Voller Adrenalin am Boxenstopp

Laute Motoren, hoher Adrenalinspiegel, große Spannung und begeisterte Zuschauer: Axel Schulze aus Weibern, 30 Kilometer nordöstlich vom Nürburgring, hat dies als Toyota-Boxencrewmitglied von 1991 bis 2010 in der Rallye und in der Formel 1 erlebt. Der 58-Jährige ist gelernter Kfz-Mechaniker und Karosserieschlosser. Nach acht Jahren gelangte er über einen Verwandten zum Rennteam von Toyota, das in der Rallye aktiv war. "Motorsport ist der Hammer. Da müsste man mal arbeiten können", dachte er damals. 2001 stieg Toyota in die Formel 1 ein. Schulze wurde Mechaniker im 100 Mann großen Rennstall. "Im Rennsport ist am Fahrzeug alles unterteilt", fachsimpelt er. Es gibt unterschiedliche Arbeitsbereiche am Fahrzeug, wie zum Beispiel Getriebe, Motor, Fahrgestell und Elektrik. Schulze war im Bereich Composit tätig. Er und sein Teamkollege Anno Lipp reparierten und modifizierten Teile aus Carbon und bauten sie am Fahrzeug an. Sie waren zu diesem Zeitpunkt dort die einzigen deutschen Mechaniker. Die Teile benötigte man am ganzen Auto, da dies aus 250 bis 300 Carbonteilen bestand, gleich ob Frontflügel, Hinterachse oder Lenkrad.

Der Ablauf eines Rennwochenendes für einen Zuschauer ist: freitags das Training, samstags das Qualifying und sonntags das Rennen. Doch für das Rennteam beginnt der Ablauf meistens eine Woche vor dem Rennen. Manche Mitarbeiter reisen samstags zur Rennstrecke, um die Boxenanlagen zu kontrollieren. Die restliche Crew samt Fahrzeug und Zubehör reist einen bis zwei Tage später nach. Wenn das Fahrzeug an der Rennstrecke angekommen ist, wird es angepasst, denn für jede Strecke wird ein eigenes Setup für den Rennwagen erstellt. Das Highlight waren für Schulze die Boxenstopps beim Rennen. Dann hat jedes Crewmitglied seine Aufgabe. Dafür wird in der rennfreien Zeit drei- bis sechsmal in der Woche trainiert. "Man ist voller Adrenalin, wenn das Fahrzeug in die Box kommt. Man darf bloß keine Fehler machen. Das Fahrzeug muss nach drei bis vier Sekunden wieder auf die Strecke." Die Crew hat dafür Schutzkleidung: feuerfeste Unterwäsche, Socken, Helm, Handschuhe und Overall. "Man fühlt sich mit so einer Ausrüstung gleich viel sicherer." Zusätzlich gab es an heißeren Orten Kühlwesten. Nach dem Rennen wird das Fahrzeug in der Nacht zum Transport abflugbereit gemacht.

Schulze war im Durchschnitt im Jahr in 18 Ländern, für gewisse Tests am Fahrzeug noch mal zusätzlich in vier bis fünf Ländern. 60 bis 80 Mal saß er im Flieger. "Das war Stress pur, doch es war jedes Mal ein Abenteuer. Da bekomme ich jetzt noch Gänsehaut", berichtet er begeistert.

Doch der Job hat auch Nachteile. Es gibt einen riesigen Unterschied zwischen dem Privatleben und dem Beruf mit seiner luxuriösen Lebensweise. "Toyota hat sich da nie lumpen lassen", sagt er über die Flüge und Zimmer in Hilton- oder Maritim-Hotels, Urlaube zwischen den Rennen, um Jetlag und Stress abzubauen, und das Catering. Zum anderen hat es Konsequenzen für Familie und Freunde. "Wenn man mit erziehen oder sich in den Kreislauf der Familie einmischen will, geht das schief." Er war nur noch selten zu Hause. "In meiner Anfangszeit in der Formel 1 habe ich gemerkt, wie meine Kinder am Telefon älter wurden. Man verliert auch viele Freunde. Am Schluss gab es nur noch die Familie und den Job."

Dennoch bereut er seine aktive Zeit in der Formel 1 nicht: "Ich habe das 19 Jahre gern gemacht." Und viel Gutes erlebt, ob das nun das erste Rennen in Australien, die erste Begegnung mit Michael Schumacher oder die neuen Kollegen waren. "Ein besonderes Erlebnis war immer die Feier nach der Saison. Da hat man mit Michael Schumacher und den anderen Fahrern Fußball gespielt und das ein oder andere Bier getrunken." Pannen hatte er auch, ob nun Sprit beim Rausziehen des Tankschlauchs heraustropfte und das Auto brannte oder Gase entwichen und dadurch der Overall in Flammen geriet.

Heute betreibt er mit Anno Lipp die Firma Carbon Star in Niederzissen in der Eifel. Er ist immer noch mit der Reparatur und Modifizierung von Autoteilen auf höchstem Niveau beschäftigt. Sie betreuen alle acht DTM-Wagen von BMW und die LMP1-Wagen von Porsche.

Informationen zum Beitrag

Titel
Voller Adrenalin am Boxenstopp
Autor
Nicolas Schmitt
Schule
Megina-Gymnasium , Mayen
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.01.2016, Nr. 2, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

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