In der Zürcher Bahnhofstraße wird Chinesisch gesprochen

Die weltberühmte Einkaufsmeile zieht viele ausländische Touristen auf der Suche nach Luxusgütern an. Gefragt sind Produkte mit "Schweizer Nimbus", erklärt der Präsident der City-Vereinigung.

Uhrenläden, so weit das Auge reicht. Eilende Geschäftsleute in teuren Anzügen. Bummelnde Touristen aus aller Welt. Trams verströmen ein Gefühl von gemütlicher Effizienz. Hier kann man das Geld riechen. Die Bahnhofstraße ist das Aushängeschild der Limmatstadt Zürich. Die eindrucksvolle Flanier- und Shoppingmeile mit einer beeindruckenden Länge von 1,4 Kilometern verbindet den Zürcher Hauptbahnhof mit dem Bürkliplatz am Zürichsee. Sie ist eine der bekanntesten Einkaufsstraßen der ganzen Welt. Trotz hoher Mieten locken ihre Popularität und Ausstrahlung viele Geschäfte an. Beste Frequenzlage und höchste Kaufkraft sind Grund genug, sich hier einen Vorzeigeladen zu leisten. Der Umsatz, der an der Bahnhofstraße je Quadratmeter erzielt wird, ist hoch: Nur in New York und Hongkong sind die Werte auf einem ähnlichen Niveau.

Die Uhren- und Juweliergeschäfte sind im Aufwind. Im vergangenen Jahr wuchs ihre Zahl um dreißig Prozent. Man findet neben einer Handvoll Traditionsgeschäften auch immer mehr Filialen multinationaler Ladenketten. Und genau sie sind es, die die lokalen Läden verdrängen. Vor einiger Zeit musste einer der ältesten Blumenläden von Zürich der Uhrenmarke Piaget Platz machen, und im Lokal einer ehemaligen Metzgerei befindet sich heute ein Sushi-Restaurant. An der Bahnhofstraße ist seit geraumer Zeit eine Entwicklung im Gange, die aus dem Markenzeichen Zürichs eine jener Luxusmeilen macht, die in allen Metropolen der Welt gleich aussehen.

"Die Zürcher Bahnhofstraße ist der Nabel der City", sagt Milan Prenosil, und man merkt, dass das Thema für ihn mit vielen Emotionen verbunden ist. Zusammen mit seinem Bruder führt er als Verwaltungsratspräsident die renommierte Confiserie Sprüngli in sechster Generation. Der Geschäftsmann sieht Zürich als globale Stadt, wo alle willkommen sind. "So wie Sprüngli in Bern, Basel oder Genf ein Geschäft aufmacht, eröffnen multinationale Brands einen Laden in anderen Ländern, weil sie im Prinzip die lokale, aber auch die globale Community ansprechen." Prenosil ist Präsident der City-Vereinigung Zürich, eines Dachverbands aus Straßen- und Quartiervereinigungen, der rund 1350 Firmen und etwa 60 000 Arbeitsplätze repräsentiert. Auf den Vormarsch internationaler Ladenketten hat die City-Vereinigung jedoch keinen Einfluss. "Wir leben, Gott sei Dank, in einer Handels- und Wirtschaftsfreiheit", sagt Prenosil. In Zürich entscheiden die Hauseigentümer, welche Geschäfte in einer Lokalität einen Laden betreiben. "Das ist ganz wichtig", setzt der smarte Sprüngli-Besitzer nach.

Schon seit 1838 strömen Touristen nach Zürich, nachdem das Hotel Savoy und der Posthof, eines der größten Postkutschenzentren Europas, gebaut wurden. Danach kam der Handel nach Zürich, und mit ihm entwickelte sich der Paradeplatz zum Finanzplatz. Die Bahnhofstraße verbindet seit 1865 den damaligen Bahnhof Zürich mit dem Paradeplatz. "Die Entwicklung der Stadt Zürich ging immer Hand in Hand mit der Entwicklung des Handels und des Verkehrs", erklärt Prenosil. "Die Stadt und das ganze Geschäftszentrum links der Limmat haben sich um die Wirbelsäule der Stadt herum entwickelt." Der Volksmund sagt deshalb: "Zürich liegt an der Bahnhofstraße."

In den Jahren 2007 bis 2013 hat sich die Zahl der Touristen vervierfacht. Nur noch etwa 40 Prozent der Kunden stammen aus der Region, jeder dritte Tourist an der Bahnhofstraße kommt aus China. Für Chinesen sind Statussymbole wichtig, denn es besteht ein enormer gesellschaftlicher Druck, Luxusgüter wie teure Schweizer Uhren oder Schmuck zu besitzen. Die Schweiz ist für sie ein Billigland, weil in China eine Luxussteuer die Prestigeobjekte um 30 Prozent verteuert.

