Sobald der Anzeiger zuckt, ruft das die Piloten auf den Plan

Die lange Ausbildung ist kostspielig, der Jetlag Alltag. Und trotzdem reden die beiden Münchner Piloten von einem Traumberuf. Elfeinhalb Stunden sind sie bis Hongkong über den Wolken.

Um 13.40 Uhr schließen sich die Türen, und der Jet rollt zur Startbahn. Der 36-jährige Patrick Müller sitzt hochkonzentriert im Cockpit und bereitet das Flugzeug auf den Start vor. Er lässt die donnernden Triebwerke warm laufen und wartet auf die Startfreigabe vom Tower des Münchner Flughafens. Als der Fluglotse den Flug freigibt, setzt sich Patrick Müller ganz cool die Sonnenbrille auf, anschließend übernimmt er das Steuer des riesigen Flugzeugs und drückt die Schubhebel nach vorne. Routiniert hebt er mit dem Airbus A340 ab und steigt auf 11 000 Meter Höhe.

Nach dem Start lehnen sich die beiden Piloten zurück, unterhalten sich und überwachen die Instrumente. Das ist der berufliche Alltag von Patrick Müller und Jonas Schmid, die im wirklichen Leben anders heißen, aber aus beruflichen Gründen ihren Namen nicht in der Zeitung lesen möchten. Beide sind Berufspiloten einer deutschen Airline. Vor ihnen liegen elfeinhalb Stunden über den Wolken, bevor sie in Hongkong landen.

Pilot zu werden - das war der Jugendtraum des Münchners Patrick Müller: "Ich wusste schon relativ früh, dass es das ist, was ich machen will." Schon in seiner Kindheit war er fasziniert vom Fliegen. Die Arbeit mit allerneuester Technologie, das Reisen und Kennenlernen verschiedener Kulturen übt auf ihn große Anziehung aus. Doch Pilot zu werden ist nicht billig, die Kosten betragen zwischen 60 000 und 80 000 Euro. Die anspruchsvolle Ausbildung beginnt an der Flugschule in Bremen. Dort lernt man ein halbes Jahr Theorie in Fächern wie Navigation, Meteorologie, Elektrotechnik, Air Traffic Control und Aerodynamik. Anschließend geht es nach Phoenix, Arizona. Dort werden die angehenden Piloten das erste Mal ein Flugzeug steuern. Nach zweieinhalb Jahren und rund 220 Flugstunden ist es frühestens so weit, und der erste von zwei Kapitänen überwachte Flug als Verkehrspilot kann beginnen. Der Beruf des Piloten ist im Lauf der Zeit anspruchsvoller und komplexer geworden: Früher saß man zu fünft im Cockpit: zwei Piloten, ein Funker, ein Navigator und ein Flugingenieur. Heute müssen zwei Piloten dieselben Aufgaben erledigen wie die ehemals fünfköpfige Besatzung. Unterstützt werden sie allerdings von modernen Computern, die die zahllosen Flugzeugsysteme überwachen.

Gestartet wird immer manuell, gelandet meist auch, nur bei schlechtem Wetter landet der Autopilot, und die Piloten überwachen die Instrumente. Sobald das Flugzeug auf Reiseflughöhe ist, schalten die Piloten den Autopiloten an. Dies liegt jedoch nicht daran, dass sich die Piloten zurücklehnen wollen und dem Computer die Arbeit überlassen, sondern um den Piloten die größtmögliche Konzentration bei Start und Landung zu ermöglichen: "Man benutzt den Automatismus, um die Konzentration zum Start und zur Landung aufs Maximum zu bringen", sagt Schmid.

Der Autopilot hat die Fliegerei allerdings nicht einfacher gemacht. Zwar kann man sich bei einem Flug über die Alpen zurücklehnen und die Sicht aus erstklassiger Perspektive erleben, die Arbeit im Cockpit hat es jedoch in sich. Jonas Schmid beschreibt es als "permanentes gedankliches Arbeiten" und berichtet: "Leute, die zum ersten Mal ins Cockpit kommen und uns zuschauen, denken immer, wir sitzen stumpf da und machen nichts, sobald aber bei einer der Anzeigen der Zeiger auch nur leicht zuckt, merken wir das sofort." Die beiden Piloten gehen gedanklich immer sämtliche Eventualitäten durch nach dem Motto: Was würde ich machen, wenn jetzt was passiert? Gerade deshalb wird es den Piloten nie langweilig, auch nicht auf Langstrecken, da sie immer für alles bereit sein müssen.

