Zurzeit die Drittschnellste der Welt

Klick. Klick. Ein ungewohntes Geräusch für so manches Ohr, aber nicht für das eines Radrennfahrers. Dieses Einrasten der Schuhe symbolisiert die Fusion von Mensch und Maschine, von Miriam Welte und ihrem Bahnrad. Die 28-jährige Athletin beginnt in gleichmäßigem Rhythmus zu treten. Heute allerdings nicht vor 6000 jubelnden Zuschauern im Lee Valley Velodrom im Olympiakomplex Londons, wo sie sich 2012 zusammen mit Kristina Vogel zur Olympiasiegerin krönte, sondern in Dudenhofen auf einer etwas heruntergekommen wirkenden Radrennbahn unter freiem Himmel, etwa 50 Kilometer östlich von Kaiserslautern.

Ihre von Reinhard Mey besungene Heimat "K-Town - Western Germany" wird eigentlich vom Betzenberg herab von König Fußball regiert. Doch heute geht es um die berühmte Tochter der Stadt. Auf viel zu lauten Rollen absolviert Miriam Welte ihr Aufwärmprogramm im Innenraum. Es gibt auch deutlich leisere, aber heute hat sie die falschen Rollen eingepackt. Rollen sind bei Radsportlern ein beliebtes Trainingsgerät. Der Sportler fährt mit seinem Fahrrad auf einem Gestell, in das drei miteinander verbundene Rollen eingelassen sind. Er tritt quasi auf der Stelle, fährt aber und kann so die Intensität und Trittfrequenz unabhängig von äußeren Einflüssen wie dem Straßenverkehr selbst bestimmen. Sie schmunzelt: "Wir Athleten meinen ja immer, dass es reicht, sich bei solchem Wetter kurz in die Sonne zu setzen, um warm zu werden, aber leider ist das nicht so leicht."

Nach 20 Minuten auf der Rolle und einigen Griffen zur Trinkflasche und zum Handtuch steigt Miriam Welte von der schwarz-grauen Rennmaschine ab, um einen anderen Gang auf das Fahrrad zu montieren. Bahnrennräder haben keine Bremsen und keine Gangschaltung und müssen je nach Bedürfnissen umgebaut werden. Während sie an ihrem Sportgerät werkelt, erklärt Frank Ziegler, ihr Stiefvater und Trainer: "Das ist das Erste, was meine Athleten bei mir lernen - wie sie ihr Fahrrad umbauen. In Trainingsgruppen mit zehn kleinen Athleten ist das manchmal nicht so spaßig, aber bei nur einer Athletin ist das kein Problem." Miriam lacht wissend, zieht ihren weißen Helm auf und ihre schwarzen Handschuhe an.

Endlich kann es losgehen. Sie rollt auf die 250 Meter lange Rennstrecke. Doch nach der ersten Runde kommt sie kopfschüttelnd zurück und verkündet, sie habe den falschen Gang drauf. Also noch mal absitzen und umbauen. Heute übt die amtierende Olympiasiegerin im Teamsprint das Starten. Dieses ist für ihre Aufgabe, die erste Runde zu fahren, unglaublich wichtig. Sie gibt die ersten 50 Meter richtig Gas. Die folgenden drei Minuten fährt sie gemächlich durch das graue Betonrund, um zu regenerieren. Dann beginnt die Prozedur erneut, leichtes Anrollen, und ab geht es. Es folgen zwei Wiederholungen.

Miriam Welte hat sich nach dem Abitur für eine Laufbahn bei der Polizei entschieden. Dank der Spitzensportförderung kann sich die Polizeikommissarin bei der Landespolizei Rheinland-Pfalz auf ihre Karriere konzentrieren, ohne sich Sorgen um ihre Zukunft machen zu müssen.

Während sie sich und vor allem ihr Fahrrad auf den nächsten Trainingsabschnitt vorbereitet, erklärt ihr Trainer, dass sie Miriams Runde aufgebrochen haben, um jeden Abschnitt einzeln trainieren zu können, mit dem Ziel, ihre Stärken noch stärker zu machen. "Im Moment fährt sie die drittschnellste Zeit der Welt. Nur eine Russin und eine Chinesin sind auf der ersten Runde schneller." Das gilt es bis Rio zu ändern. Der nächste Trainingsblock beginnt. Diesmal hält ihr Trainer sie zum Starten fest, zählt von fünf abwärts, und sie legt los. Sie kämpft gegen den zu hohen Gang, den sie noch vor einigen Augenblicken montiert hat, um die Kraft in den Muskeln zu aktivieren. Das Prozedere wird dreimal wiederholt, ehe sie in den Innenraum rollt. Noch ehe sie abgestiegen ist, stellt sie stöhnend fest, dass ihre Füße brennen. Sie befreit ihre Füße aus Klickschuhen und Socken. Sofort fallen die roten Tapestreifen an den Innenseiten ihrer Füße auf, die verhindern, dass sich dort Blasen bilden.

Sie packt zum letzten Mal das Werkzeug aus, in der Zwischenzeit präsentiert ihr Trainer den wöchentliche Trainingsplan bis Rio 2016, inklusive Höhentrainingslager in Colorado Springs und der WM in London. Falls sie nicht mehr krank wird, ist das das Vorbereitungsprogramm bis zu den Olympischen Spielen. "Tickets für die Rennen in Rio habe ich schon besorgt. Es ist immer ein Kampf, an genügend Karten zu kommen", erklärt Ziegler. Da nur der Bundestrainer eine Akkreditierung erhält, müssen sich die Trainer und Angehörigen der Athleten selbst um ihre Karten im Velódromo da Barra bemühen.

Nach einer Pause schwingt Miriam Welte sich auf ihre Rennmaschine und fährt den Renngang. Als sie das nächste Mal vorbeirollt, lächelt sie, als Frank Ziegler ihr die handgestoppte Zeit zuruft. Das Ganze nun noch zweimal, und es ist fast geschafft. Später sitzt sie wieder auf dem Beifahrersitz des VW-Busses und sagt mit einem Augenzwinkern: "Ich schlafe jetzt bis Kaiserslautern. Das mache ich immer so. Schließlich ist Regeneration mindestens genauso wichtig wie Training, wenn nicht sogar wichtiger, gell?" Der Trainer nickt. Sie schließt ihre braunen Augen.

Informationen zum Beitrag

Titel
Zurzeit die Drittschnellste der Welt
Autor
Nils Pfeiffer
Schule
Heinrich-Heine-Gymnasium , Kaiserslautern
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.01.2016, Nr. 2, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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