Virtuoses Geigenspiel auf Teherans Straßen

Was er hörte, spielte er nach und hat sich das Geigenspiel selbst beigebracht. Inzwischen hat Kiyanoosh eine beachtliche Fangemeinde. Denn ein Produzent hörte sein Spiel, nahm es auf und stellte ein Video ins Internet. Seitdem bekommt der 22 Jahre alte Musiker viele Angebote. Aber er konzertiert lieber auf Teherans Straßen.

Alles begann mit einem Video, das Behnam Aghazadeh, Musiker und Produzent, auf Internetseiten hochgeladen hat. Darin sieht man den 22-jährigen Kiyanoosh auf der Straße Geige spielen. Kurz nach dem Hochladen kamen E-Mails und Anrufe aus Iran und aus dem Ausland, die auf ein Wunder deuteten.

Kiyanoosh zog vor 15 Jahren aus seinem Geburtsort Gorgan im Nordwesten Irans nach Teheran. In seiner Familie ist er der ältere Sohn. Er hat noch zwei Schwestern, die nach ihm auf die Welt gekommen sind. Er stammt aus einer musikalischen Familie, denn sein Vater und Onkel spielen Geige, der Großvater war Sänger. Auch der Urgroßvater spielte Fiedel. Ohne Musiknoten spielt der Straßenmusiker komplizierte, traditionelle iranische Musikstücke fehlerfrei. Kiyanoosh ist nur bis zur sechsten Klasse zur Schule gegangen und sagt: "Mein Vater hatte einen schwierigen Unfall und konnte nicht mehr arbeiten gehen. Danach musste ich somit die Familie versorgen. Ich hatte nie die Gelegenheit, Musik akademisch zu lernen." Der Musiker hat schwarze Augen und Haare, ist klein, hat einen Zweitagebart und trägt ein blaues Hemd mit rotem Kragen.

Kiyanoosh erzählt, wie er zum Geigespielen kam: "Mein Vater wollte meiner kleineren Schwester das Geigespielen beibringen. Damals war ich 15 und habe nur Keyboard gespielt. Ich habe mich immer neben sie gesetzt und habe neugierig zugeschaut. Sie zeigte aber kein Interesse daran. Ich dagegen nahm ihre Geige und spielte, was ich hörte, nach. Ich übte dann regelmäßig." Sein Vater wollte immer, dass er wie sein Großvater Sänger würde. Er habe sich aber mehr für die Geige interessiert und sich bekannte iranische Musikstücke angehört und sie nach einmal oder zweimal Hören auswendig nachgespielt. "Eines Tages hat mein Onkel, der selbst Geige spielt, mich zufällig beim Üben gehört und gesehen, wie fehlerfrei ich spielen kann. Er hat nachher meinen Vater überreden können, dass ich weiterhin Geige spiele."

Kiyanoosh spielt an verschiedenen Plätzen, mal im nördlichen Teil, mal im südlichen Teil der Stadt. Er gibt sich zufrieden mit dem, was er verdient. Obwohl er Vorschläge bekommen hat, in traditionellen Restaurants aufzutreten, möchte er lieber auf der Straße spielen.

Seine Geige hat auch eine spannende Geschichte. "Ich habe auf einer Straße in Teheran Geige gespielt. Ein Mann hat es gehört und fand es einfach phantastisch. Er dachte, ich spiele so gut, weil ich ein gute Geige besitze. Obwohl meine Geige sehr alt und billig war, wollte er sie haben. Er hat mir seine neue, teure und bessere Geige angeboten, und wir tauschten unsere Geigen", erzählt Kiyanoosh lachend.

Behnam Aghazadeh, der jetzt einer seiner besten Freunde ist, hat viel dazu beigetragen, dass Kiyanoosh berühmt ist. "Eines Abends hörte er auf seinem Weg nach Hause, wie ich spiele", erzählt der Geiger. "Er zögerte ein wenig und fand, dass ich im Gegensatz zu anderen Straßenmusikern sehr gut Geige spielen kann. Da er selbst Musiker ist und dazu noch Geige spielt, wusste er, dass man nicht einfach so Geige spielen kann und man dafür einen Verstand und Geschmack haben muss. So kam es, dass er neugierig wurde. Er bat mich, ein Stück meiner Wahl zu spielen, und machte davon ein Video."

Das später hochgeladene Video erregte große Aufmerksamkeit. Nachdem 120 000 Menschen es gesehen hatten, bekam Kiyanoosh immer mehr E-Mails und Anrufe. Manche wollten ihn fördern, damit er im Ausland eine akademische Ausbildung machen kann, aber für Kiyanoosh komme es nie in Frage, ins Ausland zu gehen, denn er liebe seine Familie und möchte in seinem Heimatland die Menschen mit seiner Musik begeistern.

Da er schon mittlerweile berühmt geworden ist und seine Kunst und Fähigkeit geschätzt wird, bekommt er nun seit einem Jahr monatlich Privatunterricht von einem der besten und berühmtesten Musiklehrer in Iran. Für die Zukunft wünscht er sich, selber mal komponieren zu können und vielleicht auch ein privates Musikstudio zu besitzen. "Wenn ich so weit bin und die Fähigkeit habe, möchte ich später Musiklehrer werden", sagt er. Denn es gibt im Persischen einen Spruch, der sagt: Lehren ist der Beruf der Propheten.

Informationen zum Beitrag

Titel
Virtuoses Geigenspiel auf Teherans Straßen
Autor
Rezhaneh Parvizian, Haybert Avedian, Hanieh Parvizian
Schule
Österreichisches Kulturforum , Teheran
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.11.2015, Nr. 254, S. 34
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

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