Mafiös, aber der Typ half weiter

Seit er Rentner ist, radelt und reist der unerschrockene Urs Egli um die Welt. Schneeregen, fehlende Ausreisestempel und die Sackgasse Krim halten ihn nicht von Abenteuern ab.

 

Morgen beginnt der Rest meines Lebens." Nach diesem Lebensmotto startet Urs Egli die wildesten Fahrradtouren, die man sich nur vorstellen kann. Ob von New York entlang der amerikanischen Ostküste nach Saint Lucia in der Karibik oder einmal von zu Hause nach Schottland und zurück. Keine Strapazen der Welt können den 70-jährigen, athletisch wirkenden ehemaligen Unternehmer aus dem Zürcher Oberland aufhalten. Ausgerechnet durch das Krisengebiet in der Krim sollte ihn seine bisher letzte Reise führen, die sich fast als Sackgasse erwies.

 

Abenteuerlust, Neugierde und Sportsgeist treiben den dynamischen Rentner zu solchen Höchstleistungen an. "Ein wichtiger Leitspruch für mich ist, dass ich keine Angst habe und mir keine unnötigen Sorgen mache." Denn Egli ist ein Mann mit Prinzipien: "Mir kommt immer etwas in den Sinn." Dieser Grundsatz gelte immer, doziert er, und ohne Zögern fährt er fort, Sterben sei immer einsam. Egal, ob er jetzt in einem Straßengraben an einem Schädelbruch sterbe oder im Bett friedlich einschlafe. "Die letzte Stunde gehört immer einem selbst."

 

Locker erzählt Egli von seiner Rundreise, die ihn im Frühsommer von seinem Wohnort Wetzikon in der Ostschweiz im Gegenuhrzeigersinn um das Schwarze Meer herum wieder nach Hause führen sollte. Bereits am zweiten Tag überraschte ihn das Wetter. In den österreichischen Alpen musste er während vier Tagen bei drei Grad Celsius gegen Schneeregen ankämpfen. Total durchnässt betrat er eine Imbiss-Baracke in Felbertauern, nahe Lienz, wo er sich und seine Kleider trocknen konnte und sich dabei den Fragen des etwas rundlichen Wirtes stellen musste, der nicht glauben konnte, dass Egli älter war als er. Trotz widrigster Bedingungen setzte er seine Reise noch am selben Tag fort.

 

Eglimusste im Alter von 28 Jahren als ältester Sohn das Straßen- und Tiefbauunternehmen seines Vaters übernehmen, als dieser verstarb. Zuvor hatte er in Biel an der Ingenieurschule Automobiltechnik studiert und Sprachkurse in Englisch, Französisch und Spanisch belegt. Die Firma, seine Familie mit vier Kindern und sein politisches Engagement als liberaler Gemeinderat erforderten während fast 40 Jahren seine ganze Energie. Mit 65 Jahren legte Egli alle seine Verpflichtungen ab. Der Neurentner und Abenteurer suchte nach einer sportlich und zeitlich anspruchsvollen Beschäftigung. Als ihn ein guter Freund fragte, ob er auf eine Radtour durch Indochina mitkommen wolle, war für Egli der Fall klar. Er hatte schon in jungen Jahren extremen Ausdauersport betrieben, weshalb er sich auf das Abenteuer einließ. Dieses Erlebnis war der Impuls für viele weitere Fahrradreisen durch fremde Länder und Kontinente. Egli hatte sein neues Hobby gefunden. Innerhalb von vier Jahren bestritt er insgesamt sieben Touren mit einer stolzen Gesamtdistanz von 36 000 Kilometern, durchschnittlich 120 Kilometer täglich.

 

Im Vorfeld seiner Reisen kümmert sich Egli nur um Kreditkarten und Visa. Alles weitere muss er mit Improvisationstalent und Unerschrockenheit vor Ort lösen. Der weißhaarige Abenteurer hatte zum Beispiel eine Einreisegenehmigung von Georgien nach Abchasien, einer seit 20 Jahren abtrünnigen Provinz Georgiens, in der Tasche. Obwohl die Grenzüberquerung im Internet fast überall als unmöglich beschrieben wurde, bekam Egli bei einer Passkontrolle am georgischen Grenzposten zwar keinen Ausreisestempel, wurde aber nach Abchasien weitergelassen. "Allen Unkenrufen zum Trotz befand ich mich scheinbar ganz offiziell in Abchasien." Seine Weiterreise musste nun zwingend durch Abchasien nach Russland erfolgen, denn eine Einreise zurück nach Georgien wäre nun illegal. Das Ziel seiner Reisen ist, die Herausforderungen zu meistern, und nicht nur, die Schönheiten der Welt zu bewundern. Die Provinz Abchasien lernte er zum Beispiel nicht als die sogenannte "Perle des Schwarzen Meeres" kennen, sondern als heruntergekommene und verlassene Region. Auch die Olympiaregion Sotschi hat bei Egli einen fragwürdigen Eindruck hinterlassen: gähnende Leere rund um vier Riesenstadien, zehntausend kalte Betten im Olympic Village. "Massenhaft in der Landschaft stehende Hotelkomplexe und noch viel mehr 30-stöckige Appartementhäuser sind in meinen Augen auch in fünfzig Jahren nicht zu belegen."

