Die Tanten vom Viktualienmarkt

Er ist eine weltweit bekannte Touristenattraktion, ein Treffpunkt für Einheimische, ein Platz der alltäglichen Versorgung, aber vor allem ist er ein geschichtsträchtiger Ort: der Münchner Viktualienmarkt, mitten im Stadtzentrum, direkt neben dem Rathaus und dem berühmten Marienplatz gelegen. Er hat bereits viele Menschen gesehen, und seit seinem Erbauen im Jahr 1807 schrieb er so viele Geschichten, wie ein einziger Mensch niemals lesen könnte. Die Protagonistin in einer dieser Geschichten ist die Münchnerin Christiane Vidacovich, deren Lebensgeschichte sich fast wie ein Märchen anhört.

1944 in München geboren, verbringt sie die ersten zwölf Jahre ihres Lebens zusammen mit ihrer Mutter, dem Stiefvater und ihren Halbgeschwistern in einer Wohnung in der Zenettistraße im sogenannten Schlachthofviertel. Als sie eines Tages nach der Schule nach Hause kommt, findet sie ihre tote Mutter, umringt von Beamten und Verwandten. Die Frau war psychisch krank gewesen und hatte schon mehrere Versuche unternommen, sich das Leben zu nehmen. Nach diesem schrecklichen Ereignis gelangt das zierliche Schulmädchen in die Obhut entfernter Verwandter. Doch die Familie ist zerstritten, der vorangegangene Krieg hatte die Verwandtschaft auseinandergerissen. Christianes Tanten kontaktieren das Jugendamt, und schließlich gelingt es ihnen, dem Stiefvater das Sorgerecht zu entziehen, da dieser zwei leibliche Kinder hat und die Verwandtschaft der Meinung ist, das Mädchen sei bei ihm nicht gut aufgehoben. Zu diesem Zeitpunkt ist die Schülerin bereits 14 Jahre alt. Die zwei "Tanten", wovon tatsächlich nur eine die leibliche Tante des Mädchens ist, wohnen in München. Eine weitere, ebenfalls verwandte Familie, bei der die Waise von nun an unterkommt, besitzt einen kleinen Blumenstand auf dem Münchener Viktualienmarkt. Selbstverständlich helfen alle Familienmitglieder beim Verkauf der Ware auf dem Markt mit, so auch Christiane. Jeden Tag nach der Schule steht sie an dem einfachen Stand, der nur aus einem Holztisch und einem Schirm besteht, und bietet Blumen an. "Ich bin hier als Mädchen die ganze Zeit herumgerannt und war hier dann auch tatsächlich zu Hause, so richtig zu Hause", erzählt Christiane Vidacovich bei einem Gespräch auf dem Viktualienmarkt.

Mit dem Blumenstand ihrer Tanten lässt sich gutes Geld verdienen. Er ist direkt an der Haltestelle "Marienplatz" der Trambahnlinie 19 gelegen, die auch heute noch die Menschen quer durch die Stadt befördert und dementsprechend gut gefüllt ist. Viele Kunden sind Passanten, die Käufer kommen aus allen Schichten. Während die Stände heutzutage erst im Laufe des Vormittags aufmachen, beginnt ein normaler Tag für eine Marktfrau der damaligen Zeit um sieben Uhr, bei einigen sogar früher. Bevor die Stände öffnen, werden die Waren bei den Großhändlern eingekauft. Neben einheimischen Blumen werden beispielsweise auch Tulpen aus Holland angeboten. Während Christiane früh aufsteht, um in die Schule zu gehen, liegt ihre Tante noch im Bett. Sie verdient relativ gut und leistet sich den Luxus einer Verkäuferin, die die Arbeit in den ungeliebten Morgenstunden verrichtet. Gegen neun Uhr trifft auch die Besitzerin des Standes ein. Der Verkauf wird den ganzen Tag betrieben, denn die Kundschaft hat für Pausen kein Verständnis. Das Leben der Marktleute ist hart. Sie sind Tag für Tag dem Wetter ausgesetzt, viele haben nicht einmal einen Schirm, um sich vor Niederschlägen zu schützen. Auch der Umgang untereinander ist alles andere als freundlich und höflich. Der Krieg hat seine Spuren hinterlassen, man hat gelernt, sich durchzusetzen. Das macht sich auch in der Sprache bemerkbar, es herrscht ein rauher Ton, derbe Beleidigungen sind keine Seltenheit. Diese Mentalität bekommt auch die Kundschaft zu spüren, es wird nicht verhandelt, und wer das nicht versteht, läuft Gefahr, sich in einen Kampf auf tiefstem Bayerisch zu begeben.

