Riskante Wünsche gegen Unterschrift

Es ist schon vorgekommen, dass ich, ohne zu bezahlen, aus einem Friseursalon gegangen bin, da die Frisur überhaupt nicht dem entsprach, was ich gewünscht hatte", verrät Lucia Bornacin, die jetzt in Urdorf bei Zürich ihren eigenen Salon führt. Ihr selbst sei bisher glücklicherweise noch nie ein Kunde so davongelaufen, größere Pannen seien ihr erspart worden. "Bei riskanten Wünschen verlange ich immer eine Unterschrift, damit ich nicht dafür hafte, wenn etwas schiefgeht. Man kann nie sicher sein."

Es ist 14 Uhr. Die 53-jährige Geschäftsführerin mit den braunen Locken und eine ihrer zwei Angestellten kümmern sich um ihre Kundinnen. Lucia Bornacin unterhält sich mit ihrer Stammkundin Hanny Ponitz, während sie ihr wie üblich die Nägel lackiert und ihr schulterlanges, graues Haar frisiert. Ponitz ist zufrieden: "Frau Bornacin hat eine angenehme Persönlichkeit und erledigt ihren Job immer gleich gut. Falls es ihr mal nicht so gut geht, lässt sie sich nichts anmerken. Nach dem Termin fühle ich mich wieder schöner, ich gehe immer glücklich nach Hause." Seit der Geschäftseröffnung ist Ponitz regelmäßig hier. Nachdem sie bezahlt hat, setzt sich auf einen Sessel und schnappt sich ihr Lieblingsmagazin. Frau Ponitz ist eine von vielen Stammkunden. "Wir haben eigentlich nur Stammkunden, in Werbung investiere ich kein Geld. Neue Kunden kommen höchstens auf Grund von Empfehlungen anderer Kunden", erklärt die Friseurin. Die Stimmung in dem hübsch eingerichteten, kleinen Salon, der an Bornacins Wohnhaus angebaut wurde, ist angenehm ruhig. Man spürt die warme Luft der Haartrockner, im Hintergrund läuft Radio.

Nach neun Schuljahren hatte Bornacin die Ausbildung als Friseurin absolviert und arbeitete vier Jahre in der Nachbarstadt Schlieren. Ihr Ziel hatte sie bereits vor Augen: "Ich wollte mit meinem handwerklichen Job schon immer mein eigenes Geschäft führen." 1988 konnte sie das mit der Unterstützung ihres Mannes verwirklichen. Ungefähr eineinhalb Jahre nach der Eröffnung habe sie mit ihrem Salon eine finanziell stabile Lage erreicht und könne gut davon leben. "Mir gefällt die Kreativität in diesem Beruf. Doch fast noch spannender sind die Gespräche zwischen den Kunden und mir. Einem Friseur werden alle möglichen Dinge anvertraut, Psychologin ist quasi mein Nebenjob. Ich habe auch schon Trinkgeld bekommen für gute psychologische Betreuung. Doch alles, was mir anvertraut wird, bleibt natürlich hier im Salon und wird nicht ausgeplaudert. Da zwischen Kunde und Friseur eine gewisse Distanz liegt, gibt es gar keinen Grund, solche Dinge weiterzusagen. Meistens hat man ja kaum gemeinsame Kontakte." Sie ist davon überzeugt, dass die Wahl eines Friseurs zu 70 Prozent aus Sympathie zu ihm getroffen wird. Seine Fähigkeiten machten also nur 30 Prozent aus.

Bornacins Angestellte ist seit einiger Zeit mit derselben Kundin beschäftigt. Die 19-jährige Andrina Caduff lässt sich ihre lange Haarpracht dunkelbraun tönen. "Natürlich könnte ich das auch allein zu Hause machen. Doch für mein Haar müsste ich mindestens drei Packungen Tönung kaufen, also komme ich hierher", erklärt sie lachend. Die junge Frau wurde früher von ihrer Mutter mitgenommen, jetzt kommt sie allein. "Da ich heikel bin, was mein Haar angeht, möchte ich nicht zu einem anderen Friseur. Es kommt ja häufig vor, dass mehr geschnitten wird als verlangt, hier ist das definitiv nicht der Fall." Nachdem die Tönung eingewirkt hat, wird ihr Haar gewaschen, geschnitten, getrocknet und frisiert. Ein Termin geht bei ihr bis zu drei Stunden. Da ist eine gute Atmosphäre natürlich wichtig: "Mir gefällt das Familiäre in diesem Friseursalon."

Lucia Bornacin ist verheiratet und hat eine Tochter. In ihrer Freizeit widmet sie sich dem Glasperlendrehen, bei dem erhitztes Glas um einen Dorn gewickelt wird. Die Friseurin stellt ihre selbstgemachten Ketten, Ohrringe und Anhänger im Geschäft aus. "Meine Kunden können diesen Schmuck kaufen. Die Preise sind verhältnismäßig günstig, ich habe kein Interesse daran, damit Geld zu machen. Es soll ein Hobby bleiben."

Informationen zum Beitrag

Titel
Riskante Wünsche gegen Unterschrift
Autor
Elena Orsi
Schule
Kantonsschule Limmattal , Urdorf
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.11.2015, Nr. 272, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

Zeitungszustellung während des Projekts

Probleme bei der projektbezogenen Zeitungslieferung?
Wenden Sie sich unter Angabe Ihrer Auftragsnummer per E-Mail oder per Fax an:vertrieb@faz.de
069-7591-2180