Verkabelt wie ein Marsmännchen zum Konzentrationstest

Es ist still bis auf das Gekritzel eines Stiftes. Die Atmosphäre ist konzentriert. Eine studentische Hilfskraft schmiert blaue Paste mit einem Wattestäbchen in die Haare einer jungen Frau. Auf ihrem Kopf befinden sich schon drei Kabel, die mit einer Masse, die wie Kaugummi aussieht, befestigt sind. Zahlreiche weitere Kabel werden folgen, zum Schluss wird sie aussehen wie ein Krake vom Mars. Doch das stört niemanden. Menschen, die mit einem Dutzend Elektroden oder mehr auf dem Kopf zur nächsten Straßenbahn rennen oder noch schnell Kaffee trinken gehen, sind hier ganz normal: willkommen im Versuchsraum der Biopsychologie an der Universität Zürich. Verkabelt wird jeweils abends, und am Morgen erlösen sich die Teilnehmer zu Hause selbst, bevor sie in das große Gebäude des Psychologischen Instituts an der Binzmühlestraße zurückkehren. Denn bei dieser Studie wird gar nicht im Schlaflabor geschlafen, dort wird nur verkabelt und getestet.

"Wir sind interessiert am Schlaf und Schlafverhalten in der vertrauten Umgebung", sagt die 32-jährige Studienleiterin Sandra Ackermann und fährt sich durch ihre kurzen, braunen Haare. "Stress im Studium - Wie beeinflusst Stress Schlaf und Gedächtnis?" heißt ihre aktuelle Studie. Um diese Frage schlüssig zu beantworten, wird die Gehirntätigkeit im Schlaf von 18- bis 35-jährigen Studenten mittels Elektroenzephalographie (EEG) gemessen. Auf dieser Aufzeichnung sieht man zum Beispiel, wie lange der Proband in entspanntem Tiefschlaf war, wann er sich im Halbschlaf unruhig gewälzt hat und wie oft er in der Nacht aufwachte.

Fünfmal muss jeder Studienteilnehmer verteilt über ein Jahr mit dem EEG am Gurt und den Kabeln am Kopf zwischen Labor und Wohnort pendeln. Einmal zur Eingewöhnung, zweimal, wenn der Proband eine Stresszeit erlebt wie zum Beispiel bei Prüfungen, und zweimal, wenn er in einer ruhigen Zeit seines Studiums ist. "Das erste Mal so ein EEG-Gerät zu tragen ist schon sehr komisch", sagt eine Versuchsperson. "Zwischendurch vergesse ich ganz, dass ich wie ein Marsmensch aussehe, und dann wird es mir plötzlich wieder bewusst, wenn mich die Leute schräg von der Seite anschauen und nicht richtig wissen, was sie von mir halten sollen." Man habe immer das Gefühl, man würde bei jeder Bewegung ein Kabel ausreißen. "Einschlafen ist trotz des Kabelsalats kein Problem für mich, aber mit dem angeschnallten Gerät kann man sich nicht so frei bewegen und bequem betten. Das Mühsamste ist der Morgen: Die Elektrodenpaste verklebt dir die Haare über Nacht komplett, und man muss das Ganze mit einem Lappen regelrecht aufweichen, bevor man duschen kann. Eklig!"

Ganz umsonst machen die Freiwilligen denn auch nicht mit, 550 Franken gibt es als Entschädigung für die Teilnahme, aber nur, wenn man bis zum Schluss durchhält. Immer wieder gibt es sogenannte Drop-outs, Leute, die nicht bis zum Schluss durchhalten; diese werden dann anteilsmäßig entschädigt. Denn neben der eigentlichen Schlafmessung gibt es für die Probanden noch ganz schön viel anderes zu tun: morgens und abends Testfragebögen ausfüllen, kognitive Tests bearbeiten, tagsüber mehrmals Speichelproben entnehmen und ein Schlaftagebuch führen. Am 25. Mai hat da eine 25-jährige Probandin beispielsweise Folgendes am Abend notiert: "Sehr gute Stimmung den Tag durch; überhaupt nicht müde und sehr konzentriert; kein Mittagsschläfchen; 9 Uhr ein Kaffee; 16.30 Uhr drei Kaffees; nichts Besonderes am Tag." Morgens werden Länge und Qualität des Schlafs notiert.

