Zwei Löffel Suppe stillten den Hunger

Noch vor einigen Jahren brachte ich 150 Kilogramm auf die Waage", sagt Andrea aus Hannover. Heute ist sie eine schlanke und selbstbewusste Frau. Bei einer Größe von 1,70 Meter hat sie einen gesunden Körperbau und kleidet sich sportlich und leger. Das war lange anders: "Alles begann in meiner Jugend, als ich anfing die Pille zunehmen", berichtet sie über den Beginn ihrer Gewichtszunahme. Eine Ernährungsumstellung sollte die Kilos schnell wieder runterbringen. Dennoch: "Ich konnte essen, was ich wollte, ich nahm immer mehr zu." Die junge Frau machte sich Gedanken über dieses Phänomen und ließ sich von ihrem Hausarzt untersuchen. Vor acht Jahren stellte dieser eine Stoffwechselkrankheit fest. Andrea wollte nicht mehr dick sein und entschloss sich, etwas zu ändern. Der Arzt verschrieb ihr Tabletten gegen ihre Krankheit, die trotzdem keine Erfolge zeigten: "Etliche Diäten brachten nichts. Auch populäre Ernährungsprogramme halfen mir nicht. Ich konnte versuchen, was ich wollte, die Kilos blieben."

Die 34-Jährige erinnert sich: "Ich recherchierte viel im Internet. Immer öfter stieß ich auf Personen, die über ein Magenband berichteten. Ich wurde neugierig, verbrachte Stunden vor meinem Laptop und las viele Berichte, bis für mich feststand, dass ich mir selbst nur noch durch eine Operation helfen konnte." Mit einem Kribbeln im Bauch und großer Angst vereinbarte sie einen Termin in einem Krankenhaus, das sich auf solche Operationen spezialisiert hat. Bei einer Magenbandoperation wird ein weiches Band aus Kunststoff um den oberen Teils des Magens gelegt, so dass Speisen nur noch viel langsamer in den unteren Teils des Magens gelangen. Als Folge kann nur noch weniger Nahrung aufgenommen werden. Wenn der Patient dennoch mehr isst, als sein Magen verarbeiten kann, kann es zum Erbrechen kommen.

Schnell stand der Operationstermin fest. Im Juli 2009 war es so weit: "Direkt vor der Operation war mir ziemlich mulmig. Die Nächte davor fand ich keinen Schlaf mehr. Ich beruhigte meine Gedanken, indem ich mir einfach das Ergebnis vorstellte." Bereits direkt nach der Operation stellte die Patientin die erste Veränderung fest. Als es zum Mittagessen eine Milchsuppe gab, schaffte sie gerade einmal zwei Teelöffel. Danach war ihr Hungergefühl gestillt: "Dieses Ereignis habe ich noch bis heute in meinem Kopf. Ich konnte dieses Gefühl kaum fassen", berichtet sie. Voller Hoffnung und Zuversicht startete die heute schlanke Frau in ein neues Leben.

Sie wurde schlanker. Trotzdem führt ein solcher Eingriff auch zu Schwierigkeiten. Es dauerte seine Zeit, bis das Magenband richtig eingestellt war. Abermals musste die Patientin Spritzen und Röntgenstrahlen über sich ergehen lassen. Außerdem musste sie lernen, auf bestimmte Lebensmittel zu verzichten. Die Patienten dürfen keine Nahrung zu sich nehmen, die im Magen verklumpen könnte, wie etwa weißer Reis oder flüssiger Käse: "Die schlimmste Umstellung war für mich, dass ich kein Fleisch mehr vertragen konnte, da dies wegen des Magenbands nicht mehr durch die Magenöffnung rutschen konnte." Innerhalb von fünf Jahren schaffte sie es, ihr Gewicht um 80 Kilogramm zu reduzieren.

Trotz allem war es hiermit noch nicht getan. Die Fettschürze blieb. Die taffe Frau stellte sich insgesamt vier plastischen Operationen. Vor drei Jahren startete sie mit einer Brustverkleinerung, vor zwei Jahren ging es weiter mit einer Bauchstraffung. Ein Jahr später kam die Oberschenkelstraffung und in diesem Jahr die Gesäßstraffung. "Natürlich waren diese Operationen wieder mit Angst und Schmerzen verbunden. Es war ein nervenraubender Prozess. Ich würde es trotzdem immer wieder tun. Ich fühle mich einfach viel wohler in meinem Körper", erklärt sie.

Dennoch benötigte die junge Frau eine Menge Unterstützung: "Meine Familie, meine Freunde und Bekannte gaben mir immer wieder Bestätigung, die wichtig für mich war. Oft bemerkten sie Veränderungen, die ich selbst nicht sah. Jeder sagte mir, wie stolz er auf mich sei. Besonders meine Mutter war eine große Hilfe für mich, und das ist sie bis heute noch. Zusammenhalt ist das Wichtigste", betont sie mit einem Lächeln. Andrea schaffte es, ihr Leben umzustrukturieren. Größeres Selbstbewusstsein ermöglicht ihr ein neues Leben. Heute hat sie eine glückliche Beziehung. Und ab und an ist sogar mal eine Süßigkeit erlaubt.
 

Informationen zum Beitrag

Titel
Zwei Löffel Suppe stillten den Hunger
Autor
Christina von Garrel
Schule
Albertus-Magnus-Gymnasium , Friesoythe
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.11.2015, Nr. 272, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

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