An Bord war er eine Art Mädchen für alles

Maßgefertigte Möbel und Verkleidungen aus Edelhölzern, Kunst und leise Musik empfangen die gutbetuchten Patienten in der noblen Privatpraxis in Münchens begehrtester Altstadtlage. Deren Inhaber, der charismatische, grauhaarige Zahnarzt Hubert Schneider, der nicht an die Öffentlichkeit möchte und daher nicht mit richtigem Namen genannt wird, begrüßt seine Patienten leger in Chinos und Hemd mit hochgekrempelten Ärmeln und beruhigt mit seiner entspannten Art selbst die ängstlichsten unter ihnen. Wer sich Schneiders facettenreichen Lebenslauf auf seiner Homepage durchliest, merkt sofort, dass der Zahnarzt einen Weg mit vielen Hürden hinter sich hat. Nachdem er die Schule mit einem mittelmäßigen Abitur abgeschlossen hatte, blieb ihm das Studium der Zahnmedizin zunächst verwehrt. Er machte eine Lehre und arbeitete zwei Jahre in Berlin als Zahntechniker.

 

In der Zeit half er einem Freund bei der Überführung eines neuen Segelboots von Neapel nach Ibiza. Schneider, der als Jugendlicher seinen Segelschein gemacht hatte, wurde dabei vom Vorbesitzer des Bootes für eine Reise mit dem Segelboot in die Karibik angeheuert. So fuhr der 25-Jährige zwei Tage mit dem Bus von Berlin über Bremen nach Portugal und machte dort den Zweimaster für die einjährige Reise fertig. Als der Bootseigner mit drei weiteren Crewmitgliedern ankam, konnte es losgehen. Nachdem sie den Atlantik in 21 Tagen überquert hatten, ging der Eigner von Bord und überließ Schneider das Boot, damit dieser Charterfahrten für Bekannte durchführte. "Ich bin mehrere Monate die karibischen Inseln rauf- und runtergesegelt, immer so im Zwei-Wochen-Takt. Anfang Juli begann die Hurrikansaison, dann mussten wir schauen, dass wir wegkamen." Anschließend segelte Schneider ohne den Eigner nach Bermuda, weiter auf die Azoren und von dort nach Frankreich wo der Eigner wieder an Bord ging und Schneider ein Rückflugticket nach Deutschland spendierte.

 

Die Arbeit an Bord beschreibt Schneider als anstrengend. Sein Dienst bestand aus mehreren täglichen Wachschichten auf der Brücke für jeweils vier Stunden. Während dieser Schichten war er eine Art Mädchen für alles: Er musste steuern, kochen, das Boot sauber halten und wenn nötig die Segel wechseln. Am interessantesten fand er immer das Navigieren. Da es damals noch keine Ortungssysteme wie GPS gab, musste er zu bestimmten Tageszeiten mit einem Sextanten den Abstand der Sonne zum Horizont messen und mit Hilfe von Ephemeridentafeln die aktuelle Position des Schiffes herausfinden. Diese Tafeln geben die Position von Sonne und Mond zu bestimmten Tageszeiten an. Die Methode ist komplex und mit einer Maximalabweichung von fünf Meilen relativ genau. "Das Navigieren war damals immer ein Abenteuer, heutzutage ist das dagegen kalter Kaffee - solange man Strom hat", sagt Schneider abschätzig.

 

Während seiner Bootsreisen erlebte Schneider viele Abenteuer, die ihn des Öfteren an himmlischen Schutz glauben ließen. Ein Erlebnis hat sich Schneider besonders in das Gedächtnis eingebrannt: Auf dem Weg von der Isle of Wight an der Südküste Großbritanniens zur französischen Stadt Cherbourg musste die Crew quer über den Ärmelkanal fahren, die am meisten befahrene Seestraße der Welt, als plötzlich dichter Nebel aufkam. "Über uns war strahlend blauer Himmel, aber nach vorne konnten wir nichts mehr sehen", erinnert er sich. Da das Boot selbst kein Radar hatte, hing alles davon ab, dass die anderen Schiffe es auf deren Radar sehen und rechtzeitig ausweichen würden. "Das war, als liefe man als Fußgänger bei Nebel über die Autobahn - das einzige Geräusch war ein monotones Rauschen, sehen konnte man gar nichts." Nachdem die Crew das Boot mehr oder weniger blind in Richtung der anderen Seite navigiert hatte, konnten sie wegen der fehlenden Sicht ihre neue Position nicht bestimmen. Das Boot fuhr weiter geradeaus, bis Schneider plötzlich ein seltsames Geräusch hörte. Es war das Hupen einer sogenannten Festmachetonne, meistens ein riesiges Metallfass, an dem Schiffe in Gefahrsituationen festmachen können. "Als ich dieses riesige Stahlfass abgeleuchtet habe, sah ich oben das Wort ,Latruite', das werde ich nie vergessen." Als Schneider auf der Karte nachsah, wo sie sich befanden, stellte er fest: lediglich wenige hundert Meter vor der Hafeneinfahrt von Cherbourg. Wären sie nur ein kleines Stück weiter geradeaus gefahren, wären sie direkt gegen die unbeleuchtete Hafenmauer gekracht, die sich nur wenige hundert Meter vor ihnen befand. "Das war eines dieser Erlebnisse, bei denen ich dachte: Ich habe einen Schutzengel."

 

Schneider hatte sich durch sein Segelbootabenteuer völlig verändert. Er war disziplinierter und vor allem ehrgeiziger geworden. Zurück in Deutschland, ließ er nichts unversucht, um endlich Zahnmedizin studieren zu können. "Das, was ich während dieser Reise erlebt habe, hat mich so motiviert, dass ich mich entschlossen habe, um einen Studienplatz zu kämpfen." Schließlich kam er mit 26 Jahren per Losverfahren an einen der begehrten Studienplätze an der Universität in Göttingen.

 

Zehn Jahre später eröffnete er seine erste eigene Praxis in München nahe dem Viktualienmarkt. Für seinen Ruhestand hat sich der 58-Jährige fest vorgenommen, ein Segelboot zu mieten. Dieses Mal wird er derjenige sein, der die Reise genießt, während seine Crew die Arbeiten für ihn erledigt.

Informationen zum Beitrag

Titel
An Bord war er eine Art Mädchen für alles
Autor
Philipp Althaus
Schule
Elsa-Brändström-Gymnasium , München
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.11.2015, Nr. 278, S. 34
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

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