Seit dieser Zeit hat sich auf dem Viktualienmarkt einiges geändert. "Er ist heute viel kleiner als damals, die Stände reichten früher bis über die Grenzen des Platzes hinaus", erinnert sich Christiane Vidacovich. Das ist heute nicht mehr so, trotzdem gibt es immer noch 194 Stände, die auf einer Fläche von 22 000 Quadratmetern zu finden sind.

Und auch das Angebot hat sich verändert: Neben den einheimischen Waren werden viele internationale Produkte angeboten, das Angebot ist aber nach wie vor fast ausschließlich auf Lebensmittel beschränkt. "Damals waren hauptsächlich Händler und Bauern aus der Umgebung dort, es wurden ausschließlich selbstgemachte Waren verkauft. Die besseren Händler hatten einen Schirm oder sogar eine kleine Hütte. Das war aber nicht bei allen so." Zu diesem Zeitpunkt, um 1969, ist der Viktualienmarkt im Zentrum der Stadt ein Ort der alltäglichen Versorgung. Obwohl es bereits Geschäfte gibt, kommen die Leute gerne auf den Markt. Die frischen Waren werden meist direkt von den Produzenten verkauft. Mit einem Lächeln auf den Lippen und einem verträumten Blick schildert Christiane Vidacovich das damalige Aussehen des Markts: "Der Markt war in unterschiedliche Bereiche aufgeteilt, es gab beispielsweise einen Teil, wo nur Fisch verkauft wurde. Die Fische waren noch lebendig und wurden vor den Augen des Käufers geköpft, entschuppt und in Zeitungspapier verpackt. Die Fischverkäufer trugen große, grüne Schürzen, um nicht alle Schuppen auf der Kleidung nach Hause zu tragen, aber das machte diese hemmungslosen, derben Typen auch nicht sympathischer." Wer so kurz nach dem Krieg nicht genug hat, um sich und die Familie zu versorgen, findet in der sogenannten Freibank Hilfe. Hier wird das Fleisch von verunglückten Tieren zu extrem billigen Preisen verkauft.

Christiane Vidacovich ist ihrer Heimatstadt treu geblieben. Sie ist seit mehr als 30 Jahren als Vermögensberaterin tätig. Zusätzlich gründete sie 2005 den gemeinnützigen Verein "Die Streichelbande e.V.", den sie seither mit viel Herzblut leitet. Um all die Geschichten aus ihrer außergewöhnlichen Kindheit nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, veröffentlichte sie 2013 ihr erstes Buch. "Die Tanten vom Viktualienmarkt" war ein großer Erfolg, die Fortsetzung ist in Bearbeitung. Und auch der Blumenstand der Familie erfuhr ein glückliches Ende. Nach dem Tod der Tante übernahm ihre Schwiegertochter das Geschäft, es wurde vergrößert und zog weiter in Richtung Marienplatz. Heute ist der Stand nicht mehr im Besitz der Familie.

Die Behörden der Millionenstadt sind bemüht, die Traditionen zu erhalten. Um es den Marktfamilien weiterhin zu ermöglichen, das Geschäft zu betreiben, werden die Mieten von der Stadt mit Absicht niedrig gehalten. Zusätzlich ist man darauf bedacht, die Eröffnung von Filialen großer Ketten auf dem Viktualienmarkt zu verhindern. Zu diesem Zweck wurde sogar ein Verein gegründet, der sich darum kümmert, den Markt in seiner traditionellen Form zu erhalten und die weitere Bebauung zu verhindern.

Nach wie vor ist der Markt ein beliebter Einkaufsort für die Einheimischen, auch wenn sich in das Gedränge viele Touristen mischen. An zusätzlicher Popularität gewinnt der Markt durch die zahlreichen Feste und Aktionen, die organisiert werden. Der Tanz der Marktfrauen, der Höhepunkt des Faschingsfestes, bei dem die Marktfrauen ihre Arbeit für einen Tag niederlegen, um für das gutgelaunte Publikum zu tanzen, oder das Brunnenfest, dessen Motto "An jeder Eck a Gaudi" ist und das es sich zum Ziel gemacht hat, das glückliche, einfache Leben von damals zu feiern, lassen die Traditionen aufleben.

Informationen zum Beitrag

Titel
Die Tanten vom Viktualienmarkt
Autor
Christiane Grund
Schule
Elsa-Brändström-Gymnasium , München
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.12.2015, Nr. 284, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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