Staunen über Schnee und Pünktlichkeit

Im Winter gibt es Minusgrade. Und Schnee habe ich zum ersten Mal hier gesehen", sagt Giovana Valério da Fonseca. Die 18-Jährige kommt aus der Stadt Piracicaba im Staat São Paulo. Seit einem Jahr ist die Brasilianerin in Friesoythe, im Landkreis Cloppenburg in Niedersachsen, und wohnt in drei Gastfamilien. Der Auslandsaufenthalt läuft über die Organisation Rotary. "Ich habe mich für ein Auslandsjahr in Deutschland entschieden, weil es ein Land mit viel Geschichte und einer faszinierenden Kultur ist, zum Beispiel diese Pünktlichkeit, alle halten sich an die abgemachten Zeiten. In Brasilien kommen die Leute immer zu spät", sagt die Südamerikanerin. "Die meisten Jungen oder Mädchen wollen nämlich in die USA, ich wollte schon immer einen Austausch nach Europa." Außerdem sei die Mobilität in Deutschland von Vorteil. "In Brasilien fahren nicht so viele Züge wie hier, und es ist schwerer, von einem Ort zum anderen zu kommen, wenn man kein Auto hat. Aber es nervt, wenn die Lokführer in Deutschland mal wieder streiken. Ich fahre auch oft mit dem Bus zu meiner brasilianischen Freundin nach Cloppenburg." Zur nahen Schule fährt sie mit dem Fahrrad. In Brasilien wird sie mit ihrer Zwillingsschwester von der Mutter, einer Zahnärztin, zur Schule gebracht. Abgeholt werden die beiden in der Mittagspause des Vaters, einem Bauingenieur. Giovanas Bruder studiert Bauingenieurwesen. Manchmal bringt auch er seine Schwestern zur Schule.

Giovana geht in die elfte Klasse des Albertus-Magnus-Gymnasiums in Friesoythe. Ein Lieblingsfach hat sie nicht, die Fächer zu verstehen sei schwer. Als Giovana nach Deutschland reiste, waren die einzigen Worte, die sie kannte, "Hallo wie geht's?". "Meine erste Gastfamilie hat mir Bücher gegeben. Ich habe allein Deutsch gelernt. Danach bekam ich Deutschunterricht bei einer Lehrerin. Kinderbücher sind eine große Hilfe, um Vokabeln zu lernen. Und Filme gucke ich, um das Verständnis zu üben. Es ist eine schwere Sprache", findet sie. Einmal gab es eine unangenehme Situation, ihre Gastmutter erzählte ihr, dass sie zu einer Beerdigung gehe. Daraufhin wünschte Giovana ihr viel Spaß, denn sie kannte das Wort nicht. Auch für Hannah Fleuren, eine ihrer Gastschwestern, war es zu Beginn schwer, mit ihr zu kommunizieren. "Am Anfang haben wir uns noch mit Händen und Füßen unterhalten, aber mit der Zeit hat man sich besser verstanden", sagt die zierliche 17-Jährige. Es sei ungewohnt, wenn eine fremde Person aus einem anderen Land mit einem zusammenlebe. "Andererseits ist es eine gute Erfahrung, denn ich habe die portugiesische Sprache und die brasilianische Kultur ein wenig kennengelernt." Hannah sagt, sie habe eine neue Freundin gefunden, die sie später vielleicht mal besuchen kann.

Für ihre Gastfamilie hat Giovana brasilianische Spezialitäten zubereitet, unter anderem Coxinha, ein von Kartoffelpüree umhülltes frittiertes Hühnchen. Brasilianisches Essen vermisst sie. In ihrer Heimat gebe es das beste Churrasco, eine Art Barbecue. Aber das deutsche Essen sei auch nicht schlecht.

Informationen zum Beitrag

Titel
Staunen über Schnee und Pünktlichkeit
Autor
Hanna Preut
Schule
Albertus-Magnus-Gymnasium , Friesoythe
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.12.2015, Nr. 296, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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