Den Schlupflidern keine Chance

Schönheitsberaterin Sonja Koers präsentiert auf abendlichen Partys amerikanische Produkte und verkauft, was andere "unbedingt haben" müssen.

Manche gehen zum Sport, ich gebe Beautyabende. Das ist mein Ausgleich", sagt Sonja Koers aus Friesoythe im Landkreis Cloppenburg und hievt einen großen schwarz-pinkfarbenen Koffer in den Kofferraum ihres VW Fox. Rosa Schmetterlinge zieren die Kofferraumklappe des schwarzen Autos. Schnell gibt die 29-jährige Blondine noch die Adresse ins Navigationsgerät ein und fährt los. In einer halben Stunde soll die Schönheitsparty anfangen.

Es ist 19.30 Uhr. Koers hat seit zwei Stunden Feierabend. Eigentlich kann die Buchhalterin von ihrem Beruf leben. Sie hat einen Freund, ein Haus mit Garten und zwei Hunde, die sie in ihrer Freizeit auf Trab halten. Trotzdem macht sie sich seit zwei Jahren an zwei bis drei Abenden in der Woche auf den Weg, um Schönheits- und Pflegeprodukte einer US-amerikanischen Kosmetikfirma zu verkaufen. "Nach dem Hausbau wollte ich mir ein zweites Standbein aufbauen", erklärt sie. "Die Tätigkeit einer Schönheitsberaterin ist für jede Frau eine tolle Möglichkeit dazu. Denn sie kann sich aussuchen, wann und wie viel sie arbeitet." Weil ihr diese Beschäftigung immer wichtiger wird, hat sie die Stundenzahl in ihrem Buchhalterjob reduziert.

Koers ist eine von mehreren Millionen selbständigen Schönheitsberaterinnen auf der Welt, die mit der Firma zusammenarbeiten. Auf Wunsch ihrer Kundinnen bestellen die Beraterinnen die Produkte bei der Firma. Sie bilden also die Schnittstelle zwischen Unternehmen und Endverbraucher. Die Produkte würden ausschließlich im Direktvertrieb verkauft werden, sie seien in keinem Drogeriemarkt erhältlich. "Das Wichtigste beim Verkauf der Produkte ist die Beratung", sagt sie. Um Produktwissen zu erlangen, besuche sie regelmäßig Seminare, die die Firma für ihre Beraterinnen veranstaltet. Zusätzlich hat sie eine Ausbildung zur Visagistin gemacht. Eine Voraussetzung, um Schönheitsberaterin zu werden, sei das jedoch nicht.

Aus dem Navigationsgerät ertönt eine Frauenstimme: "Sie haben Ihr Ziel erreicht." Begleitet von ihrem Koffer und dem Klackern ihrer Pumps auf dem Pflaster, tritt Koers an eine Haustür. Eine Frau mittleren Alters, die Gastgeberin der heutigen Party, öffnet und führt die Beraterin zum Ort des Geschehens - das Esszimmer. Während Koers den Inhalt ihres Koffers auf dem Tisch verteilt, wo schon Cola, Gummibärchen und Konfekt bereitstehen, treffen die übrigen zwei Gäste ein. "Im Durchschnitt nehmen fünf bis sechs Frauen an einem Beautyabend teil", erklärt Sonja Koers, während sie Lidschatten, Lippenstifte und Cremetuben auf den Tisch legt. Eine Bekannte von ihr hat den "Beautyabend" in die Wege geleitet und ist selbst zu Gast. Sie verwendet die amerikanischen Produkte seit einigen Monaten, nachdem sie eine Einzelberatung bei Koers in Anspruch genommen hat. Die anderen beiden Frauen, die heute teilnehmen, sind ihre Schwestern. Jede Frau bekommt einen Spiegel, einen Einwegwaschlappen, eine mit Wasser gefüllte Schale und ein Wattepad.

Noch bevor Sonja Koers mit einer Einführung beginnen kann, äußern die Anwesenden ihre Wünsche. Die Bekannte der Schönheitsberaterin hat in einem Katalog ein Produkt entdeckt, das unter dem Make-up aufgetragen werden und die Haut glätten soll - der sogenannte Foundation Primer. "Den möchte ich heute ausprobieren. Aber ich bin gegen Bienenwachs allergisch", gibt sie zu bedenken. "Gerne", antwortet Koers und sucht eine Liste mit den Inhaltsstoffen des Produkts heraus. Ein kurzer Blick darauf verrät ihr, dass ihre Kundin das Produkt bedenkenlos verwenden kann. Auch die Gastgeberin, die bis vor kurzem als Kosmetikerin gearbeitet hat, wird von einer Sorge geplagt: "Ich habe Schlupflider. Bis heute habe ich noch keinen Lidschatten gefunden, der meine Augen vorteilhaft betont." Koers hat scheinbar auch für dieses Problem eine Lösung. "Am Ende der Party darfst du Lidschatten ausprobieren. Versprochen", sagt sie und deutet auf eine bunte Schminkpalette.

