Hupkonzerte in den Straßen Kottayams

Trotz der schwülen, warmen Luft draußen ist es im klimatisierten Auto kühl. Ein gefühlvolles, indisches Lied läuft im Radio, und der Taxifahrer George Mulethazhatu summt leise mit. Auf einer einsamen, unebenen Einbahnstraße in der südindischen Stadt Kotta-yam, die von Palmen umgeben ist, fährt er im Schnelltempo, als plötzlich ein weißes Auto um die Ecke schießt. In den letzten Sekunden vor dem drohenden Zusammenstoß lenkt George sein Auto zur Seite, genauso gelassen wie der andere Autofahrer, so dass sie gerade noch aneinander vorbeifahren können. Dies ist nur ein kleiner Vorgeschmack auf die Gefahren, die im indischen Straßenverkehr lauern.

 

Der groß gewachsene, dunkelhäutige 54-Jährige mit halbgrauen Haaren trägt ein orange Hemd und einen traditionellen, knöchellangen Dhoti, eine Art Wickelrock, der um seine Hüften gebunden ist. Im Auto mit den acht ockerfarbenen Sitzplätzen steht eine kleine, gesegnete Statue des heiligen Antonius von Padua, ein Rosenkranz baumelt am Rückspiegel. "Ich fahre seit 35 Jahren als Taxifahrer und habe noch keinen einzigen Unfall gebaut", erzählt der zweifache Familienvater stolz. Eine erhebliche Leistung, wenn man bedenkt, dass sogar Kühe im chaotischen Verkehr Indiens nichts Seltenes sind.

 

Bald verlässt das weiße Taxi die enge Straße und gelangt in eine vielbefahrene Hauptstraße. Dort herrscht ein Gewimmel von Autos, überladenen Mopeds, Autorikschas, Bussen und Fußgängern. Die Fahrzeuge fahren kreuz und quer und eng aneinander vorbei. Ein Hupkonzert ist zu hören. "Hierzulande hupt man nicht nur, um seine Ungeduld auszudrücken, sondern oft ist es ein wichtiges Warnzeichen. Man hupt vor einer steilen Abbiegung oder bevor man jemanden überholt." George lenkt sein Auto gelassen durch den Kleinkrieg der Fahrzeuge. "Willkommen im geordneten Chaos", lacht er und zeigt seine weißen Zähne. Dann wird seine Stimme ernster: "Das indische Verkehrssystem braucht Neuordnungen, es ist zu gefährlich. Mehr Lichtsignale und Fußgängerstreifen würden bestimmt zu einem geregelteren Verkehr beitragen."

 

An den Straßenseiten befinden sich kleine Läden oder Märkte mit exotischen Früchten, Gemüsen oder frisch gefangenen Fischen. Riesige Poster neu erschienener Filme prangen auf Wänden von Gebäuden. Junge Frauen in farbenprächtigen Saris plaudern fröhlich miteinander und lachen hinter vorgehaltener Hand, während sie die Straße überqueren. Da bald der Unabhängigkeitstag ist, läuft ein Straßenverkäufer zu den Autos und verkauft kleine Nationalflaggen. George kauft ihm zwei davon günstig ab. Außerdem findet gerade eine Wahlkampfkundgebung statt. Ein junger Mann, der in einem weißen Auto durch ein Mikrofon ruft, wird von einer lärmenden Menschenmenge begleitet, die den Verkehr noch mehr beeinträchtigt. "Heute ist aber ganz schön viel los", seufzt George genervt.

 

Als er die chaotische Hauptstraße verlässt, wird eine komplett andere Seite Keralas sichtbar: saftig grüne Reisfelder, Stauwasser und endlose Palmenhaine, so weit das Auge reicht. Die Einheimischen nennen Kerala "God's Own Country", Gottes eigenes Land. Die Sonne steht hoch am klaren Himmel. Sobald George die Fenster öffnet, dringt ein wunderbarer Duft von Reis hinein. Er hält kurz an, um frische Luft zu schnappen und sich eine kleine Verpflegung zu gönnen.

Informationen zum Beitrag

Titel
Hupkonzerte in den Straßen Kottayams
Autor
Stefani Stephen
Schule
Kantonsschule Limmattal , Urdorf
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.11.2015, Nr. 278, S. 34
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

Zeitungszustellung während des Projekts

Probleme bei der projektbezogenen Zeitungslieferung?
Wenden Sie sich unter Angabe Ihrer Auftragsnummer per E-Mail oder per Fax an:vertrieb@faz.de
069-7591-2180