Die Grenzen täglich überschreiten

Ein sonniger Tag in Baden-Baden. Die 17-jährige Alicia aus dem französischen Wissembourg ist zu Besuch bei Kurt Heinzelmann. Der 75-jährige Rentner, der einst als Betriebsleiter in einem Asphaltmischwerk arbeitete, sitzt in seinem hellen Wildledersessel. Bei Kaffee und Apfelkuchen reden die beiden angeregt miteinander. Nicht immer war der rüstige Rentner so offen für einen Besuch aus Frankreich. Denn nach Ende des Zweiten Weltkriegs wurde seine badische Heimat der französischen Besatzungszone zugeteilt. Etwa 35 000 Franzosen waren damals in seiner Heimatstadt stationiert. "Ich hatte nicht das Gefühl, dass die jungen Soldaten anfangs sonderlich viel mit uns Deutschen zu tun haben wollten", erinnert er sich. "Sie sonderten sich ab, lebten in ihrem eigenen Stadtviertel und hatten sogar eigene Supermärkte, die nur französische Produkte anboten." Er fährt sich durch das lichte, dunkle Haar, rückt sich die Brille zurecht und fährt fort: "Doch eines war uns damals schon klar: Solch ein bestialischer Krieg darf sich auf keinen Fall wiederholen."

Als die Franzosen einmarschierten, war Kurt Heinzelmann gerade erst sechs Jahre alt. "Doch unter den französischen Besatzern waren nicht alle den Deutschen schlecht gesinnt. Manche schlossen sogar Freundschaft mit ihnen. Würde ich heute einmal an Charles de Gaulles Grab stehen, würde ich ihm danken", sagt Heinzelmann. "Er reichte dem damaligen Kanzler Konrad Adenauer die Hand und sagte, die Feindschaft müsse ein Ende haben. Ein großer Augenblick. Da bekomme ich heute noch eine Gänsehaut."

Am 22. Januar 1963 wurde die ehemalige "Erbfeindschaft" durch die Unterzeichnung des Elysée-Vertrags beendet. "Ich erinnere mich noch gut daran", verrät der sympathische Badener mit einem leichten Schmunzeln. "Ich habe es im Radio mitverfolgt." Seit 1963 hat sich das Verhältnis zwischen Deutschen und Franzosen zum Positiven geändert. Heute fährt der reiselustige Badener gerne in die Bretagne. Er genießt die westfranzösische Mentalität, das tolle Essen und die langen Spaziergänge am Strand. Seine Frau Gudrun ist immer mit von der Partie, und das seit nunmehr 20 Jahren, ohne dass sie beide ein Wort Französisch sprechen. "Zur Not haben wir ja noch Hände und Füße", fügt seine Frau hinzu.

An Urlaube dieser Art war vor 50 Jahren noch nicht zu denken. Gerade im Norden Frankreichs waren Deutsche keine gerngesehenen Gäste. Umso glücklicher ist das Ehepaar darüber, heute "grenzenlos" nach Frankreich reisen zu können. Seine Enkelin Alicia nimmt er gerne in den Urlaub mit. Das Besondere: Seit vier Jahren wohnt sie selbst aufgrund der beruflichen Situation ihrer Eltern in Wissembourg, einer kleinen elsässischen Grenzstadt zur Südpfalz. Das Leben in Frankreich ist für die ambitionierte Schülerin mittlerweile nicht mehr wegzudenken. Auch ihr Großvater kommt sie häufig besuchen. Französisch lernt sie nun schon seit sieben Jahren. Ständig kann sie von ihren Sprachkenntnissen profitieren. Morgens um 7 Uhr steht sie an der Bushaltestelle, um mit ihrer besten Freundin Anna, ebenfalls einer Deutschen, gemeinsam zur Schule nach Deutschland zu fahren. Das Hin- und Herpendeln zwischen Deutschland und Frankreich ist für sie kein Thema mehr. "Anfänglich war es zugegebenermaßen etwas ungewohnt, aber das hat sich schnell eingespielt", sagt Alicia.

Ihre siebenjährige Schwester Carla hat es da nicht ganz so kompliziert: Sie besucht die Grundschule "Ecole Wentzel" in Wissembourg, eine Schule, die sich wie viele weitere Schulen im Elsass auf den zweisprachigen Unterricht spezialisiert hat. Eine junge Lehrerin verrät: "Es ist wichtig, die beiden Nationalitäten zusammenzuführen, denn am besten profitieren und lernen sie im sozialen Umgang voneinander." Carla, die mittlerweile die "CE1", im deutschen System die zweite Klasse, besucht, geht gerne zur Schule. Auch für sie war die neue Situation in Frankreich eine Umstellung. Mit drei Jahren kam sie in die "Ecole maternelle", die mit der Vorschule in Deutschland zu vergleichen ist. Französisch hat sie lediglich durch den sozialen Umgang gelernt. Kurt Heinzelmann ist stolz auf seine Enkeltöchter. Auch ist er froh darüber, dass er diese tolle Entwicklung zwischen Frankreich und Deutschland miterleben darf. "Es hat zwar seine Zeit gedauert, aber das Ergebnis kann sich nun wirklich sehen lassen", lächelt der Badener.

Informationen zum Beitrag

Titel
Die Grenzen täglich überschreiten
Autor
Alicia Heinzelmann
Schule
Alfred-Grosser-Schulzentrum , Bad Bergzabern
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.12.2015, Nr. 296, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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