Männer mit Bärten und bunte Kühe

Wenn in Zürich plötzlich lebensgroße farbige Teddybären herumstehen, übergroße Porträts in der Bahnhofshalle hängen oder künstlerisch gestaltete Bänke zum Verweilen einladen, hatte wahrscheinlich die City Vereinigung ihre Hände im Spiel. Der Dachverband setzt sich dafür ein, die größte Stadt der Schweiz noch attraktiver zu machen. Ein sonniger Tag in einem Büro in der Innenstadt. Andreas Zürcher breitet Bildbände vor sich aus. Sie dokumentieren kunstvolle Aktionen der vergangenen Sommer: einmal waren es Sitzbänke, ein anderes Mal riesige Blumentöpfe. Der große Mann im schwarzen Anzug berichtet selbstbewusst von den Tätigkeiten der Vereinigung. Seit 28 Jahren ist er Geschäftsführer der City Vereinigung, einem Dachverbands von Quartier- und Straßenorganisationen. Er organisiert Ausstellungen, Straßenaktionen und Events. 20 Organisationen gehören der Vereinigung an, die wiederum 1350 verschiedene Geschäfte vertreten. "Unser Ziel ist es, die wirtschaftliche Situation von Detailhändlern und dem Dienstleistungssektor in Zürich zu verbessern, und natürlich wollen wir möglichst viele Besucher hierher bringen", sagt Zürcher, der hauptberuflich Rechtsanwalt ist und die City Vereinigung in eines Mandatsverhältnis führt. Das heißt, dass die Organisation ein Klient seines Anwaltsbüros ist und kein eigenes Personal braucht.

Zürich will sich mit Europas Metropolen wie Mailand, Lyon oder München messen. "Wir haben einige Vorteile zu bieten. Touristen aus aller Welt genießen es, am See zu sein, und dennoch die Voralpen im Blick zu haben. Das können nicht viele Städte bieten", erklärt er. "Auch sind die stabilen politischen Verhältnisse ein Vorteil und die überschaubare Verkehrslage, obwohl dies wohl mancher einheimische Anwohner anders beschreiben würde. Zudem führt der Wohlstand in der Schweiz zu einer großen Kaufkraft, der Verkaufsbranche geht es gut."

Alle paar Jahre organisiert die City Vereinigung Sommeraktionen. So wie die von Künstlern bemalten Kühe. Die 815 farbenfrohen Tiere der Cowparade zogen in dreieinhalb Monaten zusätzlich eine Million Besucher an und wurden auf der ganzen Welt kopiert. Diesen Sommer sorgten 36 Dekorationen von Fassaden und aufgehängte Kunstwerke in der Stadt für wortwörtliches Aufsehen. Bei einer anderen Aktion hingen die Porträts alter, bärtiger Männer über der Bahnhofstraße. Ein britischer Künstler entwarf die bedruckten Fahnen und präsentierte so Personen, die zur Entwicklung der Bahnhofstraße beitrugen. So zum Beispiel Adolf Grieder, der 1913 sein Detailhandelsgeschäft an den Paradeplatz verlegte, oder Arnold Türler, der dort ein Uhren- und Juweliergeschäft eröffnete. Ferner schauten riesige Porträts eines Brasilianers, Schweden oder Senegalesen auf die Europaallee herab. Alle 195 Nationen, die in der Schweiz vertreten sind, wurden durch die Fotografie einer Person gezeigt, um die kulturelle Vielfalt des Landes darzustellen.

"Oft agieren wir auch auf politischer Ebene. Doch dies sind oft lange Prozesse, die sogar über Jahrzehnte dauern können", sagt Zürcher. Da geht es etwa um mehr Parkplätze. Es dauerte viele Jahre, bis es zwischen der City Vereinigung und der Regierung zu einem Konsens kam. "Vor allem beim Thema Autos in der Stadt ist man oft im Zwiespalt mit der städtischen Regierung."

Auch die längeren Öffnungszeiten wurden von der City Vereinigung initiiert. Es dauerte 13 Jahre, bis es dann 2002 zu einer Volksabstimmung kam. Heute dürfen die Geschäfte unter der Woche bis 23 Uhr geöffnet haben. Die Geschäfte nützen diesen Spielraum jedoch nicht aus und schließen um 20 Uhr, weil die Besucherfrequenzen in den späteren Abendstunden zu gering sind und es sich von der Kostenseite her nicht lohnt, die Läden länger offen zu halten. Einzig an einem Donnerstag im November, an dem Tag, an welchem die Weihnachtsbeleuchtungen in der Innenstadt erstmals eingeschaltet werden, halten die Geschäfte ihre Läden bei einem Night-Shopping bis 22 Uhr offen.

Informationen zum Beitrag

Titel
Männer mit Bärten und bunte Kühe
Autor
Fiona Wiesner
Schule
Kantonsschule Zürcher Oberland , Wetzikon
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.12.2015, Nr. 290, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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