Schnecken und ein süßer Baumstamm

Das Weihnachtsmahl in der französischen Gastfamilie zieht sich stundenlang hin. Lisa genießt den stilvollen Abend, bis sie beim Flaschenspiel von Brieuc in die Pflicht genommen wird.

Lisa hat kein Heimweh. In diesem Jahr verzichtet sie auf Rinderrouladen mit Rotkohl und feiert nicht die Mitternachtsmesse in der St.-Agatha-Kirche in Gronau/Epe. Lisa ist zu Weihnachten bei ihrer Gastfamilie in Massy, nahe Paris. Die vier Kinder der Familie Metairie entfachen gerade das Feuer im Kamin. Das ganze Haus riecht nach gebratenem Truthahn, und die Eltern sitzen mit den vier Großeltern gemütlich im Wohnzimmer um den Tisch. Der kleine Tisch steht voll mit kleinen Schalen, gefüllt mit vielen verschiedenen Sorten Oliven, Chips und Käsehäppchen.

Die Lichterketten des Plastikweihnachtsbaums bringen rotes, blaues und grünes Licht in die Stube. Im Hintergrund laufen französische Weihnachtslieder. Der neunjährige Brieuc fängt an mitzusingen, und Oma und Opa stimmen mit ein. Irgendwann geht "Maman" Nathalie in die Küche, um das Festtagsmenü vorzubereiten. Im Esszimmer ist der Tisch mit Tannenzweigen, Tannenzapfen und selbstgebastelten Sitzplatzkarten dekoriert. Viele Kerzen schaffen eine gemütliche Atmosphäre. Der erste Gang ist natürlich "Foie gras". Das, was so aussieht wie Leberwurst, ist Gänsestopfleber. Ein Weihnachten ohne "Foie gras" wäre in Frankreich kein Weihnachten. Die Scheibe wird so, wie sie ist, aufs Baguette gelegt. Sie darf bloß nicht verstrichen werden, das wäre die größte Sünde, die man begehen könnte.

Nachdem alle ihre Vorspeise gegessen haben, kommen Schnecken und Austern auf den Tisch. Die Familie fällt über die auf Platten gehäuften Delikatessen her. Die Schnecken riechen stark nach Kräutern und Knoblauch. Mit einer Gabel werden die schleimigen Schnecken aus ihrem Haus befreit und genüsslich verspeist. In die Austern kommt zunächst ein Spritzer Zitronenkonzentrat. Beim genauen Hinschauen sieht man, dass die Auster sich noch bewegt. "Kau gut auf den Austern herum, sonst krabbelt sie später wieder deinen Hals hoch!", treibt Elise mit ihrem kleinen Bruder Pacôme einen Scherz. Den Jungen interessiert das wenig, er ist vor nichts bange. Schnell ist alles verputzt, und die Platten sind leer. Nur der neun Jahre alte Brieuc ist nicht so ein großer Fan von Muscheln.

Die Stille des Genusses wird durch einen Piepton aus der Küche gestört: Der Truthahn ist fertig. Direkt aus dem Ofen wird er zusammen mit Kastanien und Bohnen serviert. Der himmlische Geruch breitet sich im Esszimmer aus. Die Familie nimmt sich Zeit zum Essen. Mittlerweile speisen sie schon seit Stunden. Nachdem alle ihren Hauptgang verzehrt haben, wird den Kindern nach und nach langweilig. Sie schnappen sich eine Flasche und fangen an, "Wahrheit oder Pflicht" zu spielen. Die Spielregeln kennt Lisa bereits aus Deutschland. Brieuc, der Jüngste, darf anfangen, die Flasche auf dem Tisch zu drehen. Der Flaschenhals zeigt auf Lisa. "Wahrheit oder Pflicht?" Lisa entscheidet sich für letzteres. Brieuc denkt sich schnell eine Aufgabe aus. In der hintersten Ecke der Küche findet er noch eine übrig gebliebene Schnecke. Diese soll Lisa verspeisen. Sie hat noch nie eine Schnecke gegessen. Auch als die Schalentiere auf dem Tisch standen, konnte sie sich nicht überwinden, eine zu probieren. Doch jetzt bleibt ihr nichts anderes übrig. Die ganze Familie samt Großeltern feuert Lisa an. Als sie auf der Schnecke kaut, verzieht Lisa das Gesicht. Sie schwört sich, dass sie nie wieder eine Schnecke essen wird.

Während des ganzen Spektakels hat der Vater den Tisch schon abgeräumt, und die Mutter hat eine Platte mit zehn verschiedenen Käsesorten angerichtet. Der Käse wir ohne Brot gegessen. Bevor der nächste Gang auf den Tisch kommt, muss erst einmal eine kleine Pause eingelegt werden, denn der Käse liegt noch schwer im Magen. In der Zeit kann die Apfeltarte schon in den Backofen geschoben werden. Die Kinder haben den süßen Geruch wahrgenommen, sie beenden ihre Gesellschaftsspiele. Sie sitzen wieder brav auf ihren Plätzen und warten geduldig auf das Blätterteiggebäck. Die Tarte, verfeinert mit Zucker und Zimt, wird gerecht verteilt. Sie zergeht auf der Zunge.

Die Essgewohnheiten mögen in Deutschland und Frankreich an Weihnachten ja noch so unterschiedlich sein, aber bei einem sind Franzosen und Deutsche sich einig: Le meilleur pour la fin - das Beste kommt zum Schluss. Und was ist es? Ein Baumstamm! Natürlich kein echter. Der "Baumstamm" besteht aus einem Biskuitteig, gefüllt mit einer Kaffeecrème, der zusammengerollt wird und nachher so verziert wird, dass er so aussieht wie ein Stamm. Nachdem auch das alles verputzt ist, ist es fast Mitternacht. Bevor die Erwachsenen noch ihr letztes Glas Wein austrinken und dann die Kinder ins Bett bringen, wird dem Père Noël noch ein kleiner Happen zu essen hingestellt. Außerdem muss jedes Kind noch einen Stiefel unter den Weihnachtsbaum stellen. Von dem ganzen Essen sind die Kinder so müde, dass sie einfach ins Bett fallen. Alle müssen vor Mitternacht schlafen gehen, denn sonst hat der Père Noël nicht genügend Zeit, alle Geschenke zu verteilen.

Sobald am nächsten Morgen das erste Kind wach ist, werden sofort auch die Geschwister geweckt. Gemeinsam poltern sie die Treppe herunter und stürmen ins Wohnzimmer. Der Weihnachtsbaum war zu klein, um alle Geschenke darunter zu plazieren. Père Noel hat die Geschenke im ganzen Wohnzimmer verteilt. Es bleibt kaum noch Platz zum Laufen, denn auf jeder freien Bodenfliese stapeln sich die bunten Geschenkkartons. Die Kinder stürzen sich auf die Pakete und reißen sie auf. Überall fliegen bunte Fetzen Geschenkpapier herum. Jedes Spielzeug wird genau inspiziert und ausprobiert, und den Rest des Tages wird gespielt, gespielt und noch mal gespielt. Ob Elise, Lisas französische Gastschwester, von Rindfleischsuppe, Rinderroulade mit Rotkohl und einem Dessert satt wird, stellt sich im nächsten Jahr heraus, wenn Elise das Weihnachtsfest im Münsterland bei Lisas Familie verbringen wird.

Informationen zum Beitrag

Titel
Schnecken und ein süßer Baumstamm
Autor
Anna Paganetty
Schule
Werner-von-Siemens-Gymnasium , Gronau
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.12.2015, Nr. 296, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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