 

Zu jeder seiner Reisen schreibt Egli zwei Berichte: einen zusammenfassenden für seine Freunde, den man auch auf seiner Homepage finden kann, und einen detaillierteren für seine Frau. "Wegen den ausführlichen Angaben weiß sie besser über mich Bescheid, wenn ich im Ausland herumreise, als wenn ich zu Hause bin", sagt er mit verschmitztem Lächeln. Auch wenn er unter Freunden ist, wird er oft auf seine Abenteuer rund um die Welt angesprochen. Immer wieder wird er gefragt, wann man denn sein Buch lesen könne. Seine Standard-Antwort: "Über was soll ich ein Buch schreiben? Meine Reisedokumentationen sind auf dem Internet zu finden, und das noch gratis." Was er aber plant, ist eine ausführliche Präsentation über seine Reisen.

 

Egliwusste schon lange vor der Reise, dass es wegen des Konflikts in der Ukraine problematisch wäre, durch die Krim zu reisen, trotzdem lag die Halbinsel auf seiner Route. "Ich war natürlich gespannt auf die Überfahrt über die Meerenge von Kerch." Kaum auf der Halbinsel angekommen, musste er zwei Dinge feststellen: "Es gab kein Handynetz für Ausländer und, was noch schlimmer war: Meine Kreditkarten funktionierten nicht. Keine!" Schweizer Franken kannten die Leute nicht, weshalb er froh war, dass er noch einige Euro hatte. Bei der Ausreise aus der Krim in die Ukraine stellte sich ein weiteres Problem: "Die russische Zollkontrolle dauerte fürchterlich lang. Mein Pass wurde hin- und hergereicht, bis ich erfuhr, dass die Ausreise aus der Krim illegal sei." Die Grenzwächter empfahlen ihm einen Umweg von mindestens 1000 Kilometern um das Asowsche Meer, um dann bei Donezk in die Ukraine einzureisen. "Als sie die Unmöglichkeit ihres Ratschlags eingesehen hatten, konnte ich passieren. Ich merkte aber, dass da etwas nicht stimmte." Tatsächlich sagte man ihm auf der anderen Seite der Grenze dasselbe: Er könne nicht aus der Krim einreisen, das sei illegal. Nach zwei Stunden gab man ihm seinen Pass zurück, nicht aber das Visum. Also kehrte Egli auf die Krim zurück. Sackgasse! Kein Geld, kein Netz, keine Route. "Und dann kam Hussein."

 

Mit der Hilfe dieses mafiös wirkenden Tschetschenen, der ihn ein paar Tage zuvor angesprochen hatte, schaffte er es am nächsten Tag am Flughafen in Simferopol, ein Flugticket über Moskau nach Budapest zu organisieren. "Er verhandelte für mich Destinationen, Zeiten und optimierte die Preise. Das hätte ich kaum geschafft." Da Egli seit einigen Tagen nichts mehr gegessen hatte, ging er auf die Einladung Husseins ein, mit ihm und seinen Freunden das Ende des Ramadan zu feiern, um sich am nächsten Tag gestärkt auf den Weg nach Budapest zu machen. Selbst solche Erlebnisse schrecken Egli vor weiteren Taten nicht ab. Auf der Strecke von Budapest nach Hause ist er in Gedanken schon bei seiner nächsten Reise durch den Süden der Vereinigten Staaten und ganz Zentralamerika, von Phoenix in Arizona nach Panama City.

Informationen zum Beitrag

Titel
Mafiös, aber der Typ half weiter
Autor
Jan Reinhardt
Schule
Kantonsschule Zürcher Oberland , Wetzikon
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.11.2015, Nr. 278, S. 34
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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