Asiatische Touristen sind eine wichtige Einnahmequelle für die Geschäfte an der Bahnhofstraße, vor allem für die Hotellerie, die Gastronomie und die Uhren- und Schmuckgeschäfte. "Ohne die Touristen hätten diese Branchen einen sehr schweren Stand", sagt Prenosil. Um diese kauffreudigen Kunden besser bedienen zu können, wird Chinesisch, Japanisch oder Russisch sprechendes Verkaufspersonal angestellt. Aber: "Nicht alle Branchen profitieren gleich stark von den Touristenströmen. Im Fokus ausländischer Kunden stehen besonders typisch schweizerische Geschäfte, die Produkte mit Schweizer Nimbus anbieten", sagt Milan Prenosil. So gebe es auch Verlierer, wie zum Beispiel Blumengeschäfte oder solche, die Kleider und Schuhe unbekannter lokaler Marken oder Bücher verkauften. "Diese Branchen sind weniger tourismusaffin", meint der Präsident der City-Vereinigung.

Das alles führt zu einer Nivellierung des Angebots, sodass am Schluss an der Bahnhofstraße nur noch die globalen Akteure Uhren, Schmuck und Kleider verkaufen. Die Nachfrage nach Verkaufsflächen an Orten mit hoher Kaufkraft führt zu massiv steigenden Mieten, die sich nicht mehr alle leisten können. Noch nie waren die Mieten in der Stadt Zürich für ein Geschäft so hoch: Die Rekordwerte betragen bis zu 15 000 Franken für den Quadratmeter im Jahr. "Vergessen wir aber nicht, dass der Tourismus nur eine der Ursachen für diese Entwicklung darstellt. Zürich gehört zu den Städten mit der höchsten Lebensqualität und zieht als Finanz-, Werk- und Denkplatz Unternehmen an, die wiederum hochqualifizierte Menschen mit hohen Ansprüchen und internationalem Hintergrund beschäftigen. Die Löhne und die Kaufkraft sind somit hoch, und der Markt für global tätige Firmen ist sehr verlockend", sagt Prenosil.

Der ganze Wandel wird noch durch die Schlüsselgeldzahlungen beschleunigt. Mit diesem Geschäftsinstrument motivieren Interessenten einen Mieter, seinen Vertrag vorzeitig zu kündigen. Hier geht es um beträchtliche Summen. Den Ausdruck "Erpressung" lehnt Prenosil vehement ab. Für ihn sei eine solche Zahlung mehr ein Locken und Ködern. Die lokalen Geschäfte werden in die Nebengassen verdrängt. "Rennweg, Augustinergasse, Storchengasse, Limmatquai... Hier gruppiert sich das Lokalkolorit um die Bahnhofstraße herum. So findet man in Zürich trotzdem Regionalität", beschwichtigt er.

Lediglich eine Handvoll alter Spezialgeschäfte ist von dieser Entwicklung nicht betroffen, weil die Firmen die Gebäude selbst besitzen. So ist es auch bei der Confiserie Sprüngli. Neben dem Hauptsitz am Paradeplatz betreibt Sprüngli noch ein zweites Geschäft an der Bahnhofstraße, das jedoch gemietet ist. Die Verkaufsräume am Paradeplatz würden trotz vieler Nachfragen nicht vermietet werden.

Solange Zürich als Standort attraktiv und die Kaufkraft so hoch ist, bleibt die Stadt wegen der hohen Nachfrage unter Druck. "Es wird aber in den nächsten Jahren zu einer Selbstregulierung kommen", lautet Prenosils Prognose, "denn die Interessenten werden merken, dass Zürich überbezahlt und dass der Markt für die immer gleichen Produkte zu klein ist." Er wünscht sich persönlich ein bisschen mehr einheimische Kunden an der Bahnhofstraße. "Um das zu erreichen, müsste die Regierung mehr Parkplätze in der Innenstadt bewilligen, damit das Zentrum für Leute aus der Region besser erreichbar würde." Das Angebot müsste auch durch einen natürlichen Ladenmix an die lokalen Bedürfnisse angepasst werden. Doch Prenosil bleibt skeptisch: "Das ist nicht so und wird auch vermutlich nicht so werden."

Informationen zum Beitrag

Titel
In der Zürcher Bahnhofstraße wird Chinesisch gesprochen
Autor
Jan Reinhardt
Schule
Kantonsschule Zürcher Oberland , Wetzikon
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.12.2015, Nr. 290, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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