Spielen, bis die Tasten brennen

Aus allen Winkeln der Villa am Zürichsee klingen Töne. Hier legen junge Klavierschüler den Stufentest ab, um ihr Können einzuschätzen. Prüfungen haben viel Positives, sagen die Organisatoren.

Wie ein Fohlen spurtet das blonde Mädchen die Holztreppen hinauf. In der Tür steht der hagere Experte, der soeben der Klavierschülerin auf den Zahn fühlte. Er reicht ihr lächelnd die Notenblätter. Vor Aufregung hatte sie ihre Unterlagen im Vorspielzimmer vergessen. Beschwingt hopst die kleine Pianistin zum Ausgang zurück. Ganz klar: Sie hat den Stufentest erfolgreich absolviert.

2007 entwarfen die Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) und der Schweizerische Musikpädagogische Verband den Stufentest. Ambitionierte Musikschüler, in der Fachrichtung Instrumental oder Gesang Rock/Pop oder Klassik, dürfen teilnehmen. Jährlich melden sich 69 300 Kinder und Jugendliche für das freiwillige Vorspielen an. Die Anmeldung erfolgt über die Musiklehrer, die Kosten schwanken zwischen 40 und 120 Franken je nach Schwierigkeitsgrad der Prüfungen. Der Stufentest zeigt den jungen Musikern, auf welchem musikalischen Niveau sie sich befinden, wo ihre Stärken liegen und wo sie noch schwächeln. All dies erfahren sie durch ein mündliches Feedback der Jury, die sich aus zwei bis drei Dozierenden der ZHdK zusammensetzt.

Die Schüler tragen ein Pflichtstück und ein Stück ihrer Wahl vor. Insgesamt gibt es sieben Stufentests. Die letzte Prüfung entspricht der Schwierigkeitsstufe der Aufnahmeprüfung an der Musikhochschule. Das Vorspielen für Klavierschüler findet einmal im Jahr Anfang Februar in der Villa Seerose direkt am Zürichsee in Horgen statt. Die 1902 erbaute Villa erinnert mit ihren hohen Fenstern und zwei kleinen Türmen mit roten Ziegeldächern an ein Märchenschloss. Auf englischem Rasen greifen haushohe Bäume nach den Wolken. Ein Junge mit braunem Haar und ausgelatschten Turnschuhen hält sich sein Smartphone ans Ohr und hört sich abermals das gleiche Klavierstück an. Mit seinen Fingern trommelt er auf seiner Mappe, übt so die Fingerabfolge seines Stückes und überbrückt die Wartezeit auf seinen Auftritt. Weitere Schüler schlendern mit ihrem Lehrer oder ihren Eltern durch den Park. Andere dürfen sich vor ihrem Auftritt zehn Minuten einspielen.

Die Übungszimmer sind über das ganze Haus verteilt und gerade groß genug, um ein Klavier und Stühle darin aufzustellen. Aus sämtlichen Ecken und Winkeln der Villa erklingen Töne. Um den Aufenthalt angenehm zu gestalten, haben die Voluntärarbeiter, meistens Klavierlehrer, den offenen Raum in der oberen Etage mit Sofas in einen Warteraum umfunktioniert. Es duftet nach frischen Croissants.

Die Holztreppen knarren. Eine Studentin lässt sich in das Ledersofa plumpsen. Die Väter nippen an ihrem Kaffee. Sie scheinen um einiges nervöser zu sein als ihre Schützlinge selbst. Diese haben sich auf ihre Hefter fixiert. Denn neben einem praktischen Teil besteht die Prüfung aus musikgeschichtlichen und theoretischen Fragen. Ab der sechsten Stufe muss der Schüler eine schriftliche Theorieprüfung ablegen. Von angehenden Schülern eines Konservatoriums erwarten die Fachleute eine möglichst fehlerlose Intervallbestimmung, sowohl visuell als auch auditiv. Rhythmen müssen wiedergegeben, Verzierungen angewandt und Tonarten bestimmt werden. Falls hier Unsicherheiten bestehen, bieten einige Musikschulen Crash-Kurse an.

"Zur Einführung der Schweizer Stufentests habe ich viel beigetragen", sagt Nicholas Allen. Er sitzt im Klavierzimmer eines Privatschülers in Zürich. Er betrachtet die Noten zu Chopins Nocturne in cis-Moll. Der grauhaarige Mann trägt ein blaues Hemd, das dieselbe Farbe besitzt wie seine Augen. "Für die Briten gehören die Stufentests zur Musikausbildung, wie die Teatime zum Nachmittag." Allen wurde in England geboren, studierte Musik und Mathematik. Als er nach Zürich übersiedelte, wurde er Klavierlehrer. Die Musikschulen in der Schweiz kannten keine Tests. So meldete er ein paar seiner Schüler für die Stufentests in England an. Eine Delegation der englischen Jurymitglieder nahm die Prüfungen in Zürich ab. Susanne Gilg, die Musikschulleiterin von Kilchberg, sprang als Übersetzerin ein. Sie wollte ein solches Programm für die Schweiz entwickeln und änderte die englische Vorlage geringfügig ab. Gilg wurde zur Gründerin der Schweizer Stufentests und Präsidentin des Verbands Zürcher Musikschulen. "Es sollten nur Schüler angemeldet werden, die wirklich Interesse zeigen und regelmäßig üben", sagt Allen. "Ansonsten kann sich der Stufentest kontraproduktiv auf die Lernenden auswirken, da sie möglicherweise durch die Prüfungen fallen und ihr Instrument aufgeben. Dennoch bringen die Prüfungen viel Positives mit sich. Der Test ist eine Bestätigung für die Schüler, dass sie Fortschritte gemacht haben, und zeigt, was sie schon alles erreicht haben."

Im Vorspielzimmer der Villa mit Seeblick stehen drei Reihen aufgetürmte Stühle, ein Holzschrank und zwei Klaviere. Diese Gegenstände sind notwendig. Ansonsten würde der Klang des Instrumentes nicht zur Geltung kommen, die Töne würden wie ein Echo zurückhallen. Die Kandidaten müssen ab der dritten Stufe ein Klavierstück, das sie zuvor noch nie gesehen haben, ab Blatt lesen. In der Mitte steht ein schwarzer Konzertflügel. Selbstbewusst überreicht der nächste Prüfling die Bestätigung seiner bereits bestandenen Prüfungen. Seit geraumer Zeit hat er für diesen Moment geübt, Musikgeschichte und Theorie gepaukt. Dank Hunderter Fingerübungen verfügt er über geschickte, schnelle Finger. Er weiß: Um die Jury zu überzeugen, muss er im Einklang mit Körper, Rhythmus, Tonus und Geist seine Stücke vortragen. Denn Musik will nicht einfach nur gespielt werden, sie möchte ihre Zuhörer berühren.

Informationen zum Beitrag

Titel
Spielen, bis die Tasten brennen
Autor
Leonie Rimann
Schule
Kantonsschule Limmattal , Urdorf
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.11.2015, Nr. 266, S. 30
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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