Oft entscheiden nur wenige Hundertstelsekunden

Es wurde mir in die Wiege gelegt." So erklärt Gerald Dietz, wie er mit seiner Leidenschaft in Berührung gekommen ist. "Mein Vater Dieter ist früher auch Bergrennen gefahren, und eigentlich wurde mir verboten, in seine Fußstapfen zu treten." Der Grund: Der Sport hatte früher wegen zahlreicher Zwischenfälle nicht den sichersten Ruf. Trotzdem fuhr der im unterfränkischen Obereuerheim lebende Bauingenieur in jungen Jahren ein sogenanntes Enduro, also ein geländegängiges Motorrad: "Damals waren das Rennen um die deutsche Meisterschaft. Jedoch habe ich nur bei Rennen in der Nähe teilgenommen, angefangen habe ich mit 16 Jahren." Mit 30 Jahren, packte den Mann mit dem wettergebräunten Gesicht und markanten Kinn seine heutige Renn- und Wertungsprüfungsleidenschaft endgültig.

Von den bekanntesten Rennstrecken und von verschiedenen Disziplinen kann Gerald Dietz, der kurze grauschwarze Haare hat und 1,80 Meter groß ist, behaupten, sie hautnah miterlebt zu haben. "Ich bin früher alles Mögliche gefahren, ich bin einfach gefahren, was in der Nähe war." Ob Bergrennen gegen die Zeit oder Slalom um Hindernisse, ob Hockenheim oder Nürburgring - viele Rennen ist er gefahren, wovon auch die Pokale auf seinem Wohnzimmerschrank zeugen. 1997 wurde er vom ADAC für seine besonderen Leistungen ausgezeichnet. "Also, ich darf mich ADAC-Toptalent nennen", sagt er schmunzelnd.

Ganz ohne Unfälle ging das Ganze nicht vonstatten, wie 1999 bei einem Bergrennen in Eichenbühl, einer Gemeinde im unterfränkischen Landkreis Miltenberg. Dietz fuhr damals einen VW-Golf, überschlug sich sechsmal mit seinem Auto. Ergebnis des spektakulären Überschlags, der komplett auf der Fahrbahn stattfand, waren zwei gebrochene Rippen und ein völlig demolierter Rennwagen. "Ohne Käfig wird's da schwierig zu überleben", erklärt der Tourenwagenspezialist. Doch der bei einem Autozulieferer beschäftigte Projektmanager nimmt den lange zurückliegenden Unfall mit Humor: "Die Straße war ein wenig zu schmal."

Stoppen konnte ihn dieser Unfall nicht. Zusammen mit einem Rennkollegen aus Schweinfurt und weiteren Freunden fing er 2004 mit dem Aufbau eines weißen 3er-BMWs an. Finanziert wurde alles durch Sponsoren oder aus eigener Tasche. "Tüftler war ich ja vorher schon", erzählt Dietz, "das hat sich dann einfach so ergeben." So habe er sich kurz darauf einen seiner Träume erfüllt: das 24-Stunden-Rennen am Nürburgring. Als "Stallnachbar" des Teams Schubert Motorsport von Hans-Joachim "Striezel" Stuck, dem legendären Formel-1-Piloten, wechselte er sich mit zwei anderen Fahrern nach geregelten Zeiten ab. "Das Rennen war brutal anstrengend", sagt Dietz. "Aber damals war ich ja noch fit." Mitten im Geschehen hatten die Teamkollegen noch mit einem Motorschaden zu kämpfen, was fast das Aus für sie bedeutet hätte. Doch mit vereintem Wissen konnten sie den Wagen reparieren: "Das Team Stucks hat applaudiert, als wir das Auto wieder auf die Strecke gebracht haben."

Seit 2009 konzentriert sich Dietz vorwiegend auf die historische Gleichmäßigkeitsrennsportserie GLPpro, die 2015 aus zehn Wertungsprüfungen mit historischen Fahrzeugen auf deutschen Rennstrecken und im tschechischen Most bestand und die Dietz als Gesamtsieger gewann. "Ich habe mich richtig gefreut, als mein BMW endlich 25 Jahre alt war", erzählt er stolz, während er ein Bild seines seltenen Wagens, eines grauen BMW 320 is, Baujahr 1989, auch Italo-M3 genannt, in den Händen hält. Nur wenige tausend Stück mit dem charakteristischen, kleineren Hubraum wurden für den italienischen Markt gebaut. Bei dieser Art von Rennen geht es nicht darum, die Höchstgeschwindigkeit aus seinem Auto herauszuholen oder die meisten PS zu haben. "Wir sind eine klassenlose Gesellschaft. Verbissene Siegstrategen sind eher unerwünscht."

Gemessen wird bei der Gleichmäßigkeitsprüfung die schnellste Runde der Fahrer, die versuchen mit möglichst wenig Zeitabweichung ihre Vorgabe zu wiederholen. Gefahren wird 20 Minuten je Rennen, die fünf Runden mit den wenigsten Abweichungen werden gewertet. Vor dem Wertungsrennen liegen freies Training und Pflichttraining. Oft entscheiden nur wenige Hundertstel Sekunden über den Sieg. Fahrer und Wagen wird viel abverlangt. "Trotzdem hat jeder die Chance zu gewinnen. Im Vordergrund stehen die entstandenen Freundschaften, die über das Fahren hinausgehen." Man trifft sich oft nach den Rennen zum Grillen oder trinkt noch ein Bier.

Bis zu welchem Alter kann man diesen Sport betreiben? "Ein Teilnehmer mit 68 Jahren fährt in dieser Runde sogar unter dem Slogan: Hockenheim statt Altenheim", sagt Dietz. "Solange es mir meine Frau noch erlaubt, fahre ich weiter."

Informationen zum Beitrag

Titel
Oft entscheiden nur wenige Hundertstelsekunden
Autor
Felix Hauck
Schule
Bayernkolleg , Schweinfurt
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.01.2016, Nr. 2, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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