Lucy erleuchtet einen ganzen Kilometer

Eine schöne Bescherung. Die Weihnachtsbeleuchtung an der Bahnhofstraße in Zürich ist wohl die bekannteste in der Schweiz. Wenn man die Straße entlangläuft, meint man, dass die Sterne zum Greifen nah sind. Die Stimmung ist einzigartig, Abertausende Lichter und zufriedene Passanten, die durch die weihnachtlich duftende Innenstadt schlendern. Die Weihnachtsbeleuchtung mit dem Namen Lucy erstreckt sich vom Bahnhofsplatz bis zum Bürkliplatz über eine Distanz von rund einem Kilometer. Mit 11500 Kristallprismen und 23000 LED-Lichtern bringt die Beleuchtung den Besuchern scheinbar den Himmel etwas näher.

Vor 35 Jahren wurde in Zürich die erste Weihnachtsbeleuchtung auf Initiative der Vereinigung der Bahnhofstraße aufgehängt. Bei einer Ausstellung in Osaka überzeugte die Beleuchtung des Architekten Willi Walter die Vereinigung am meisten. Sie bestand aus einem Baldachin und diversen Girlanden von Glühbirnen. Zu Anfang des 21. Jahrhunderts wollte der Vorstand der Vereinigung Zürcher Bahnhofstraße etwas Modernes, außerdem war die Weihnachtsbeleuchtung schon sichtlich in die Jahre gekommen und hatte enorme Schäden. So wurde ein Wettbewerb durchgeführt, und eine Jury entschied sich für "The World' Largest Timepiece", von den Architekten Gramazio und Kohler kreiert. Im Jahre 2005 wurde diese Beleuchtung erstmals in Betrieb genommen. Sie sollte zeigen, wie Weihnachtsbeleuchtungen in der Zukunft aussehen könnten. Es war eine Art computergesteuertes Lichtspiel, das durch einen Zufallsgenerator die gräuliche Bespielung wechselte. Beim Publikum kamen die langen, in einer vertikalen Reihe über der Mitte der Straße hängenden Lichtröhren aber überhaupt nicht gut an. Die Kritiken waren harsch. Für viele Passanten hatte die Beleuchtung nichts mehr mit Weihnachten zu tun, da sie keine weihnachtliche Stimmung verbreitete, sondern eher einem futuristischen Architektenexperiment glich.

Der Sekretär der Vereinigung, Markus Hünig, steht mit voller Leidenschaft hinter der jetzigen Beleuchtung. "Die Weihnachtsbeleuchtung hat eine große Tradition, und es ist unsere Aufgabe, diese Tradition weiterzuführen", erklärt er stolz. Graue Haare bedecken seinen Kopf, und seine blauen Augen verstecken sich hinter einer Brille. Hünig arbeitet als Rechtsanwalt und Mediator in der Froschaugasse im Niederdorf auf der anderen Seite der Limmat. Dort wohnt er auch mit seiner Frau. 1990 wurde ihm der Posten für das Sekretariat der Vereinigung angeboten. "Für mich war dies als damaliger Partner eines Anwaltsbüros an der Bahnhofstraße ein sehr interessantes Mandat", erklärt er. Von 2008 bis 2013 war er Präsident der Vereinigung und sah sich dazu verpflichtet, nach einer neuen Weihnachtsbeleuchtung Ausschau zu halten. "Die Bedeutung und das Image der Bahnhofstraße müssen unbedingt gepflegt werden, und die Weihnachtsbeleuchtung trägt einen großen Teil dazu bei", meint er pflichtbewusst.

Auf der Suche nach den passenden Lichtern schrieb man einen neuen Wettbewerb aus. Aus diesem ging dann die Weihnachtsbeleuchtung Lucy als Siegerin hervor. "Man muss bei dem Entscheid die Publikumsinteressen einschätzen können und mit möglichst vielen Leuten darüber reden, was sie sich wünschen", erklärt der 69-Jährige. Die neue Beleuchtung kam beim Publikum an. "Wir bekamen viel Lob und Freude von den Passanten", sagt er zufrieden. Die Lichter leuchten in diesem Jahr von Mitte November bis zum 6. Januar. "Dies war nicht immer so. Auf Wunsch von einigen Betrieben lassen wir sie für die Orthodoxgläubigen länger brennen", erklärt er.

Die Weihnachtsbeleuchtung wird ganz allein von der Vereinigung finanziert, die von den Beiträgen der rund 150 verschiedenen Geschäfte und Banken lebt, die sich wiederum nach Anzahl von deren Mitarbeitern richten. Vereinzelt steuern auch Anwohner der Bahnhofstraße etwas bei. Das jährliche Budget beläuft sich auf etwa 400 000 Franken, wobei mehr als 200 000 Franken davon in die Weihnachtsbeleuchtung investiert werden.

Wenn die Beleuchtung nicht im Einsatz ist, wird sie in einer Halle gelagert. Die Vereinigung hat einen Vertrag mit der Firma Kummler+Matter abgeschlossen. Diese Firma ist dafür verantwortlich, dass die Lichtinstallation vor der Montage genau kontrolliert und dann auch sauber aufgehängt wird. Für die Kontrolle wurde die Stiftung St. Jakob beauftragt. Sie arbeitet mit Behinderten und versucht diese in den Arbeitsalltag zu integrieren, zum Beispiel indem die Behinderten die Lichterketten kontrollieren. Markus Hünig betont: "Ich finde, es ist ein sehr schöner Teil vom Schmuck der Stadt, und ich habe große Freude, wenn die Leute die Beleuchtung ästimieren."
 

Informationen zum Beitrag

Titel
Lucy erleuchtet einen ganzen Kilometer
Autor
Fabian Osterwalder
Schule
Kantonsschule Zürcher Oberland , Wetzikon
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.12.2015, Nr. 290, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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