Um acht Uhr ist viel los im Schlaflabor. In den fünf kleinen, mit einem weißen Vorhang abgetrennten Kabinen auf der einen Seite des Raumes wird eifrig getippt und gekritzelt. Einige Probanden füllen ihre Fragebogen aus oder lösen einen ersten Konzentrationstest. Da müssen sie gewisse Buchstaben einkreisen, während die Uhr tickt. Danach geben sie eine Speichelprobe ab. Dafür kauen sie eine Minute auf Wattestäbchen, sogenannten Salivetten, herum. So kann man den Gehalt des Stresshormons Kortisol messen.

Die nächste Aufgabe lösen sie am Computer. Sie bekommen ein Wortpaar und müssen es sich merken. Dann erscheint nur eins der beiden Wörter und sie müssen das andere ergänzen. Die zweite Aufgabe ist ein Test zur Inhibition: Da sieht man Farbwörter in einer Farbe, und man muss die Farbe des Wortes so schnell wie möglich angeben. Schwer wird es, wenn zum Beispiel in roter Farbe "blau" geschrieben steht.

Nach Abschluss der Morgentests eilen die Studenten los, in Seminare oder zum Nebenjob, vorbei an den vielen aufgehängten Kabeln mit den roten Elektroden an den einen Enden, die wie Miniaturkopfhörer aussehen. Zurück bleiben die Hilfsassistenten und Leiterin Sandra Ackermann. Einerseits arbeitet die Postdoktorandin in der Forschung, andererseits auch als klinische Psychotherapeutin. Ihre Aufgaben als Projektleiterin bei dieser Studie sind vor allem Planung, Konzeption und Auswertung der Untersuchung. Zudem lehrt sie in Seminaren, schreibt Projektanträge und Artikel und betreut natürlich die Studenten, die eine Masterarbeit oder ein Praktikum in Psychologie machen. "Das Schöne an meinem Beruf ist, dass er sehr vielseitig und abwechslungsreich ist. Und auch, dass ich im Prinzip meine eigenen Ideen umsetzen kann", erklärt sie, während sie sich die Brille zurechtrückt.

Sie erhofft sich, "den Zusammenhang von Stress und objektiven Schlafparametern besser zu verstehen und herauszufinden, wie sich das durch den Stress veränderte Schlafverhalten auf das Gedächtnis auswirkt". Objektive Schlafparameter, also zum Beispiel Messungen mit den EEG-Geräten, sagen möglicherweise etwas anderes aus, als wenn man subjektiv das Gefühl hat, man habe schlecht geschlafen. Vom spektakulären Erfolg als Forscherin träumt Ackermann aber nicht, sie bleibt realistisch. "Klar wäre es schön, wenn man etwas Großes, Entscheidendes fände, aber ich glaube, man muss da bescheiden bleiben. Es ist schön, wenn man mit einer solchen Studie nur schon ein weiteres Puzzleteil findet und vielleicht einen neuen Zusammenhang sehen und verstehen lernt."

Fast ein Jahr noch werden Studie und deren Auswertung dauern. Prüfungsgestressten Studenten, die sich nachts unruhig hin und her wälzen und fast nicht schlafen können vor wichtigen Tests, wird die Studie an sich kaum Linderung bringen. Aber je mehr Sandra Ackermann und ihr Team über die Zusammenhänge zwischen Stress, Schlaf und Gedächtnis herausfinden werden, desto größer ist die Chance, dass wir unseren Stress irgendwann doch noch besser unter Kontrolle bringen können.

Informationen zum Beitrag

Titel
Verkabelt wie ein Marsmännchen zum Konzentrationstest
Autor
Leanna Schoch
Schule
Kantonsschule Zürcher Oberland , Wetzikon
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.01.2016, Nr. 14, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

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