Gewandet wie der König aus Aida

Man muss im Haus der Bayerischen Staatsoper erst einmal am Bühneneingang an einem Pförtner vorbei, bevor man mit einem kleinen, schmalen Aufzug mehrere Stockwerke bis ganz unter das Dach des gewaltigen Hauses fährt. Kaum öffnet sich dort die Aufzugstür, duftet es wie in einem großen Kleiderschrank, und man steht mitten im Kostümmagazin. Über den Raum verteilt an den Decken sind kleine Holzwürfel montiert. Aus ihnen strömen unaufhörlich Lockstoffe, um die Motten von ihrer zerstörerischen Arbeit abzuhalten. Geschäftig eilen junge Mitarbeiterinnen vorbei, um etwas zu suchen. Links vom Aufzug sieht man ein kleines Büro. Schaut man sich weiter um, sieht man viele Kleiderständer.

Allein die Kostüme zu Don Carlo belegen 35 fahrbare Ständer, jeder länger als zwei Meter und mit einer Samtdecke vor Licht und Staub geschützt. Noch überwältigender als der Eindruck von den Kostümen der Sänger ist natürlich die Tatsache, diese selbst einmal tragen oder sogar besitzen zu können: einmal Amneris, die Tochter des Königs von Ägypten aus der Oper Aida sein oder gar der König selbst.

Auch das ist in München möglich. Die Einwohner der Stadt werden alle zwei bis drei Jahre von der Staatsoper eingeladen, am Kostümverkauf aus dem hauseigenen Fundus teilzunehmen. Zahlreiche Interessenten werden dann von den über der Oper wehenden Bannern angezogen. Beate Wiesent leitet seit mehr als 20 Jahren das Kostümmagazin und den Fundus. Sie ist gelernte Schneiderin und beschäftigt sich mit Stilkunde. Die energievolle Frau mit den kurzen, blonden Haaren und hellblauen Augen ermöglicht zusammen mit ihren Arbeitskollegen den Verkauf. Dafür sortieren, ordnen und transportieren sie bereits das ganze Jahr über neben ihrer Hauptarbeit die Maßanfertigungen. Solche aus den Stücken, die nicht mehr auf den Spielplan stehen oder für zukünftige Präsentationen zu außergewöhnlich sind, werden dann in eine große Halle nach Poing, 20 Kilometer östlich von München, gebracht. Sobald sich ausreichend Teile für einen Verkauf angesammelt haben, kann die Organisation beginnen. Auch darum kümmert sich Beate Wiesent, und zwar von der Festlegung des Datums bis zur Absprache der Preise mit dem Kostümdirektor. Am Tag selbst ist sie dann sechs Stunden mit vollem Einsatz im Verkauf dabei.

Neben all den Kostümen werden bei der Veranstaltung zudem viele Einzelteile verkauft, bis zu fünftausend. Dazu zählen Kleinteile wie ein Handschuh, eine Schärpe oder ein Hut. Bezahlt wird überraschenderweise wenig für die hochwertigen Stoffe, "die oft in Gebrauch sind und was aushalten müssen", wie Beate Wiesent erklärt. So liegen die Preise im Allgemeinen zwischen einem und 200 Euro. Dabei sind individuelle Kundenwünsche nichts Besonderes: So entdeckte ein junger Herr eine weiße Kutte und verlangte an der Kasse einen Preisnachlass. Erst durch die Erklärung von Beate Wiesent stellt sich heraus, dass die Flecken und Risse ein absichtliches Ergebnis der Kunstabteilung sind.

Ihrer Einschätzungen nach freuen sich besonders kleine Theater auf die "Schmankerl", private Kunden schlagen für die Faschingszeit zu. Allein schon die Vielfalt an unterschiedlichen Zylinderhüten, die in den Verkauf kommen, übertreffen bei weitem die normaleAuswahl eines Fachgeschäfts. Kenner und passionierte Operngänger schauen sich die eingenähten Etiketten der Kleidungsstücke an. Sie tragen den Namen des Sängers, der Rolle und der Oper. Abgesehen von der Freude, die sie den Käufern bereiten - die übrigens nach Beate Wiesents Beobachtungen oft verhältnismäßig jung sind, nämlich um die 25 bis 30 Jahre -, schaffen sie dringend benötigten Platz im Magazin. Und weil der Verkauf in der Oper selbst stattfindet, muss der benutzte Proberaum danach schleunigst geräumt werden. Beate Wiesent merkt man die Leidenschaft für ihren "Traumberuf" an, wie sie ihn nennt. Begeistert berichtet sie von den "alten Kostümen, die so viel Leben in sich haben".

Informationen zum Beitrag

Titel
Gewandet wie der König aus Aida
Autor
Sofia Kieffa
Schule
Asam-Gymnasium , München
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.12.2015, Nr. 284, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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