Manches bleibt schrecklich

Von der einen auf die andere Sekunde ist es passiert. Der Fahrer eines Autos mit mehreren Insassen wird abgelenkt und gerät in den Gegenverkehr und verursacht einen Unfall. Der Fahrer ist bewusstlos, die Insassen beider Autos sind schwer verletzt, vier von ihnen droht sogar Lebensgefahr. Und sofort hört man das Martinshorn durch die Straßen tönen. Hier zählt jede Sekunde. Dies ist ein Fall für die chirurgische Notaufnahme im Coesfelder Krankenhaus, wo von Andrea Knüppe und ihren Kollegen sofort erste Hilfe geleistet werden muss.

Die 47-jährige Steinfurterin wusste seit der 9. Klasse durch ein Praktikum, dass sie einmal Krankenschwester werden will. "Mit Patienten umgehen ist wohl meine Stärke." So begann sie mit einer dreijährigen Lehre, bei der sie ihre Neigung für die Chirurgie entdeckte und auf der chirurgischen Frauenstation arbeitete. Durch den Kontakt mit der nebenanliegenden Station der Ambulanz, wo sie ab und zu aushelfen musste, wurde ihr bewusst, dass dies das Richtige für sie ist. Sie wechselte in die chirurgische Notaufnahme.

Schnelles und richtiges Handeln ist in Notsituationen von höchster Priorität. "Von uns wird Professionalität erwartet, und das kann man nur, wenn man dem Verletzten nicht nahesteht." So darf man nicht ständig Mitleid mit den Patienten haben, denn das hilft ihnen wenig. Denn nicht immer wird eine Narkose gebraucht, und nicht immer schaltet die Betäubung sämtliche Schmerzen aus. "Natürlich gibt es auch Richtlinien, nach denen wir arbeiten." Einige Fälle wie kleinere, offene Wunden, Verbrennungen oder Knochenbrüche sind für die Schwestern und Pfleger durch die Routine völlig harmlos, für den Patienten jedoch schlimm. Aber auch für die neun Teamkollegen ist es oft nicht leicht. "Tote sind für uns immer noch ein schreckliches Ereignis, vor allem jene, die plötzlich aus der Mitte ihres Lebens gerissen werden", erklärt Andrea Knüppe.

Als vor Jahren ein schwerer Autounfall mit vier Toten und zwei Schwerverletzten passierte und die Notaufnahme einen der Schwerverletzten bekam, war sie schon geschockt. Besonders, als sie sich selbst um den Verletzten kümmern musste. Dem Schwerverletzten gab die Krankenschwester schnell das Telefon, damit er selbständig seine Eltern informieren könne, bevor es nicht mehr ging. "Der Verletzte hat zum Glück überlebt", sagte Andrea Knüppe noch immer erleichtert. Zum Glück gibt es bei solchen schockierenden Erlebnissen Unterstützung von den Kollegen.

Im Team herrscht eine angenehme Atmosphäre. "Das Verhältnis zueinander ist das Wichtigste. Du verbringst die größte Zeit deines Lebens mit den Arbeitskollegen, daher ist es für mich sehr wichtig, dass das Klima stimmt", betont sie und fügt hinzu, dass sie mit den Ärzten auch prima klarkomme. Auf das Team ist auch bei der Planung der Arbeitszeiten Verlass. Die Schichten untereinander zu tauschen ist demnach fast immer möglich. Spontaneität ist bei Krankheitsfällen jedoch schon gefragt. "Es muss dann jemand einspringen, es ist ja keine Büroarbeit, die bis zum nächsten Tag liegen bleiben kann."

Gerade bei großen Veranstaltungen, wie Schützenfesten, Karneval oder Kirmes ist in der Ambulanz in Coesfeld viel los. "Wir sortieren natürlich nach Dringlichkeit", erklärt Andrea Knüppe. "Jedoch kann man dann schon mit bis zu drei Stunden Wartezeit rechnen." Sie muss jedes dritte Wochenende arbeiten. Dies weiß sie jedoch schon ein bis zwei Monate im Voraus und kann so ihre Freizeit planen. Andrea Knüppe hat zwar nur eine Dreiviertelstelle, dies reicht ihr jedoch mit Haushalt und ihren beiden mittlerweile erwachsenen Kindern. Die freien Wochenenden verbringt sie dann gerne mal außerhalb der gewohnten Gegend und geht wandern oder unternimmt spontan eine Motorradtour mit ihrem Freund.

"Ich frage mich oft, wie ich wohl reagieren würde, wenn ich nicht in der Notaufnahme arbeiten würde. Wäre ich dann auch so hilflos, dass ich nicht mal eine Schürfwunde desinfizieren kann?" Natürlich hilft ihr Beruf im Alltag. Vor allem wenn Verwandte oder Freunde sie um Rat bitten. "Oft kann ich denen weiterhelfen, indem ich sie beruhigen oder sagen kann, wie sie die Wunde zu behandeln haben. Gut, dass ich in der Notaufnahme arbeite. Dies war und ist mein Traumberuf."

Informationen zum Beitrag

Titel
Manches bleibt schrecklich
Autor
Jana Schwaning
Schule
Schillergymnasium , Münster
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.01.2016, Nr. 14, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

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