Auch körperlich ist der Pilotenjob nicht ohne. Durch die Zeitverschiebung haben viele Piloten Probleme, genug Schlaf zu bekommen. "Man muss lernen, in Häppchen zu schlafen", sagt Flugkapitän Jonas Schmid, "mal drei Stunden hier, mal fünf Stunden da." Das ist für viele junge Piloten schwierig, und auch erfahrene Piloten haben noch ihre Probleme, genug Erholung zu bekommen.

Langstreckenpiloten wie Patrick Müller haben meistens 48 Stunden Aufenthalt am Zielort. Entgegen der allgemeinen Meinung machen Piloten nicht die Nacht über Poolparty mit heißen Frauen. "Die meisten Kollegen gehen in den Fitnessraum, oder wir schauen uns gemeinsam die Stadt an." Auch in punkto Alkohol gibt es strenge Richtlinien. Per Gesetz dürfen Piloten ab acht Stunden vor Abflug keinen Alkohol mehr konsumieren, bei der Lufthansa sind es sogar zwölf Stunden.

Ganz ungefährlich ist der Beruf nicht, trotz der neuesten Errungenschaften in Luftfahrt und Technik. "Je länger man dabei ist, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass etwas Unangenehmes passiert", meint der 48-jährige Kapitän, der schon 28 Jahre Flugerfahrung hinter sich hat. Doch für die Passagiere besteht kein Grund, in Panik auszubrechen, wenn während des Fluges Probleme auftreten. Piloten werden viermal im Jahr im Simulator auf Herz und Nieren geprüft. Von diesen vier Prüfungen dürfen sie nur eine wiederholen. Scheitern sie ein zweites Mal, verlieren sie ihre Fluglizenz. Technische Probleme wie das Ausfallen eines Triebwerks sind für Piloten selten ein Problem, da sie regelmäßig üben, was in einem solchen Fall zu tun ist. "Für uns sind diese Situationen selten gefährlich, weil wir sie ständig üben", betont Patrick Müller.

Auch müssen sich angehende Piloten darüber im Klaren sein, dass ihr soziales Leben nicht mehr so sein wird wie das anderer Leute. "Man wird sich bewusst, dass das Privatleben, das man kennt, nicht mehr so ist", sagt Jonas Schmid. Auch er musste anfangs lernen, damit umzugehen. Da Piloten an Sonn- und Feiertagen arbeiten müssen, haben sie 42 Urlaubstage im Jahr. Dass Piloten 365 potentielle Arbeitstage im Jahr haben, erweist sich für die Familie trotzdem oftmals als schwierig. Besonders das Thema Familienurlaub in den Sommerferien ist heikel. Jonas Schmid hat Kinder und bekommt nicht jedes Mal zu den Sommerferien Urlaub, da auch andere Piloten mit schulpflichtigen Kindern in diesem Zeitraum verreisen möchten. Dass das Probleme innerhalb der Familie hervorruft, ist klar: "Dann ist die Familie sauer, dass der Papa in den Sommerferien nicht kann", sagt Schmid. Doch die unregelmäßigen Arbeitszeiten der Piloten haben durchaus auch Vorteile. Dadurch, dass sie einige aufeinanderfolgende Tage weg sind, haben sie danach mehrere Tage am Stück frei. "Es gibt wenige Eltern mit Bürojob, die ihre Kinder unter der Woche zur Schule fahren und wieder abholen können, wir können das manchmal."

Der Pilotenberuf ist in vielerlei Hinsicht außergewöhnlich und lässt sich mit keinem anderen Beruf vergleichen. Bei der Berufsgrunduntersuchung werden Mathe-, Physik- und Englischkenntnisse geprüft, ebenso wie Rechenfähigkeit, Konzentrationsvermögen, Wahrnehmungsgeschwindigkeit und logisches Denken. Aufgrund der hohen Ansprüche werden nur etwa drei bis fünf Prozent der Bewerber angenommen. Vor ihnen liegt eine anspruchsvolle Ausbildung und ein gewöhnungsbedürftiges Leben; doch ein Kindheitstraum wird Realität, wenn sie über Lautsprecher sagen: "Sehr geehrte Damen und Herren, hier spricht ihr Co-Pilot Patrick Müller."

Informationen zum Beitrag

Titel
Sobald der Anzeiger zuckt, ruft das die Piloten auf den Plan
Autor
Philipp Althaus
Schule
Elsa-Brändström-Gymnasium , München
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.01.2016, Nr. 8, S. 30
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

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