Harfenklänge für Prinzessin Mononoke

Liebliche, sanfte, fast mittelalterlich anmutende Töne sind aus dem evangelischen Gemeindehaus in Schonungen nahe Schweinfurt zu vernehmen. Es ist das monatliche Treffen der "Chori-Veehen". Im Übungsraum sitzen die zehn Frauen völlig vertieft in ihr Spiel und zupfen konzentriert an den Saiten ihrer Instrumente. Taktgebend schlägt Leiter Marcus Döbert seine Klanghölzer, von ihm fränkisch "Stiggl" genannt, aufeinander, um die Damen im Takt zu halten, und prüft im Vorübergehen das Harfenspiel. "Da flitzt aber einer vorweg", ruft der Pfarrer in die Runde: "Immer schön im Takt bleiben und nicht schneller werden." Hier wird keine herkömmliche Harfe gespielt, hier liegen und stehen sogenannte Veeh-Harfen auf den Tischen.

Die Form der neuartigen Harfe lehnt sich an eine Zither an. Der Klang ebenso. Auf dem hölzernen, oft mit Muster verzierten Grundkörper, bestehend aus Ahorn- und Fichtenholz, sind 25 Saiten aus Nylon oder Metall gespannt, hinter denen ein Notenblatt liegt, was dem Spieler haargenau anzeigt, welche Saiten wann und wie oft zu zupfen sind.

Den Übungsraum füllen wunderbare Klänge, bis Döbert unterbricht: "Oh, jemand hat eine furchtbar verstimmte E-Saite." Aufgrund der Holzbauweise verstimmen die Instrumente leicht durch Wärme oder Benutzung und müssen oft gestimmt werden. Hierbei hilft ein Stimmgerät, wie es bei Gitarren benutzt wird.

Die Veeh-Harfe wurde Ende der achtziger Jahre von dem im fränkischen Gülchsheim lebenden Landwirt Hermann Veeh für seinen mit Down-Syndrom geborenen Sohn erfunden. So konnte der Junge seine Musikleidenschaft ausleben. Wie gelangte die Veeh-Harfe nach Schonungen? "Das war eher ein Zufall", sagt der 45-jährige Döbert, der den Erfinder im evangelischen Bildungszentrum Hesselberg kennenlernte, wo er als Theologischer Studienleiter arbeitete. Bei einem Projekt für die Restauration des Kirchengeläuts in Schonungen wurde die Veeh-Harfe vorgestellt. So bildete sich 2014 die heutige 20 Personen starke Veeh-Harfen-Gruppe. Auch die Frau des Pfarrers, Barbara Bedacht, spielt mit. "Der zarte Saitenklang begeistert eher die Frauen, Männer bleiben lieber bei den Blasinstrumenten", sagt ihr Mann.

Vorerfahrung mit Musikinstrumenten haben nicht alle Mitglieder. Die Bass-Harfinistin Jutta Metz aus Poppenhausen hat schon Panflöte gespielt, anders als die Neueinsteigerin Ute Schröck. In den Proben, zwei Stunden jeden Monat, ist aber auch sie begeistert von ihren Fortschritten. Einige aus dem Ensemble, das aus dem ganzen Umland stammt, treffen sich in Kleingruppen zusätzlich zum Üben. Schritt für Schritt werden die Anforderungen anspruchsvoller, zum Beispiel durch Hinzunahme mehrerer Finger. Marcus Döbert selbst beherrscht sogar ein Zehn-Finger-Zupf-System.

Grundsätzlich kann man rasch lernen, die Harfe zu spielen. Eine Hürde ist jedoch der Preis, schon ein Standardmodell kostet 750 Euro. "Die große Bassharfe kostet sogar 1800 Euro", sagt Jutta Metz.

Klänge von irischen Barockstücken oder spirituelles Liedgut wie "Bless the Lord, my soul", wozu die Frauen auch singen, lassen Alltagssorgen schnell vergessen. Auch neuere Lieder gehören ins Sortiment wie ein Lied aus dem Animé-Film "Prinzessin Mononoke", denn gerade in Japan erleben Veeh-Harfen einen Boom.

Döbert und Bedacht veranstalten einmal im Monat einen Sing-Nachmittag für Demenzkranke im Seniorenheim Oerlenbach bei Bad Kissingen, um mit Volks- oder Kinderliedern alte Erinnerungen zurückzubringen und den Leuten eine Freude zu bereiten. "Wir geben dazu gar keine Liedblätter aus, denn die alten Menschen singen von sich aus fast alle Strophen auswendig mit", sagt Döbert.

Auftritte hat das Ensemle auch vor größerem Publikum auf Seniorennachmittagen oder Gemeindefesten. "Ich war auf einem Hofkonzert mit dem Orchester von Herrn Veeh und hab mal gekiebitzt", sagt Brigitte Göppner aus der Gruppe: "Also wir sind nicht viel schlechter."

Informationen zum Beitrag

Titel
Harfenklänge für Prinzessin Mononoke
Autor
Felix Hauck
Schule
Bayernkolleg , Schweinfurt
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.11.2015, Nr. 266, S. 30
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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