Optimale Anpassung

Mitten im buntbemalten Gang kniet David Egger, hält ein fremdes Bein auf seinem Oberschenkel und bindet die maßgeschneiderten, aber noch unfertigen Schuhe. Die Besitzerin des Beines sitzt ihm gegenüber und schaut ihm zu. Der Orthopädietechniker hilft der Dame, die Prothese am Bein festzumachen. Als der an einem Silikonstrumpf befestigte Stift in der Prothese einrastet, ertönt ein Klicken. Der 36-Jährige schaut zufrieden. Die Prothese hält nun am enganliegenden Strumpf, den die Frau trägt. Die Prothese ist erst ein Probemodell aus PET und Metallteilen, das Egger hergestellt hat. "Für die endgültige Prothese wird das PET durch das leichtere Karbon ersetzt."

Solche Anproben sind Alltag für den hageren Biker, der in Uster im Osten von Zürich, wohnt. "Als Junge hatte ich Sichelfüße", erzählt Egger. Nach der Ausbildung in einem kleinen Betrieb arbeitete er in einem anderen kleinen Geschäft, doch das Anfertigen von Schuheinlagen wurde ihm zu langweilig. Vor 13 Jahren hatte er mit einer Blindbewerbung an der Uniklinik Balgrist Erfolg. Für David Egger ist diese Stelle "das Nonplusultra", da ihm und seinem Team eine ausgezeichnet ausgestattete Werkstatt zur Verfügung steht und er mit "interessanten, das heißt meist komplizierten Fällen" arbeiten kann. Hinzu kommt, dass in dem auf Orthopädie spezialisierten Züricher Spital auch Amputationen gemacht werden. Die Operation wird so geplant, dass der Stumpf optimal auf eine Prothese passt, was Egger als Leiter der Prothetik die Arbeit erleichtert.

Ohne Bein und ohne Arm im Rollstuhl lebt der neue Besitzer der am Tisch angelehnten großen Beinprothese, nachdem er unter einen Zug kam. Gerade schiebt ihn eine Dame zum Aufzug. Durch eine "möglichst große Auflagefläche" auf der Prothese muss sein Gewicht gestützt werden, damit keine Druckstellen entstehen. Gleichzeitig muss die Prothese auch Hüft-, Knie- und alle Fußgelenke sowie die Knochen dazwischen ersetzen. Menschen zu helfen ist, was Egger an seinem Beruf fasziniert.

Ein Raum ist mit Regalen vollgestellt, "das ist unsere Fußsammlung": ein Regal voller Füße aus Kunststoff. Metallstangen, die hervorstehen, ersetzen Fußgelenke und Knochen, viele sind mit hautfarbenem Plastik überzogen. Im Innern ist das widerstandsfähige Fußpassteil, der Fußersatz, versteckt. Auch allerlei Gelenke, bewegliche und unbewegliche Hände, Füße in allen Farben und Größen, liegen überall herum. Es gibt sogar eine Prothese mit Zebramuster. Immer wieder komme es vor, dass der Wunsch eines Patienten nicht erfüllbar ist. So gibt es heute zum Beispiel myoelektrische Armprothesen, die man durch das Anspannen der Muskeln bewegen kann. "Eine Prothese, die die Hand gleichzeitig drehen und die Finger greifen lassen kann, wäre aber schon schön." Daran werde anderenorts fleißig geforscht.
 

Informationen zum Beitrag

Titel
Optimale Anpassung
Autor
Dominique Altmann
Schule
Kantonsschule Zürcher Oberland , Wetzikon
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.01.2016, Nr. 14, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

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