenige Jahre später eingestellt werden. "Kein einziger der Lehrlinge ist nach Beendigung der Ausbildung geblieben", erinnert sich Niederer. Vielen wurde es auf die Dauer zu viel mit der Hitze und der Schichtarbeit. Eine Ausbildung zum Glasmacher ist heute schweizweit gar nicht mehr möglich. Die nächste Schule ist die Glasfachschule Zwiesel in Deutschland.

Mit Hilfe einer Glasmacherpfeife entnimmt ein kleiner Mann der Arbeitswanne durch ständiges Drehen der Pfeife etwas Glasmasse und rollt diese über das bereitstehende Holzbrett. Er führt die Öffnung der Pfeife an seinen Mund. Es folgen einige kurze Atemstöße, worauf sich die Masse leicht ausdehnt. Darauf wird die erhitzte Stange der Pfeife unter beständigem Drehen in einer schmalen hölzernen Wasserwanne abgekühlt. Ein leises Zischen, Dampf steigt auf. Das Gesamtsortiment umfasst derzeit um die tausend verschiedene Produkte. So entstehen Vasen, Karaffen, Weinkelche, Dekantierflaschen, Käseplatten, verschiedene Windlichter, aber auch Kosmetiktücherboxen, gläserne Zitruspressen, Mobiles, Sparschweine, Christbaumschmuck aller Art und vieles mehr. Auch private Wunschbestellungen werden aufgenommen. Die Glasi finanziert sich zusätzlich über verschiedene Attraktionen, wie etwa das Glasi-Museum und das berühmte Glaslabyrinth. Das Highlight für viele Besucher: eine eigene Glaskugel zu blasen.

Währenddessen entnimmt ein zweiter Glasmacher einer Arbeitswanne eine Gießkelle voll von der orange-gelblich glühenden Glasmasse. Zähflüssig wie Honig tropft der Überschuss vom Stiel und zieht lange, glühende Fäden. Am Boden ausgebreitet, liegt ein stark gewelltes Blech. Glitzernd weiß wie Neuschnee überlagern sich auf ihm hauchdünne Schichten der verschütteten Glasmasse. Die Masse besteht hauptsächlich aus Quarzsand, Kalk und Soda. Durch die Beigabe einiger Zusatzstoffe wird das Gemisch homogen gemacht; so wird eine möglichst saubere und schnelle Schmelzung erreicht. Die Hitze treibt den Arbeitern Schweißperlen auf die Stirn. Immer wieder wischen sie sich mit dem Handrücken über das Gesicht oder greifen zur Wasserflasche. "Im Sommer können die Temperaturen schon mal auf 40 bis 50 Grad steigen", sagt Niederer. "Im Arbeitsbereich liegen sie allerdings bedeutend tiefer als auf der erhöhten Zuschauertribüne." Außerdem wird von den seewassergekühlten Ofenwänden nur wenig Wärme abgestrahlt.

Inzwischen ist das Werk des ersten Glasbläsers fast fertig. In einer raschen, aber sanften Bewegung schlägt er nahe der Flasche auf den Stiel der Pfeife, worauf diese abgeschlagen wird. Kurz darauf greift er zu einer weiteren Stange und befestigt sie mit ein wenig Glasmasse am Boden der Flasche. In einem Spezialofen wird die Flasche erneut auf rund 1000 Grad erhitzt. Dann setzt er ein Eisen in die glühende Öffnung hinein und treibt sie von innen her auf. Später wird das Glas während sechs bis sieben Stunden auf einem Laufband von 540 Grad bis auf Zimmertemperatur abgekühlt. Zu diesem Zweck ist der Raum, den das Fließband durchläuft, in Sektoren unterschiedlicher Wärme unterteilt. Der Prozess dient dazu, Sprünge verursachende Spannungen im Glas zu vermeiden. Gemessen wird die Spannung jeweils mit polarisiertem Licht. "Im Idealfall erscheint das Glas violett. In diesem Fall ist es völlig spannungsfrei. Zeigt es hingegen eine gelbliche Färbung, muss es nochmals durch den Ofen", beschreibt Produktionschef Eduar Arabiano das anstehende Verfahren. Währenddessen betrachtet der Glasbläser zufrieden das entstandene Werk. "In jedes Glas gibt der Glasmacher auch etwas von sich", sagt Arabiano.

In Istanbul geboren, wanderte er in jungen Jahren in die Schweiz ein und ist seit 1964 geachteter Mitarbeiter bei der Glasi. "Ich wollte Geld verdienen und die Sprache lernen und bin dann schlichtweg hängengeblieben." Bis heute ließ ihn die Glasbläserkunst nicht mehr los. "Das Faszinierende am Glasmachen ist für mich, dass man aus einer sehr flüssigen Materie etwas formen kann, was am Schluss wunderschön aussieht", schwärmt der kahlköpfige 68-Jährige mit den buschigen Augenbrauen.

Als Mitglied des vierköpfigen Gestaltungsteams ist er mit zuständig für die Entwicklung neuer Muster und Formen. Arabianos Augen leuchten hinter den Brillengläsern auf, während er von der Arbeit berichtet. Auch sein Chef liebt den besonderen Charme der handgefertigten Produkte. Obwohl sich maschinell hergestelltes Glas heute in seiner Qualität nicht mehr von handgefertigtem unterscheidet, will Niederer die herkömmlichen Produkte nicht mit den eigenen in einen Topf werfen. Stolz verkündet er: "Unser Glas ist noch von Mund und Hand gemacht. Auch hat das Ganze viel mit Emotionen zu tun. Ganz anders eine Maschine, sie hat keine Gefühle."
 

Informationen zum Beitrag

Titel
Glühen fürs Glas
Autor
Michelle Gugger
Schule
Kantonsschule Zürcher Oberland , Wetzikon
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.10.2015, Nr. 248, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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