Dann richtet sie sich auf. "Ich heiße Sonja und bin 29 Jahre alt. Vor eineinhalb Jahren habe ich genau wie ihr einen Schönheitsabend besucht. Weil ich mich damals selten geschminkt habe, hatte ich nicht allzu große Lust darauf und bin zu spät gekommen", erzählt Koers und zuckt mit den Schultern. "Tja, an diesem Abend hatten mich die Produkte so sehr überzeugt, dass ich einige Wochen später selbst als Beraterin anfing. Es macht einfach riesigen Spaß, mit Produkten zu arbeiten, die man selbst gerne benutzt." Sie lächelt. In Amerika sei das die meistverkaufte Kosmetikmarke. Die Pflegeserien seien je nach Altersgruppe mit verschiedenen Vitaminen und Anti-Aging-Mitteln angereichert. Sie wiesen auch eine hohe Hautverträglichkeit auf. Sogar Koers' an Neurodermitis leidende Schwester sei davon begeistert. "Ich muss zugeben, dass die Anschaffung der Produkte teuer ist, aber aus Erfahrung sage ich, dass ihr sechs bis sieben Monate mit einer Pflegeserie auskommt. Außerdem habt ihr eine Umtauschgarantie. Wenn ihr nämlich nach einigen Wochen feststellt, dass euer Hautbild sich nicht verbessert hat oder ihr mit dem Farbton eures Make-ups unzufrieden seid, dann ruft ihr mich an, und ich bestelle für euch kostenlos ein neues Produkt. Wenn auch das euch nicht zusagt, bekommt ihr euer Geld zurück", verspricht sie. "Kennt ihr einen Drogeriemarkt, bei dem man eine angebrochene Creme zurückgeben kann?" Niemand antwortet.

Die Beraterin hebt eine Tube hoch. "Jetzt fangen wir an auszuprobieren", verkündet sie und fordert die Frauen dazu auf, eine Hand auszustrecken. Jeder gibt sie eine erbsengroße Portion eines wachsartigen Mittels darauf. "Das ist der Softener, ein Mix aus Bienenwachs und Vaseline. Er macht eure Hände ganz weich und bereitet sie auf das Peeling vor", erklärt Koers. Im nächsten Schritt setzt sie jeder Frau ein wenig von dem körnigen Peeling auf den Handrücken und kehrt zu ihrem Platz zurück. Nun macht sie eine kreisende Handbewegung und sagt: "Jetzt müsst ihr so lange reiben, bis es sich trocken anfühlt. Dann geht's einmal zum Waschbecken." Nachdem die Gäste wieder eingetrudelt sind, verteilt sie einen Klacks Handcreme. "Wenn ich das Handpflegeset testen lasse, habe ich immer wieder diesen einen Landwirt vor Augen. Seine Frau hat eine Schönheitsparty gegeben und auch ihren Mann dazu gebracht, die Handpflege auszuprobieren. ,Dat glaub' ich ja jetz' nich'', hat er dann gesagt. ,So toll haben sich meine Hände noch nie angefühlt.'" Die Referentin grinst stolz. "An diesem Abend bestellte jeder Gast das Handpflegeset."

Nach der Handpflege peelen die Gäste sich ihre Lippen. Anschließend werden auf einer Gesichtshälfte Reinigungsmittel und Pflegesets getestet. Als Koers den Augen-Make-up-Entferner in der Hand hält, sagt die Gastgeberin, dass sie sich bereits einen hochwertigen gekauft hat. Skeptisch entgegnet die Beraterin: "Probier diesen trotzdem mal aus. Bei Qualitätstests schneidet er sehr gut ab. Du wirst den Unterschied fühlen."

Als Nächstes ist die Dekorativkosmetik an der Reihe. Sonja Koers bestimmt den Hautton jeder Kundin, indem sie am Übergang von Gesicht zu Hals verschiedene Make-up-Farben ausprobiert. Inzwischen ist es 23 Uhr. Die Schönheitsberaterin zeigt, wie und womit Augen am besten konturiert werden können. Wie versprochen, kommen auch Lidschatten zum Einsatz. Schließlich liegen Preiskarten auf dem Tisch. "Ich werde euch jetzt kurz alleine lassen. Solange dürft ihr euch gegenseitig beraten und überlegen, was ihr unbedingt haben müsst. Bis gleich." Mit diesen Worten verabschiedet sich Sonja Koers für einige Minuten an die frische Luft.

Als sie sich wieder an den Tisch setzt, werden Bestellungen aufgegeben. Die beiden Gäste, die das Handpflegeset noch nicht besitzen, wollen es haben. Auch die Make-up-Grundierung ist gut genug angekommen, um auf der Bestellliste zu landen. Koers' Bekannte wird sich bald über Primer und Lipgloss freuen. "Das reicht dir aber jetzt", scherzt die Geschäftsfrau. "Dich habe ich doch schon beim letzten Mal voll ausgestattet." Die Gastgeberin kann sich allerdings noch nicht für den neuen Lidschatten entscheiden. Vielleicht beim nächsten Mal, wenn ihre Schwester zum Schönheitsabend einlädt. "Vorher ist leider kein Termin frei", entschuldigt sich Sonja Koers, während sie ihren Terminkalender durchforstet. "Ich bin immer drei Monate im Voraus ausgebucht."

Informationen zum Beitrag

Titel
Den Schlupflidern keine Chance
Autor
Alina Buxmann
Schule
Albertus-Magnus-Gymnasium , Friesoythe
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.11.2015, Nr. 272, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

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