Heimliche Hilfe beim Anfahren

Kaffeeduft vertreibt die morgendliche Müdigkeit. Dichter Hochnebel liegt über dem Landkreis Augsburg, draußen herrscht noch tiefe Dunkelheit. Es ist kurz vor 7 Uhr am Montagmorgen. Am Steuer des Wagens sitzt eine siebzehnjährige Fahrschülerin und daneben ihr Fahrlehrer Alexander Gessler mit einem Kaffee in der Hand. Den braucht er, da er fast jeden Tag um 5.30 Uhr aufsteht. Seit acht Jahren ist der 28-Jährige Fahrlehrer. Ursprünglich wollte er mit der Fahrschule seiner Eltern nichts zu tun haben und lernte Hotelfachmann. Doch mit 19 Jahren sattelte er um und entschloss sich, den Familienbetrieb zu übernehmen. Je 50 Prozent der fünf Fahrschulen in Augsburg und den umliegenden Orten Fischach, Friedberg, Straßberg und Thannhausen gehören ihm, die anderen 50 Prozent verwalten seine Eltern.

Nach der ersten Fahrstunde hat der sportliche blonde Mann zwei Stunden Zeit, bis dann um 11 Uhr die nächste Stunde beginnt. "In den Pausen gibt es eigentlich immer etwas zu tun. Ich muss in allen fünf Filialen kontrollieren, ob alles korrekt erledigt wurde, muss mein Auto waschen oder das Formelle für morgige Prüflinge vorbereiten", sagt Gessler. Als verantwortlicher Leiter hat er sich dabei auch um die Fahrschüler seiner bei ihm angestellten Fahrlehrer zu kümmern. Er muss zum Beispiel unterzeichnen, dass auch die Schüler seiner Angestellten ordnungsgemäß ausgebildet wurden.

Um 11 Uhr holt er seine nächste Schülerin zu ihrer zweiten Fahrstunde an der Filiale in Fischach ab. Heute darf sie allein im Straßenverkehr fahren. Es ist aber nicht unüblich, dass der Fahrlehrer ins Lenkrad greifen oder in schwierigen Situationen beim Anfahren helfen muss. "Ist die Situation zu heikel, wenn beispielsweise ein Lkw beim Anfahren hinter dem Fahrschulauto steht, helfe ich dem Fahrschüler heimlich." Tut er das nicht und der Motor säuft ab, kann es passieren, dass der Lkw-Fahrer auffährt. "Man muss ein bisschen sensibel sein und braucht ein Gefühl für seine unterschiedlichen Schüler", erklärt Alexander Gessler mit einem Schmunzeln. Heute steht auf seinem Tagesplan auch ein Traktor-Fahrschüler. Während beim Pkw der Fahrlehrer immer mit im Wagen sitzt, ist dies beim T-Führerschein nur in den ersten Stunden so. Später fährt der Fahrschüler mit seinem Bulldog, wie der Traktor im bayerischen Schwaben genannt wird, dem Fahrschulauto hinterher und bekommt die Anweisungen über Funk. Dabei hat der Fahrlehrer eine rechtliche Sondergenehmigung, dass er ein Walkie-Talkie während der Fahrt benutzen darf. Der Schüler hört über einen Kopfhörer in einem Ohr die Anweisungen. Wenn er signalisieren möchte, dass alles in Ordnung ist, zeigt er mit dem Daumen nach oben, hat er Schwierigkeiten, weist er mit der flachen Hand nach unten. "Die Praxisausbildung ist hier kein Problem, da die meisten mit dem Bulldog auf die Welt kommen", sagt der Lehrer lachend.

Auf einem Parkplatz in einem Gewerbegebiet eines Augsburger Vororts geht er mit seinem Fahrschüler die Theorie beim Traktor durch. Dieser zieht eine von zehn Karten und liest die erste Aufgabe laut vor: "Sichtprüfung des Antriebs von Nebenaggregaten." Der Schüler antwortet korrekt: "Man muss die Spannung der Keilriemen überprüfen, sie müssen alle vorhanden, um 90 Grad drehbar und dürfen nicht porös sein oder Spuren von Flüssigkeiten aufweisen." Auf jeder Karte stehen fünf Aufgaben. In der Prüfung wird eine der zehn Karten gezogen. "Die Theorie bei der T- Prüfung ist schwer. Neben den Theoriefragen in der praktischen Prüfung gibt es wie beim B-Führerschein noch zusätzlich eine theoretische Prüfung. Diese ist allerdings viel schwieriger, da es viel mehr um die Technik geht", sagt Gessler.

Die letzte Fahrstunde beginnt um 20.15 Uhr, nach Hause kommt der Fahrlehrer gegen 22 Uhr. Privatleben ist bei solchen Arbeitszeiten auf ein Minimum reduziert, doch Alexander Gessler scheint das nichts auszumachen, da ihm sein Beruf Freude macht. Nicht immer läuft alles rund, wenn einer seiner Fahrschüler nicht besteht, nimmt ihn das mit. "Manche Tage gewinnt man, manche Tage verliert man. Das gilt auch für mich."

Informationen zum Beitrag

Titel
Heimliche Hilfe beim Anfahren
Autor
Sally Jaßnowski
Schule
Justus-von-Liebig-Gymnasium , Neusäß
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.01.2016, Nr. 8, S. 30
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

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