Wo Milch und Honig fließen

Auf der Autobahn herrscht dichter Stau. In Teheran gibt es knapp 15 Millionen Einwohner, von denen viele ein paar Tage über die Neujahrsferien aufs Land fahren wollen, um die Natur zu genießen. Das persische Neujahrsfest wird am 21. März, also am Frühlingsbeginn, gefeiert. Etwa vier Stunden Fahrt von Teheran entfernt in der Provinz Isfahan liegt die kleine Stadt Golpayegan. Vor allem ist die Stadt für ihre Milchprodukte bekannt, denn es gibt außerhalb der Stadt viele Molkereien, die ihre Produkte landesweit verschicken. Die Familie Talari, Vater Ali, Mutter Sedigheh und ihre Töchter Fatemeh und Haniyeh, macht einen Ausflug in die Stadt, aus der sie ursprünglich stammen und wo sie ein Ferienhaus besitzen.

Sedigheh Talari ist Hausfrau und trägt eine weite Bluse, ihre Haare sind mit einem rotem Schal verhüllt. Zum Abendessen gibt es Kebab. "Diesen Kebab isst man mit Brot, und er ist länger und dünner als der, den man in Teheran isst", erzählt sie. Dazu hat sie Reis gekocht. Der Kebab schmeckt süßlich nach Schaffleisch und Butter und ist etwas salzig. "Es gibt eine lange Straße in der Stadt, der wir den Namen ,leckere Straße' gegeben haben", sagt Fatemeh, "weil es dort nur Kebab-Lokale gibt und es dort herrlich duftet." Sie ist die ältere Tochter der Familie und - anders als ihre Schwester - gesprächig.

Es hat die Nacht durch geregnet und geregnet, und es regnet immer noch. Beim Betreten des großen Balkons erkennt man viele große, schwarze Krähen, die auf den blätterlosen Bäumen ganz still sitzen und aufmerksam ihre Umgebung betrachten. Zum Frühstück gibt es außer Käse, selbstgekochte Marmelade, Biohonig und etwas Besonderes. "Sarshir Angoshti heißt es. Man wärmt frische Milch, die man von der Molkerei besorgt hat, bis 80 Grad. Dann gießt man sie in ein großes Tablett und lässt es eine Nacht ruhen. Am Morgen hat sich eine dünne Schicht auf der Milch gebildet, die wie feste Sahne aussieht. Man schneidet das Brot in kleinen Scheiben und tunkt sie langsam in die Milch, so dass die dünne Schicht auf das Brot kommt." Dafür braucht man Fingergefühl und Geschick. Die Vorbereitung selbst ist ein Ritual. Das Ganze isst man dann mit Zucker, Honig, Traubensirup oder Marmelade.

Golpayegan ist von Bergen umgeben, deswegen ist eine beliebte Freizeitaktivität der Einwohner das Bergsteigen. Von oben kann man die grünen Flachländer des kleinen Dörfchens Nivan und Herden von Schafen und Ziegen sehen. Es ist manchmal so windig, das man sich an den Felsen festhalten muss.

Von Golpayegan sind es nur acht Kilometer nach Gugad. Dort gibt es eine historische Zitadelle, auf Persisch Arg. Sie ist der zweitgrößte Lehmziegelbau Irans. Sie ist mehr als 400 Jahre alt und wird nach der letzten Renovierung als traditionelles Hotel benutzt. In der Mitte der Zitadelle gibt es einen kleinen Brunnen und drum herum Blumen und Pflanzen. Da die Seidenstraße durch diese Stadt hindurchführte, wurde die Zitadelle von vielen Handelskonvois besucht. Unten wohnten Menschen von armer Herkunft wie einfache Arbeiter des Konvois und ganz oben Könige, wichtige Personen und Handelsmänner. In der Burg gibt es noch eine Bäckerei, in der man traditionelles Brot backt, und ein Geschäft, in dem man pflanzliche Heilmittel und Tee bekommen kann.

Um die Aussicht der Stadt von ganz oben zu betrachten, muss man die hohen Treppen hinaufsteigen. Es wird behauptet, dass die Treppen deshalb so hoch sind, weil die Menschen früher mehrmals am Tag auf ihre Pferde steigen mussten und daher leicht O-Beine hatten." Doch Fatemeh, die ihr Masterstudium in Architektur gemacht hat, meint: "Ich denke, aus finanziellen Gründen wurden die Treppen so hoch gebaut, um weniger Material zu verbrauchen."

In der alten Versammlungsmoschee in Golpayegan wird immer noch einmal am Tag zusammen gebetet. Für die zwei anderen Gebete geht man in andere Moscheen. Die Menschen dort heißen jeden willkommen und bieten alles auf, was ihnen zur Verfügung steht, um ihren Gäste ihr Land und ihre Kultur zu zeigen.
 

Informationen zum Beitrag

Titel
Wo Milch und Honig fließen
Autor
Reyhaneh Parvizian, Hanieh Parvizian
Schule
Österreichisches Kulturforum , Teheran
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.11.2015, Nr. 254, S. 34
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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